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Brandenburg Ein Jahr Corona: Von schweren Entscheidungen und großen Wünschen
Brandenburg

Ursula Nonnemacher und Pflegechefin Bettina Schade über ein Jahr Corona in Brandenburg

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11:51 28.02.2021
Ein Frau hält vor einem Bäckereigeschäft ihren Mundschutz in der Hand (Symbolbild).
Ein Frau hält vor einem Bäckereigeschäft ihren Mundschutz in der Hand (Symbolbild). Quelle: picture alliance/dpa
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Potsdam

Seit rund einem Jahr hat Corona Brandenburg fest im Griff. Am 2. März 2020 wurde die erste Infektion bestätigt. Ein 51-Jähriger aus dem Kreis Oberhavel war von einer Reise nach Südtirol zurückgekehrt und hatte sich mit dem Virus infiziert. Seitdem ist viel passiert: Erst ein Lockdown im Frühjahr, dann einer im November, der im Dezember verschärft wurde und - mit kleinen Abstrichen - weiter gilt. Über 75 000 Ansteckungen hat die Landesregierung seitdem erfasst, rund 3000 Menschen in Brandenburg starben im Zusammenhang mit Covid-19. Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) ist seit dem Ausbruch vor allem Krisenmanagerin.

Die bisher schwierigste Entscheidung war aus ihrer Sicht die Öffnung der Grundschulen am 22. Februar für den Wechselunterricht mit zuhause. „Wir müssen ständig unglaubliche Abwägungen treffen, das belastet mich schon“, sagte Nonnemacher der Deutschen Presse-Agentur. „Zum Beispiel diese Abwägung mit dem Übergang in den Wechselunterricht bei Schulen. Da ist ja die Position: Unsere Kinder müssen unbedingt wieder Unterricht bekommen, sie müssen Gleichaltrige wiedersehen.“ Die negativen Aspekte für die psychische Gesundheit der Kinder seien extrem. „Auf der anderen Seite sind wir natürlich in einer Phase, wo wir immer noch ein hohes Infektionsgeschehen haben.“

Herunterfahren von Kontakten

Die Anordnung von Quarantäne für Reiserückkehrer im vergangenen Jahr hat die Grünen-Politikerin nach eigenen Worten auch sehr beschäftigt. „Wenn es um Menschen geht, die von einer Reise zurückkommen, dann unterstellt man ihnen abstrakt ein erhöhtes Risiko, weil sie in einem bestimmten Gebiet waren, aber sie haben natürlich keinen konkreten individuellen Hinweis, dass sie jetzt Kontakte hatten“, sagte Nonnemacher. „Da fand ich die Grundrechtsabwägung sehr schwierig.“

Das wichtigste Instrument gegen die Pandemie ist für sie das Herunterfahren von Kontakten. „Es ist zur erfolgreichen Eindämmung eine sehr gravierende Kontaktminimierung nötig und das ist nicht immer in dem erhofften Ausmaß gelungen in den letzten Monaten“, sagte die Ministerin. Die konsequente Nachverfolgung von Kontakten sei ab einem gewissen Punkt nicht mehr gesichert gewesen, die Gesundheitsämter seien überlastet gewesen. „Wir wollen ja so weit runter, dass das wieder möglich ist.“

Krankenhäuser in Brandenburg noch immer belastet

Seit Ende Dezember wird gegen das Virus geimpft - zuerst für über 80-Jährige und Pflegeheimbewohner, inzwischen auch für bestimmte Polizisten und bald Lehrer und Erzieher. Der Start war holprig, dann fehlte Impfstoff. Die Ministerin warnt davor zu glauben, dass das Impfen schon einen wirksamen Effekt in der Bevölkerung hat: „Bis wir einer solchen Menge an Bevölkerung ein Impfangebot machen konnten, dass sich das jetzt wirklich breiter epidemiologisch auswirkt, das dauert einfach noch ein Weilchen“, sagte sie. „Natürlich müssen wir dahinkommen.“ In den Pflegeheimen seien die Infektionen aber sehr stark zurückgegangen. Sie will das Impfen landesweit beschleunigen.

Die Krankenhäuser in Brandenburg sind noch immer belastet. Vier von fünf Krankenhaus-Intensivbetten im Land waren am Freitag belegt, wie aus Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin hervorgeht. Im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam wurden zuletzt 11 Patienten auf der Covid-Intensivstation behandelt, 17 auf der Covid-Normalstation.

Die Pflegechefin der Covid-Normalstation, Bettina Schade, hat die Notsituation der Pandemie täglich miterlebt. Schwere Entscheidungen würden im Team mit Pflege und Ärzten getroffen, sagte sie. Aus Gesprächen im Team schöpfte sie Kraft: „Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt, als Team gemeinsam durch die schwere Zeit zu kommen.“ Geholfen hätten auch kleine Gesten von Patienten - einfach das Wort „Danke!“. Familien und Freunde hätten Halt gegeben.

Wann kann gelockert werden?

Bettina Schade setzt im Kampf gegen das Virus auf Selbstdisziplin. „Jeder kann etwas dafür tun, indem er auf seine eigene Hygiene achtet“, sagte sie. „Es müssen klare Regeln, Strukturen und Einigkeit für alle gelten.“ Außerdem muss aus ihrer Sicht die Impfbereitschaft gefördert werden - und es müsse genügend Impfstoff zur Verfügung stehen. Seit Beginn der Pandemie behandelt die Klinik Corona-Patienten. Im vergangenen Frühjahr kam es zu einem Ausbruch mit über 40 Toten. Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt, danach ins Amt gekommen, nennt Sicherheit als oberste Priorität.

Noch unsicher ist, wann die Corona-Beschränkungen gelockert werden. Die Gesundheitsministerin weiß, was sie gern machen möchte, wenn die strengen Regeln wegfallen. „Was ich am allermeisten vermisse, sind meine regelmäßigen Schwimmrunden“, sagte Nonnemacher. „Ich bin sonst immer wirklich mindestens einmal in der Woche Schwimmen gegangen und habe dann auch meistens 1000 bis 2000 Meter zurückgelegt.“

Die Pflegeleiterin der Covid-Normalstation hat auch Wünsche: „Ich werde meine Mama ganz fest in den Arm nehmen. Mich mit Freunden treffen, Geburtstage nachfeiern, Essen gehen. Konzerte und Theaterbesuche. In die Berge oder ans Meer fahren“, sagte Schade. Und: „Unsere Schutzhelme in die Luft werfen und den Ende des Wahnsinns feiern“.

Von RND/dpa