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Brandenburg „Alle sagten, jetzt dreht er völlig durch“ - Weinanbau in Brandenburg
Brandenburg

Wein aus Brandenburg: Matthias Jahnke in Pillgramm baut Reben an

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16:18 24.10.2021
Thomas Schmidt, Mitarbeiter vom Weingut Patke, erntet am frühen Morgen Weintrauben der Rebsorte Weißburgunder in Grano.
Thomas Schmidt, Mitarbeiter vom Weingut Patke, erntet am frühen Morgen Weintrauben der Rebsorte Weißburgunder in Grano. Quelle: FOTO: Patrick Pleul
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Pillgram/Grano

Wenn die 90-jährige Großmutter von Matthias Jahnke morgens aus ihrem Fenster blickt, sieht sie den Weinberg ihres Enkels und ist zufrieden. „Ach Jungchen, mach nicht zu viel“, sagt sie dem Landwirt öfter. Seit 2014 baut der 49-Jährige auf dem Weingut Patke im brandenburgischen Pillgram (Oder-Spree) gemeinsam mit einer befreundeten Familie Wein an.

Eigentlich ist Jahnke Geschäftsführer eines Sanitär-und Heizungsbetriebes mit etwa 100 Mitarbeitern. Doch als Weingenießer liebäugelte er schon lange mit der Produktion des Rebensaftes. Entgegen kam ihm da vor etwa zehn Jahren der Familienbesitz. „Ich wollte nicht, dass der Bauernhof meiner Großmutter verkauft wird“, erzählt Jahnke.

15 000 Flaschen Wein pro Jahr

2014 pflanzte Jahnke in Pillgram die ersten 1500 Reben. Später übernahm der Landwirt die Fläche eines Weinbauvereins in Grano (Spree-Neiße). Mittlerweile wächst seine Weinanbaufläche stetig. Jahnke produziert bis zu 15 Tonnen Trauben im Jahr – das sind etwa 15 000 Flaschen Wein. Er keltert den Wein selbst in einer der drei märkischen Keltereien in Grano – am Ende sind es 15 unterschiedliche Weinsorten, darunter Weißburgunder und Dornfelder. 15 Hektar mit bis zu 75 000 Rebstöcken sollen es werden – der Winzer will auf historischen Weinbergen pflanzen, unter anderem im Frankfurter Ortsteil Markendorf. Dafür schaut sich Jahnke historische Karten aus dem Stadtarchiv an, auf denen jahrhundertealte Weinberge eingezeichnet sind. Er wäre dann einer der größten Weinanbauer im Land.

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Wie viel Wein in Deutschland angebaut werden darf, entscheidet die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Für Anträge auf Zulassung von Wiederbepflanzungen und Umwandlungen seien die Landesbehörden verantwortlich, erklärte eine Sprecherin. Dass benötigte Pflanzrechte zugeteilt werden, unterliegt demnach bestimmten Kriterien wie etwa der Lage der Anbaufläche. Gemessen an den großen deutschen Weinbauregionen hat Brandenburg nur eine winzige Fläche – insgesamt etwa 35 Hektar. In Rheinhessen betreibt manch ein Winzer allein eine Weinanbaufläche dieser Größe.

Vor 500 Jahren wurde über märkischen Wein gespottet

Frankfurt (Oder) jedenfalls sieht mit Blick auf Jahnkes Pläne zum Weinanbau in der Stadt einen Mehrwert. Der Anbau erhöhe die touristische Attraktivität und trage zur Vielfalt bei, hieß es aus der Stadtverwaltung. Wein aus Brandenburg? Deutschlandweit wird das immer noch als etwas Besonderes angesehen – mitunter sogar belächelt. „Märkischer Erde Weinerträge – gehen durch die Kehle wie ’ne Säge“. So sollen Studenten der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder) im 16. Jahrhundert über den Brandenburger Wein gespottet haben.

Doch die märkische Sonne lässt inzwischen gute Traubenqualitäten reifen. Nach Angaben des Brandenburger Agrarministeriums bietet die kontinentale Lage im Sommer sogar einige Sonnenstunden mehr als in den bekannten Weinanbaugebieten Rheinhessen oder Rheingau. Jahnke berichtet von durchschnittlich 1860 Sonnenstunden in Pillgram. Weinanbaugebiete gibt es mittlerweile von der Uckermark über die Region um Potsdam bis zur Lausitz. Auf einem rekultivierten Tagebau am Rande der Grube Welzow-Süd stehen 26 600 Reben auf rund sechs Hektar.

Weinbedingungen werden dank Klimawandel besser

Der Anbau sei auf dem Vormarsch, bestätigt auch Jahnke. Die Bedingungen würden immer besser, wegen des Klimawandels werde es wärmer und milder. Trotzdem müsse er Wetterkapriolen trotzen, berichtet der Winzer. Laut Bundesinstitut begünstigen extreme Niederschläge in Sommermonaten den Pilzbefall. Abhilfe schaffen neu gezüchtete, widerstandsfähigere Rebsorten. „Man kann auch dagegensteuern – nicht mit Chemie, sondern mit gesundem Menschenverstand“, sagt Jahnke. Statt zu mulchen, mähte er das Gras im Sommer zwischen den Rebstöcken nicht ab, damit es das viele Wasser aufnehmen konnte.

Das hört sich fachmännisch an, als habe der 49-Jährige den Winzerberuf von der Pike auf gelernt. Doch weit gefehlt: Geschult wurde und wird er von erfahrenen Winzerfreunden aus der Pfalz – per Handy. „Wenn ich ein Problem habe, schicke ich ein Foto“, erzählt der ostdeutsche Weinbauer.

„Wein immer noch untypisch für die Region“

Schwierig bleibt die Vermarktung. Wein sei immer noch untypisch für die Region. „Da fehlt mir noch das Gesicht“, sagt Jahnke, der den Traubensaft in seinem Hofladen, auf Festen, aber auch an einige Restaurants verkauft. Im Vergleich zu anderen Winzern in Brandenburg muss er nicht davon leben – Jahnke betreibt einen Mischbetrieb unter anderem mit Rinderhaltung und Erdbeeranbau, aber auch eine Obstbrennerei, in der er Mirabellen Pflaumen und regionale Äpfel verarbeitet. „Meine Mutter hat früher gesagt, ich soll was Gescheites lernen“, sagt er, lächelt und blickt über die Rebstöcke.

Von Silke Nauschütz