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Brandenburg Verschwendung von Lebensmitteln beginnt auf dem Acker
Brandenburg Verschwendung von Lebensmitteln beginnt auf dem Acker
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11:46 09.10.2019
Teilnehmer der Aktion gegen Lebensmittelverschwendung, die vom Verein Restlos Glücklich organisiert wurde, sammeln auf einem Acker im Ortsteil Jahnsfelde Kartoffeln ein. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
Berlin

Hier liegt eine. Und dort noch eine, völlig unversehrt. Suchen muss man nicht, sich nur bücken. Eine Kartoffel nach der anderen landet in kurzer Zeit in Netzen, Beuteln und Säcken. Dabei haben Bauer Prochnows Leute hier tags zuvor geerntet. Zurück geblieben sind aber längt nicht nur grüne, beschädigte und wurmstichige Kartoffeln. Viele sind klein und kugelig, aber auf jeden Fall essbar. Deshalb sind gut 30 Menschen aus Berlin und dem Umland zum Sammeln gekommen. Bei acht Grad und strömendem Regen. Fazit des Landwirts nach rund anderthalb Stunden: Geschätzt rund 250 Kilo.

Zum Ende der Erntezeit ist es in ländlichen Regionen Deutschlands manchmal zu beobachten: Obwohl die Erntemaschinen schon da waren, kann von leeren Feldern nicht die Rede sein. „Wir haben das neuerdings auch im Bio-Landbau, dass viel zu viel Ware weggeschmissen wird“, sagt Bio-Landwirt Frank Prochnow, als er die Freiwilligen auf seinem Acker bei Müncheberg (Märkisch-Oderland) begrüßt, rund 60 Kilometer östlich der Hauptstadt. Warum da noch Kartoffeln liegen? „Die sind irgendwo bei der Maschine durchs Raster gefallen, waren nicht groß genug, haben sich durchgemogelt“, erklärt er.

Der Berliner Verein Restlos Glücklich hat 30 Berliner mobilisiert, die auf einem märkischen Feld Kartoffeln eingesammelt haben, die nach der Ernte noch übrig waren. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehrere Zentner zusammen.

„Qualitätsgeminderte Ware“ wird Tierfutter

Als Verbraucher schäme er sich für die Verschwendung von Lebensmitteln, sagt der 47-Jährige. 18 Millionen Tonnen sind es laut der Umweltstiftung WWF jedes Jahr in Deutschland, das befeuere auch den Klimawandel. Prochnow hat schon mehrfach Bürger oder Schulklassen zur Nachernte geladen – die erschrockenen Gesichter über die vorzufindenden Mengen kennt er schon. Er nutze ansonsten so viel „qualitätsgeminderte Ware“ wie möglich als Tierfutter, das betont er.

Wegen der geplanten Aktion hätten seine Mitarbeiter aber auch ein paar mehr Knollen zurückgelassen als sonst. Das heißt jedoch nicht, dass alles nur Show ist: Generell blieben viele Erntegüter zurück, sagt der Landwirt. 20 Prozent seien es wohl im Schnitt. Prochnows Schätzung liegt noch unter dem Wert, den der WWF 2017 in einem Bericht anführte: 30 Prozent der Gemüseproduktion verlasse das Feld nicht, so laute die Annahme für Großbritannien.

Erntetechnik bereits deutlich verbessert

Belastbare Zahlen für Deutschland gibt es auf Anfrage bei Verbänden nicht. „Bauern versuchen, so gut wie keine Kartoffeln auf dem Acker zurückzulassen“, teilte ein Sprecher des Deutschen Bauernverbands mit. „Allein schon deshalb, damit keine Kartoffelkrankheiten in die nächste Saison übertragen werden.“ Die Erntetechnik sei stark verbessert worden, so dass Verluste im Vergleich zu früher deutlich geringer seien. „Wir nutzen alle technischen Möglichkeiten, um die Verluste weiter zu senken.“

Beim Verein Bio Kartoffel Erzeuger heißt es, dass „im Idealfall gar keine“ Kartoffeln auf dem Acker zurückblieben. Wenn die Knollen nämlich im Winter mangels Frost nicht kaputt frören, trieben sie im nächsten Frühjahr wieder aus und unterdrückten die nächste Kultur – oder es erschwere die Ernte, wenn zum Beispiel im Zwiebelfeld überall Kartoffeln wüchsen, erläutert Geschäftsführerin Monika Tietke.

Landwirt Prochnow verkauft die Hälfte seiner Kartoffeln im Hofladen

Prochnow hingegen, der den 1991 gegründeten Betrieb von seinem Vater übernommen hat, sieht ein Ernte-Problem und will darauf aufmerksam machen. Denn für ihn hat der Verbraucher „eine riesen Mitschuld“, wie er sagt. Gefragt seien perfekt aussehende Produkte. „Die sollen keine Form- und Farbveränderungen haben, der Geschmack soll immer gleich sein. Da ist der Landwirt ganz schön unter Druck, so eine Ware zu liefern.“ Gerade für Kartoffeln liege die Messlatte hoch, die Erlöse seien rückläufig.

Eine Rolle spiele dabei, dass die Bio-Konkurrenz wachse, auch international. Und manche Landwirte produzierten mehr, als sie verkaufen können. Selbst wenn Abnahmeverträge mit dem Großhandel geschlossen wurden, könne es sein, dass die Ware am Ende wegen angeblicher Mängel nicht abgenommen werde, sagt Prochnow. Um davon unabhängig zu sein, verkaufe er etwa die Hälfte seiner Kartoffeln direkt an Endkunden, etwa in seinem Hofladen.

Aufruf des Vereins Restlos Glücklich

Warum also aufwendig manuell Knollen aufsammeln, wenn es sich nicht rechnet? Die angereisten Berliner haben natürlich andere Motive. Die Gruppe – Menschen aller Altersklassen vom Kind bis zum Senior – ist einem Aufruf des Berliner Vereins Restlos Glücklich gefolgt. Dieser macht sich seit einigen Jahren gegen Lebensmittelverschwendung stark, etwa mit Bildungsprogrammen für Schüler und öffentlichen Kochaktionen zum Mitmachen. „Keine Macht dem Schönheitswahn. Bei Mensch, Obst und Gemüse“, steht auf mitgebrachten Baumwollbeuteln für die Kartoffeln.

Auch durch Filme wie „Taste the waste“ ist Lebensmittelverschwendung in den vergangenen Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Nicht nur die Tafeln kämpfen dagegen an, indem sie große Mengen überschüssige Produkte einsammeln und an Bedürftige ausgeben. „Auf Graswurzel-Ebene passiert viel“, sagt eine der Kartoffelretterinnen, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. „Aber warum ändert sich nicht mal die Landwirtschaft?“

Gründe für aussortierte Kartoffeln: Optische Mängel, falsche Größe

Eine jüngere Frau, die sich in einer anderen Initiative für die Rettung überschüssiger Waren engagiert, sagt, dass ihr das Problem auf dem Acker bis zur Einladung zur Aktion nicht so richtig bewusst gewesen sei. Bekannt sei eher, dass am Ende der Kette viel im Müll lande, im Handel oder beim Endverbraucher etwa. Der Blick auf Prochnows Acker macht jedoch deutlich: Selbst minimale Prozentsätze sind angesichts der Massenproduktion ganz schön viel.

Dabei geht das große Aussortieren auch nach der Ernte weiter, wie der WWF 2017 schilderte: Nach Schätzungen gingen pro Jahr 60 500 Lastwagenladungen oder 1,5 Millionen Tonnen Kartoffeln auf dem Weg vom Acker bis zum Teller verloren. Bei ökologisch angebauten Kartoffeln etwa würden rund 30 bis 35 Prozent beim Sortieren im Packbetrieb ausgesiebt. Gründe seien vor allem optische Mängel und falsche Größe. Jeder Deutsche isst im Jahr gut 60 Kilo Kartoffeln, davon mehr als die Hälfte in Form verarbeiteter Produkte wie Pommes.

Grundlegen veränderte Einstellung im Handel

Anders als Prochnow sieht Tietke vom Verein Bio Kartoffel Erzeuger inzwischen aber eine grundlegend veränderte Einstellung im Handel: Kartoffeln würden nicht mehr nur nach der Optik beurteilt. Sie kritisiert vielmehr das Konsumverhalten der Verbraucher: Lebensmittel seien hierzulande zu billig und würden zu wenig wertgeschätzt.

Und dann sind da noch die Rahmenbedingungen: Der trockene Sommer 2018 hat den Landwirten in Deutschland die Kartoffelernte vermiest, eingefahren wurde laut Statistischem Bundesamt so wenig wie seit der Wiedervereinigung nicht. Auch das müssten eigentlich Argumente gegen das Wegschmeißen sein. „Wir machen das ja nicht aus Langeweile, dass wir solche komisch geformten Kartoffeln produzieren. Das sind ja natürliche Prozesse, die da einwirken“, betont Prochnow.

Aus unverkäuflichen Kartoffeln wird Suppe

Unterdessen köchelt nahe dem Acker bei Müncheberg eine Suppe aus den unverkäuflichen Kartoffeln vor sich hin - im Doppeldeckerbus mit Bordküche, in dem die Berliner gekommen sind. Wie die Knollen mal aussahen, interessiert nun niemanden mehr. Ein weiterer Teil der Nachernte soll an diesem Freitag und Samstag bei einer kostenlosen Aktion des Vereins auf dem Alexanderplatz Mägen füllen: „Als klimafreundliche Alternative“ zum Angebot der Fastfood-Ketten, wie Restlos-Glücklich-Sprecherin Nadine Dubois erklärt.

Nur bei der Lagerung der Knollen darf nichts mehr schiefgehen. Denn damit sich die bei Regen geernteten Kartoffeln halten, müssen sie Prochnow zufolge zum Trocknen ausgelegt werden. Sonst wäre am Ende doch noch alles für die Tonne.

Von Gisela Gross

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