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Brandenburg Vogelbeobachter Wolfram Schulz: „Früher war der Himmel voller Schwalben“
Brandenburg Vogelbeobachter Wolfram Schulz: „Früher war der Himmel voller Schwalben“
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19:04 10.01.2020
Wolfram Schulz, 82 aus Potsdam bei der Vogelzählung "Stunde der Wintervögel" 2020 des NABU in seinem Garten in Krampnitz. Quelle: Jan Russezki
Potsdam

„Oh, wer war denn das?“, fragt Wolfram Schulz in seinem Garten in Krampnitz (Potsdam). „Eben flog einer hier – da oben – das sind...“, unterbricht er sich selbst. Schnell nimmt er die Brille von der Nase und klemmt sie zwischen seine Zähne. Durch ein Fernglas blickt er in eine Tanne. Dann die Gewissheit: „Ja, genau, da sitzen jetzt zwei Kohlmeisen in der Sonne.“

Und sie werden immer mehr. Nicht die Vögel, sondern Menschen wie Wolfram Schulz. 140 000 Vogelbeobachter zählte der Naturschutzbund im vergangenen Jahr bei der jährlichen „Stunde der Wintervögel“ in Deutschland. An diesem Wochenende werden die Vögel in den heimischen Gärten und Parks wieder gezählt.

So zählen Sie Vögel richtig

Bei der Aktion „Stunde der Wintervögel“ kann jeder Vögel im Garten oder Park um die Ecke zählen. Wer will, kann an verschiedenen Orten mehrmals zählen. Wichtig ist die Orte getrennt gemeldet werden. Notieren Sie die höchste Zahl von jeder Vogelart, die Sie gleichzeitig gesehen haben. So werden Vögel, die wegfliegen und zurückkommen nicht doppelt gezählt. Mehr Infos finden Sie unter www.nabu.de.

Eine Stunde Vogelleben

Schulz ist von Anfang an dabei. Seit zehn Jahren brüht er sich einen Cappuccino auf, nimmt Zettel, Stift und Fernglas und beobachtet eine Stunde lang von seinem Klappstuhl auf der kleinen Holzveranda die Vögel im Garten. „Zum Glück regnet es nicht“, bemerkt er. Mitten im Januar wärmt die Sonne sein Gesicht, ein leichter Wind wiegt die Tannenwipfel. Vögel trillern und krähen. Schulz liebt die Natur und das Leben darin.

Ohne Cappuccino geht gar nichts: Wolfram Schulz, 82 aus Potsdam auf seiner Veranda in seinem Garten in Krampnitz (Potsdam). Quelle: Jan Russezki

„Das hier ist mein Lehrrevier“, beginnt der 82-Jährige zu erzählen. Er ist von Haus aus Forstmann. Seit der 6. Klasse wollte er Förster werden. Gleich nebenan in der Revierförsterei hat er seine Ausbildung begonnen. Doch erst vor zwölf Jahren, als er Rentner wurde, hat er Zeit für die Ornithologie und für Reisen zu in Deutschland fremde Vogelarten in Schweden und in den USA gefunden.

Vogelarten erkennen

Auch Zuhause entgeht seinem Blick kein Vogel. In Sekunden erkennt er am Gesang, dem Flug, der Größe und Farbe die Vogelart – selbst im Gegenlicht. „Ich kenne meine Vögel“, erklärt er. Dass er einen Vogel nicht kannte, ist bisher nicht vorgekommen. Und in seinem Garten ist viel los. Mit zwei Gitterrohren für Meisenknödel, einem Futterrohr mit Sonnenblumenkernen und vier Vogelkästen lockt Schulz Grünspechte, Meisen, Kleiber und Seidenschwänze an. Im Winter 2018 hat der Vogelexperte, der auch in der Vogelfachgruppe des Naturschutzbundes ist, einen 50 Kilogramm schweren Sack Futter ausgegeben.

Das Interesse scheint bundesweit zu steigen. Der Naturschutzbund verzeichnet mit jedem Jahr mehr und mehr Teilnehmer an der Aktion. „Die Leute merken, dass die Natur zunehmend Probleme bekommt“, erklärt sich Wolfram Schulz den Zulauf. Zu sehen gibt es für die Beobachter nämlich immer weniger.Drei Bussarde, ein paar Amseln, Grünfinken, Nebelkrähen und eine Elster fliegen Schulz vor das Fernglas. Auch in der Vogelwelt ist um 12 Uhr Mittagsruhe. „Sie fressen am Vormittag und dann erst um 15 Uhr wieder. Dann ist hier mehr los“, erklärt er. Zufrieden ist er aber nicht. „Im letzten Jahr habe ich nur die Hälfte des Futters gebraucht“, sagt er. Früher war es in seinem Garten bunter.

Eine Übersicht über die Top Five des Vorjahrs – die aktuelle Winterzählung des Nabu läuft noch bis Sonntag.

Erzählt Schulz von den Ursachen dafür, spricht er schneller. Er sieht den Grund nicht im Klimawandel: „Die Monokulturen und die ganzen Pestizide in der Landwirtschaft haben dazu beigetragen, dass der Insektenbestand enorm reduziert wurde in den letzten Jahren“, meint er. „Es ist nicht nur das, aber es ist Fakt, dass man vor zehn Jahren nach der Autofahrt nach Magdeburg die Scheibe voller Insekten hatte. Das ist heute nicht mehr so“, sagt er. Der Mangel hätte dazu geführt, dass in Krampnitz die Zahl der Schwalben drastisch gesunken sei.

Daten bestätigen Abwärtstrend

Er berichtet davon, dass im Sommer 2010 noch bis zu 200 Schwalben am Himmel zu sehen waren. Heute ist er froh, wenn er zehn sieht. Auch im Winter bemerkt er Veränderungen. „Die Grünfinken sind immer da, aber ihre Zahl hat abgenommen“, sagt er. Die Daten aus den Zählungen der „Stunde der Wintervögel“ des Naturschutzbundes bestätigen das. Auch wenn die Sichtungen nicht auf die Zahl genau genommen werden können, zeigen die Zählungen immerhin Trends. Seit 2013 hat sich die Zahl der gesichteten Grünfinken fast halbiert.

Wolfram Schulz, beobachtet auch die Vögel auf dem Krampnitzsee in Potsdam. Quelle: Jan Russezki

Immer wieder gibt es jedoch auch einen starken Anstieg von bestimmten Arten. In diesem Winter rechnet der Naturschutzbund zum Beispiel mit neuen Erkenntnissen zum Eichelhäher. Im Herbst sollen extrem viele Vögel dieser Art eingeflogen sein. Der Grund: 2018 soll es in Nordosteuropa besonders viele Eicheln gegeben haben, die vielen Eichelhähern das Überleben sicherte.

Solche Phänomene will Wolfram Schulz nicht auf die Goldwaage legen. Auch vor 50 Jahren hätte es eine Invasion von Tannenhähern gegeben. „Die gibt es hier sonst gar nicht“, sagt er. Echte Trends, könne nur die Zählung der „Stunde der Wintervögel“ zeigen.

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Von Jan Russezki

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