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Brandenburg Besuch in Görzke – wo der Bürgermeister für den Optimismus zuständig ist
Brandenburg Besuch in Görzke – wo der Bürgermeister für den Optimismus zuständig ist
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18:56 01.08.2019
Görzke in Potsdam-Mittelmark war die erste Station der MAZ-Wahlreporter. Quelle: Hannah Rüdiger
Görzke

Jürgen Bartlog ist ein besonnener, ein ruhiger Mensch. Keiner, der schnell aus der Haut fährt und cholerisch losschimpft. Bartlog ist parteiloser und ehrenamtlicher Bürgermeister von Görzke, einem 1200-Einwohner-Ort auf halber Strecke zwischen Ziesar und Wiesenburg im Landkreis Potsdam-Mittelmark.

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Zu Beginn des Jahres aber, da hat sich Jürgen Bartlog aufgeregt. Im Januar wurde ihm und dem Amtsdirektor in einem Gespräch mitgeteilt, dass die Sparkasse im Dorf schließen wird. Er versuchte noch eine Lösung für seinen Ort zu finden, versuchte zu verhandeln. „Ich habe mit dem Vermieter des Hauses geredet. Der wäre mit der ohnehin niedrigen Miete weiter runtergegangen. Wir hätten die Miete als Ort sogar selbst übernommen“. Doch die Entscheidung stand fest. „Da war nichts mehr zu machen, keine Chance“, sagt Bartlog.

Bartlog schreibt drei Briefe, sammelte Unterschriften – doch die Sparkasse schloss

Doch Bartlog gab nicht auf. Er schrieb einen offenen Brief, mahnte an, dass die Entscheidung für die vielen Senioren im Ort fatal sei. Als der nichts nützte, sammelte er Unterschriften, 400 kamen zusammen, und schrieb einen zweiten offenen Brief. Das letzte öffentliche Schreiben vom Mai heißt „Brandbrief“ und klingt auch so: „Das vorläufige Resümee der wochenlangen Bemühungen um den Erhalt der Sparkassenfiliale in Görzke lässt nur einen Schluss zu: Es ist im Land Brandenburg schlecht bestellt um das, was man „zukünftige vergleichbare Lebensverhältnisse in Stadt und Land“ nennen könnte“, schreibt Bartlog dort.

Wer den gesamten Brief mit all seinem überdeutlichen Frust liest, kann sich nur schwer den ruhigen Charakter des Bürgermeisters mit seiner kleinen Brille mit Goldrand und dem fein ausrasierten Schnurrbart vorstellen. „Ich habe das aufgeschrieben, was mir die Bürger erzählt haben. Ich habe es nur höflicher formuliert“. Zum 1. Juli schloss die Sparkasse ihre Filiale in Görzke. Ein Sprecher sagt, dass der Frust verständlich sei, dass die Filiale weniger genutzt würde. Schlussendlich müsse auch die Sparkasse wirtschaftlich denken.

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Die Räume sind seitdem verwaist. Und mit dem Wegzug der Sparkasse, so scheint es, hat auch Jürgen Bartlog ein Stück weit resigniert. „Als Bürgermeister ist man ja immer auch ein Stück weit Optimismusbeauftragter“, sagt Bartlog. „Doch langsam weiß ich nicht mehr, wo ich den Optimismus noch hernehmen soll“. Dabei kämpft Bartlog seit jeher leidenschaftlich für seinen Ort. Seit vielen Jahren ist er nun Bürgermeister, bei der Kommunalwahl im Mai wurde er mit mehr als 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Bartlog lebt sein gesamtes Leben in Görzke. Hier waren seine Großeltern schon Gärtner, seine Eltern waren hier Gärtner und jetzt betreibt er die Gärtnerei mit seiner Frau. Mit den Jahren aber und vor allem seit der Wende sieht er, wie immer mehr Geschäfte schließen müssen.

Görzke ist ein sympathischer kleiner Ort – aber kein Kaff

Dabei ist Görzke kein Kaff. Es ist ein ein sympathischer kleiner Ort. Es gibt einen Supermarkt, eine Apotheke und noch ein paar verbliebene kleine Läden. Selbst ein Schwimmbad und ein kleines Museum haben sie hier, für die Töpferarbeiten ist der Ort sogar überregional bekannt.

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Doch es sind die wichtigen Institutionen eines jeden Ortes, die immer wieder und immer mehr bedroht sind. Erst war es die Schule, die geschlossen werden sollte. Mit viel Aufwand und einem guten Konzept kämpfte Bartlog und konnte zumindest die ersten vier Klassen in Görzke halten. Über eine Sonderregelung ist Görzke nun eine sogenannte Filialschule der Nachbargemeinde Ziesar. Die rund 30 Grundschüler werden klassenübergreifend unterrichtet – für Görzke war das eine Erleichterung. „Wer möchte schon seinen Knaben morgens um sechs Uhr in den Bus setzen“, sagt Bartlog.

Kreative Lösungen um die Grundschule und den Arzt zu erhalten

Dann musste der Arzt aufgeben – von heute auf morgen, aus gesundheitlichen Gründen. Und wieder strengte sich Bartlog an, suchte nach einer Lösung für seinen Ort und fand einen kreativen Weg. Der Ort unterhält die Räume der ehemaligen Arztpraxis und das Medizinische Versorgungszentrum in Bad Belzig stellt den Doktor, der bedarfsgerecht zur Sprechstunde nach Görzke kommt.

Doch jetzt, bei der Sparkasse, war nichts mehr zu machen. „Ich hatte dieses Mal auch keinen Politiker, der mich unterstützt hat“. Die Versprechungen der Landespolitiker, die Lebensverhältnisse auf dem Land lebenswert zu gestalten, sind für ihn „nur noch leere Worte“. Und dann sagt Jürgen Bartlog noch einen bemerkenswerten Satz, ganz am Schluss des Gesprächs kurz bevor er die Hand reicht: „Aber man will ja nicht jammern“, sagt Bartlog und versucht sich an einem Lächeln. Es wirkt ein bisschen gequält, aber der Versuch ist da. Der Optimismusbeauftragte von Görzke hat noch nicht aufgegeben. Für seinen Ort ist das ein gutes Zeichen.

Über diese Nummer erreichen Sie die MAZ-Wahlreporter. Quelle: Schultz, Maike

Von Ansgar Nehls

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