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Brandenburg Gerhard Gabriel aus Grüneberg: „Wie wäre es, wenn sich die Parteien und politischen Gegner mal gegenseitig loben?“
Brandenburg

Vor der Bundestagswahl 2021: Was bewegt Sie, Gerhard Gabriel aus Grünberg?

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10:31 08.08.2021
Gerhard Gabriel, Pfarrer in Rente aus Grüneberg.
Gerhard Gabriel, Pfarrer in Rente aus Grüneberg. Quelle: Scheerbarth/privat
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Potsdam

Am 26. September ist Bundestagswahl. Die MAZ fragt Brandenburgerinnen und Brandenburger, was sie umtreibt. Heute: Gerhard Gabriel (71) aus Grüneberg (Oberhavel).

Wo sind Sie gerade – und was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster gucken?

Vor meinem Fenster des Arbeitszimmers verläuft eine alte Feldsteinmauer als Grundstücksgrenze zur Dorfstraße hin. Davor stehen zwei große, alte Linden. Eine Sommerlinde und eine Winterlinde. Unsere Vorgänger auf dem alten Bauerngrundstück wurden über 90 Jahre alt und haben sich mit 17 Jahren unter diesen Bäumen den ersten Kuss gegeben. Bis ins hohe Alter waren die beiden ineinander verliebt und fröhlich. Er spielte für sie manchmal ein Ständchen auf der Querflöte.

Morgens Kaffee ans Bett der Gattin, abends gerne Skat

Beschreiben Sie uns doch mal einen typischen Tag aus Ihrem Leben.

Gegen 7 Uhr stehe ich auf und koche meiner Frau einen Kaffee, den ich ihr ans Bett bringe, worüber sie sich jeden Morgen freut. Dann füttere ich die Tiere: Tauben, Hühner, Enten, Pferde. Gegen 8 Uhr geht es dann zum Konsum Zeitung und Brötchen holen. Danach Frühstück und Korrespondenz mit Geschwistern und Freunden über E-Mail. Haus- und Hofarbeiten. Im Wechsel mit Tochter und Neffen 12 Uhr zu Tisch. Wenn ich Vertretungsgottesdienste übernommen habe, bereite ich mich vor und beginne einen Entwurf zu erarbeiten: Lieder, Texte, Gebete, Predigt. 18 Uhr Abendbrot, danach mal Skat, mal ein Krimi.

Sie wohnen in Grüneberg – was gefällt Ihnen dort, was nicht?

Wir wohnen an der Hauptstraße unseres Ortes. Der größte Teil der Bewohner unseres Ortes wohnt seit vielen Jahren hier, man kennt sich und mag sich meist, ist solidarisch und hilfsbereit. Wer gibt, bekommt zurück. Gottesdienste, Konzerte, Feste unterschiedlichster Art sind Höhepunkte im Leben unseres Dorfes. In den letzten Jahrzehnten waren die Erntedankfeste Großveranstaltungen mit Tausenden von Gästen. Dass man sich aufeinander verlassen kann, das ist schön. Ein Problem sind für mich neu zugezogene Menschen, welche kein Interesse am gesellschaftlichen Leben zeigen. Man geht weder in die Kneipe, noch in die Kirche, noch in den Konsum oder zum Chor. Es gibt aber auch sehr rühmliche Ausnahmen. Menschen, die vom ersten Tag da waren, sich zeigten, Freundschaften schlossen und sich voll integrierten. Wunderbar zu erleben sind die vielen jungen Familien mit ihren Kindern. Grüneberg ist ein wachsendes Dorf.

Genervt von Ungeduld und Besserwisserei

Was regt Sie zurzeit am meisten auf und warum?

Ungeduld und Besserwisserei, gepaart mit schlechter Laune sind nicht hilfreich. Die Parolen der Bild-Presse finden ihre Ansprechpartner: Der Staat versagt bei der Beschaffung von Impfstoff. Ist der Impfstoff da, geht man nicht zum Impfen und schimpft auf die nächste Problematik. Warnt der Staat vor Gefahren, schürt er die Angst und macht Panik. Warnt er dagegen sachlich und ruhig, verharmlost er und ist Schuld an der Katastrophe. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt mit einem gut organisierten Staatswesen, das denke ich. Nie ging es Menschen auf dieser Erde so gut, wie uns.

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Was müsste passieren, damit es besser wird?

Wie wäre es, wenn sich die Parteien und politischen Gegner mal gegenseitig loben? Sich einfach mal sagen, was einem am anderen gefällt, wo der Gegner auch mal recht hat. Keine Termine am Sonntag oder nach 22 Uhr innerhalb der Arbeits- und Geschäftswelt und vor allem der Politik, das wäre entlastend. Es ist unmenschlich, wenn Sitzungen in Brüssel und Berlin am Morgen enden. Entspannung und Ruhe täten allen Politikern gut, indirekt dann auch uns. Konrad Adenauer zum Beispiel widmete sich am Wochenende seinen Rosen, mit Schürze und Schere. Viel mehr Gottesdienstbesucher in Deutschland täten auch gut. Die katholische Kirche muss dringende Probleme lösen und nicht vor sich herschieben.

Besonderes Engagement während der Wende

Was hat Ihnen zuletzt Freude bereitet?

Das neu erlaubte Singen im Chor und in den Kirchen. Freunde, auf die man sich erlassen kann. Ein Wiedehopf auf unserem Hof. Der neue Hund Ozzy unserer Tochter. Der reparierte Trecker. Der satte Regen.

Wären Sie bereit, sich politisch zu engagieren und wofür?

Mein ganzes Leben war politisch engagiert. Allerdings nicht parteipolitisch. Als Pfarrer sollte man da die Finger davonlassen, wenn man für die ganze Gemeinde der Pfarrer sein will. Am meisten bewegen konnte ich als Leiter des Runden Tisches in Gransee (Oberhavel) von November 1989 bis Mai 1990. Das war einfach eine grandiose Zeit. Fast alles, was wir dort beschlossen haben, wurde umgesetzt. Die DDR gab es nicht mehr, die BRD gab es noch nicht. Es war die Stunde null und vieles war zu bewältigen.

Wenn Sie Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin wären – was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Meine erste Amtshandlung als Kanzler wäre es, alle Beschäftigte des Kanzleramtes zu einem Fest zusammenzurufen, um sich gegenseitig kennen zu lernen.

Und was bewegt Sie, liebe Leserinnen und Leser? Wenn Sie mitmachen wollen, schicken Sie uns eine Mail an wasbewegtsie@maz-online.de

Von MAZonline