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Brandenburg VEB Elastic-Mieder wurde Opfer der Treuhand
Brandenburg VEB Elastic-Mieder wurde Opfer der Treuhand
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10:18 18.03.2014
Formschön und praktisch: So warb der Zeulenrodaer Wäsche-Hersteller zu DDR-Zeiten – und hatte damit auch international großen Erfolg. Quelle: Christopher J. Schwarzer/Verlag
Zeulenroda

Ursula Zaumsegel muss sich überwinden, um über ihren alten Betrieb zu sprechen. Die Trennung hat weh getan, und dieser Schmerz liegt auch 14 Jahre nach der Insolvenz in ihrer Stimme. „Dieses Kapitel wird wohl nie abgeschlossen sein. Vielleicht, weil es kein Ende hätte geben müssen. Das ist ja das Traurige an der ganzen Geschichte.“ Ursula Zaumsegel, die ehemalige Innendienstleiterin, ist die letzte Hinterbliebene eines DDR-Vorzeigebetriebes: Der VEB Elastic-Mieder Zeulenroda war nicht nur der größte Unterwäscheproduzent des Landes, der beispielsweise drei Viertel der in der DDR verkauften Büstenhalter herstellte, sondern nähte auch jede Menge Exportschlager. Versandhändler und Kaufhäuser im Westen Deutschlands hatten das feine Nichts gelistet, während die exklusiven Mieder aus dem Ostthüringischen zwischen der Insel Rügen und dem Erzgebirge nicht selten als Bückware galten. Kein Wunder, dass die 700 Mitarbeiter der BH- und Höschen-Schmiede im Jahr 1990, zur deutschen Zeitenwende, optimistisch waren. Dass sie dennoch enttäuscht wurden, lässt sich an einem einzigen Wort festmachen: Treuhand.

Ein Sanierer aus München

Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. Das sagt Ursula Zaumsegel. Und das schreibt Christopher J. Schwarzer in seiner Treuhand-Innenansicht „Inside Ost“, die der Unternehmensberater vor Kurzem in Leipzig vorstellte. Schwarzer hat nach dem BWL-Studium sofort bei der renommierten Firma von Roland Berger einen Job bekommen, will Karriere machen – und landet 1991, gerade mal 30, im Osten. Dort, wo die Wirtschaft brachliegt. In einem Landstrich, dem ein Erblühen prophezeit wird und den der junge Mann aus München bislang nur aus der Transit-Perspektive kennt.

Für dieses Nichts in Weiß heimsten die Zeulenrodaer im Jahr 1986 eine Goldmedaille auf der Leipziger Messe ein. Quelle: Christopher J. Schwarzer/Verlag

„Wir Wessi-Berater müssen auf die Menschen wie Außerirdische gewirkt haben, die in ihr Leben einbrachen“, erinnert sich Schwarzer an jene für ihn trüben Wochen, Monate und Jahre. „Wir fuhren in schicken Autos, hatten einen schneidigen Auftritt, stellten Fragen und Ansprüche, wollten ständig irgendetwas.“ Vor allem Letzteres. Denn der feine Herr mit den dunkel wallenden Haaren wird von der Treuhand als Prüfer für Sanierungskonzepte eingesetzt. Ein Auftrag, bei dem man sich kaum Freunde machen kann. Schwarzer analysiert unter anderem den Landmaschinen-Großhandel in Leipzig, einen Kinderschuhe-Hersteller im mittelsächsischen Hartha und eben jenen VEB Elastic-Mieder in Zeulenroda.

Miederwaren aus Tradition

Die Betriebe haben häufig eine lange Tradition, was man ihnen ansieht. So auch dem klobigen Backsteinbau in Zeulenroda, wo zwischen den sanften Hügeln des Thüringer Vogtlandes seit fast 150 Jahren feine Waren für Damen hergestellt werden. In der Kleinstadt, die heute immer noch 17 000 Einwohner hat, ließ der Fabrikant Christian Heinrich Schopper einst Strümpfe anfertigen und gründete Julius Römpler jene Mieder-Manufaktur, die in der DDR zu einem volkseigenen Betrieb verstaatlicht wurde. „Das Unternehmen hatte seinen Reiz“, ist sich Schwarzer noch immer sicher. Keine Frage, dass er dem Betrieb ein positives Prüfsiegel verpasst: Äußerlich marode, im Inneren mit jeder Menge Potenzial. Weil der junge Berater an die Zukunft von verführerischer Wäsche aus Zeulenroda glaubt, steigt er 1993 bei der Treuhand aus – und in die Dessous-Produktion ein: „Dieser Betrieb musste einfach eine Chance bekommen. Das war so etwas wie mein Baby geworden. Da wollte ich unbedingt dabei sein, wenn es größer wird.“

Der Sprung in die Marktwirtschaft war geschafft: Die Bernd-Berger-Kollektion machte Dessous aus Zeulenroda auch in Westdeutschland bekannt und beliebt. Quelle: Christopher J. Schwarzer/Verlag

Und tatsächlich: Mitte der 1990er liegt die privatisierte Firma „Excellent Dessous“ dank ihrer neuen Kollektionen auf Erfolgskurs. Die softigen Push-Up-BHs, luftigen Strings und edlen Spitzenbodys werden auf internationalen Modemessen präsentiert, die Zeulenrodaer Marke „Bernd Berger“ wird nach Joop zur zweitstärksten in ganz Deutschland. Es ist eine rasante Entwicklung, die sich in der kleinen Stadt vollzieht. „Alle haben mitgezogen. Alle wussten genau, worum es geht. Da wurden zum Beispiel freiwillig viele Sonntagsschichten gefahren, weil wir dringend liefern mussten, davon habe ich erst später erfahren“, sagt Schwarzer über diese Aufbruchsjahre. Und: „Ich habe nicht einen faulen Ossi kennengelernt.“

Versandhändler wie Quelle und Neckermann stehen wieder Schlange, die Kaufhauskette Karstadt ebenfalls. Selbst als teuer bekannte Boutiquen in der Münchner Innenstadt ordern die Dessous aus der ostdeutschen Provinz. Das führt dazu, dass sich der Umsatz binnen drei Jahren auf 20 Millionen D-Mark verdreifacht. Nun gilt die Firma abermals der Politik als Vorzeigeprojekt, nun für die blühenden Landschaften, und wird entsprechend hofiert. So taktet beispielsweise Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) einen Betriebsbesuch in seinen Landtagswahlkampf ein. Was Schwarzer in dieser glücklichen Zeit noch nicht ahnt: Genau dieser Erfolg wird dem Unternehmen zum Verhängnis werden.

Denn die Treuhand will reinen Tisch machen. Heißt: Die Altschulden aus DDR-Zeiten sollen schnellstmöglich getilgt werden. Dank der florierenden Gewinne kann ein Großteil der elf Millionen D-Mark beglichen werden – letztlich sind es drei Millionen Euro, die die Bilanzen in die Knie zwingen. Die Treuhand streicht sogar eine staatliche Förderung von 2,1 Millionen Euro ein, weshalb den Ostthüringern nur gut eine halbe Million des Zuschusses bleibt. „Unser Ruf war sehr gut. Wir sind einfach zu erfolgreich gewesen“, konstatiert Schwarzer ernüchtert. Um die Marke „Excellent“ zu retten, bezahlt er mit neuen Krediten die alten Schulden. Eine absurde Situation. Als das neue Jahrtausend beginnt, entscheidet sich der Geschäftsführer zum schwersten Schritt seines Lebens: Notverkauf an einen Wäsche-Riesen. Die Produktion wird kurz darauf ins Ausland verlagert.

„Ich will die Treuhand nicht allgemein verteufeln. Doch es wurden viele Fehler gemacht. Wenn die Politik nicht vorrangig auf Konzerne und Banken gesetzt, auf die großen Namen vertraut hätte, dann wäre an vielen Stellen in Ostdeutschland, wo heute nichts mehr ist, tatsächlich so etwas wie eine blühende Landschaft entstanden“, meint Schwarzer. Sein Fazit: „Es hätte mehr übrig bleiben können – ja, müssen.“

Der Unternehmensberater arbeitet längst wieder in München und hat sich als Marken-Coach einen guten Namen gemacht. Doch wenn die Sehnsucht besonders groß ist, fährt er über die Autobahn 9 nach Thüringen. Dann trinkt er in Zeulenroda mit Ursula Zaumsegel einen Kaffee und plaudert über die alte, die verheißungsvolle Zeit. Die einstige Innendienstchefin vertreibt mittlerweile Importware, die mehr die Figur zusammenhält, als dass sie schmückt. Allein und nebenbei.

Von Andreas Debski

Buchtipp: Christopher J. Schwarzer: Inside Ost. Vom West-Berater zum Ost-Unternehmer, Deutscher Taschenbuch-Verlag; 336 Seiten, 16,90 Euro

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