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Brandenburg Warum Rolf Henrich 1989 das Neue Forum gründete
Brandenburg Warum Rolf Henrich 1989 das Neue Forum gründete
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17:52 10.09.2019
Demonstration des Neuen Forums auf dem Platz der Nationen in Potsdam am 4. November 1989. Zeitgleich fand eine große Kundgebung in Ost-Berlin statt. Quelle: Foto: Michael Hübner/MAZ
Hammerfort

Der schmale Weg führt an einem Seitenarm des Oder-Spree-Kanals entlang durch den Wald. Hier, kurz vor dem erst im letzten Moment zwischen den Bäumen auftauchenden Backsteinhaus muss die Stasi damals einen ihrer Spitzel stationiert haben. Die anderen sollen am Waldrand einen Kilometer weiter postiert gewesen sein. Im Visier hatten sie damals, im Frühjahr 1989, Rolf Henrich, einen Rechtsanwalt, der im Westen einen Essay über das „Versagen des real existierenden Sozialismus“ veröffentlicht hatte und wenige Monate später mit Bärbel Bohley und Katja Havemann zu den Initiatoren der DDR-Bürgerinitiative „Neues Forum“ gehörte.

Rolf Henrich im Garten seines Hauses in Hammerfort. Quelle: Mathias Richter

„Wir ahnten damals überhaupt nicht, wie marode das ganze System bereits war“, sagt Henrich heute über die Stasi-Bewacher und grinst breit. Denn die Genossen von Guck und Horch haben damals wirklich nur noch geguckt und gehorcht. Aber aus heutiger Sicht stellt sich die Geschichte der Revolution von 1989 ohnehin ganz anders da. Nur wenige können sich noch vorstellen, wie viel Mut dazu gehörte, um gegen den „vormundschaftlichen Staat“ aufzubegehren. Henrich hat gerade seine Biografie veröffentlicht und erzählt darin, wie er vom überzeugten SED-Mitglied (und kurzzeitigem Stasi-IM) zum Regimekritiker wurde: Erste Zweifel nach dem Einmarsch der Sowjets 1968 in der Tschechoslowakei, berufliche Erfahrungen mit einer Justiz, die den Klassenstandpunkt über das Recht stellte, schließlich die Lektüre von Rudolf Bahros „Alternative“, einer radikalen marxistischen Kritik an der DDR, weshalb das Regime den Dissidenten Mitte der 70er Jahre in die Bundesrepublik ausbürgerte.

Das geschmuggelte Manuskript

Angesichts des Zustandes der DDR in den 80ern fand Henrich Bahros Analyse viel zu harmlos. 1988 schmuggelte er ein Manuskript in den Westen. Im April 1989 erschien „Der vormundschaftliche Staat“ im Hamburger Rowohlt-Verlag – ein Plädoyer gegen die politische Gängelei und für individuelle Selbstbestimmung der Bürger. „Das war viel zu spät, denn ökonomisch war das Buch zu dem Zeitpunkt schon überholt“, sagt er. Von Mitarbeiter-GmbHs im Sozialismus hatte er geschrieben. Aber wie lange ging es der Opposition noch um eine Reform des Sozialismus? „Wir wurden ja bald von den Ereignissen überrollt und konnten nur noch auf der Welle reiten“, sagt Henrich heute. Immerhin habe er an zwei Stellen von einer Föderation mit der Bundesrepublik gesprochen.

Demonstration des Neue Forum auf dem Platz der Nationen in Potsdam am 4. November 1989. Quelle: MAZ/Michael Hübner

Dass alles so schnell gehen würde, war anfangs freilich nicht so klar. Als sich die 30 Leute am 9. September 1989 im Haus von Katja Havemann in Grünheide (Oder-Spree) trafen, um das Neue Forum zu gründen – Henrich, Boley und die Gastgeberin hatten verabredet, dass jeder neun vertraute Personen mitbringen soll – hatten die Optimisten mit einem Zuspruch von vielleicht 5000 Unterstützern gerechnet. Dass es innerhalb kürzester Zeit 200 000 DDR-Bürger sein würden, hatte sich niemand vorstellen können. Und daran konnte auch IM Paule, den die Stasi in die Gruppe eingeschleust hatte, nichts ändern.

Den legalen Weg gegangen

„Unsere Stärke war, dass wir den legalen Weg gegangen sind“, sagt Henrich. Er hatte eine Verordnung vom 6. November 1975 über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen gefunden, auf die sich das Neue Forum berief. „Die war zwar nicht für politische Vereinigungen, sondern für Kleintierzüchter oder Briefmarkensammler gedacht“, sagt Henrich, „aber indem wir uns auf dieses Gesetzesblatt beriefen, taten wir erstmal nichts Verbotenes.“ Außerdem half, dass die Erstunterzeichner aus zwölf Bezirken der DDR kamen und die meisten gestandene Leute wie etwa der Berliner Molekularbiologe Jens Reich, der Betonfacharbeiter Reinhard Schult oder der Potsdamer Physiker Rudolf Tschäpe waren.

Was geschah vor 30 Jahren?

4. September 1989: In Leipzig versammeln sich im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche vor dem Kirchplatz 1000 Menschen. Rufe wie „Wir wollen raus“, „Stasi raus“ und „Mauer weg“ sind zu hören, aber auch „Wir bleiben hier“. Die Behörden greifen nicht ein. Es ist die Geburtsstunde der Montagsdemonstrationen.

10. September 1989: Das „Neue Forum“ veröffentlicht den Gründungsaufruf unter dem Titel „Aufbruch 1989“.

12. September 1989: Anhänger aus vorwiegend kirchlichen Kreisen veröffentlichen den Gründungsaufruf „Demokratie Jetzt!“

18. September 1998: Rockmusiker und Liedermacher schließen sich in einer Resolution den Forderungen des „Neuen Forums“ an.

21. September 1989: Die Nachrichtenagentur der DDR, ADN, meldet, dass das „Neue Forum“ nicht zugelassen wird.

30. September 1989: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) verkündet vom Balkon der Prager Botschaft die Genehmigung der Ausreise der dort versammelten DDR-Bürger.

„Die Zeit ist reif“, lautete der letzte Satz des Gründungsaufrufs, in dem ein „demokratischer Dialog über die Aufgaben des Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Kultur“ gefordert wurde. Und die Zeit war reif. Wildfremde Leute klopften Henrich plötzlich auf die Schulter oder pilgerten gleich nach Hammerfort, um ihre Unterstützung zu signalisieren.

Die passive Staatssicherheit

Und die Staatsmacht? „Die wollten so kurz vor dem Feiern zum 40. Jahrestag der DDR offenbar keinen spektakulär hinter Gitter bringen“, vermutet Henrich. Und die DDR-Bürokratie? Erst nach zwei Wochen wurden die Anträge auf Zulassung des Neuen Forums, die in allen Bezirken gleichzeitig gestellt worden waren, abgelehnt. „Solange haben die gebraucht, um sich zu sortieren“, sagt Henrich. Den Aufbruch verhindern konnten sie nicht mehr.

„Demokratischer Aufbruch“, „Demokratie jetzt!“ und viele andere Initiativen gründeten sich. Montagsdemos, Ausreisewelle über Ungarn, die Revolution war nicht mehr zu stoppen. Zwei Monate nach Gründung des „Neuen Forums“ fiel die Mauer. Elf Monate später hatte die DDR aufgehört zu existieren.

Was fehlt? Eine neue Verfassung

Hätte man sich das im September 1989 vorstellen können? Henrich zuckt mit den Achseln. „Es gibt in der Geschichte keine Revolution, die zu dem Ergebnis führt, das man haben wollte“, sagt er trocken. Misslich findet er allerdings nach wie vor, dass nach dem Beitritt zur BRD keine neue Verfassung ausgearbeitet und zur Abstimmung gestellt wurde. „Da wäre wohl zu 90 Prozent das Grundgesetz dabei rausgekommen“, glaubt er, „aber es hätte den Ostdeutschen zu mehr Selbstbewusstsein verholfen und sie würden sich nicht noch immer als Bürger zweiter Klasse fühlen.“

Dass viele ehemalige DDR-Bürger heute über die Arroganz des Westens klagen, ist für Henrich jedoch nur eine Seite der Medaille. „Den Kampf um Anerkennung müssen wir schon selbst führen“, findet er. Denn wer sich als betreuungsbedürftig ausgebe, bekomme eben einen Betreuer und werde nie ein mündiger Bürger. Darin bestünde die Erbschaft des vormundschaftlichen Staates.

Das höchste Gut, das in der Revolution von 1989 erkämpft wurde, sei freilich der Rechtsstaat. „Solange es eine unabhängige Justiz gibt, kann alles, was politisch schiefläuft, wieder repariert werden“, ist sich der Jurist sicher. Und ein rechtsstaatlich organisiertes Gemeinwesen braucht seiner Meinung nach auch keinen Inlandsgeheimdienst. „Wofür haben wir die Polizei?“, fragt Henrich. Er hat in seinen Leben einfach zu viele Stasi-Spitzel vor seiner Wohnung gesichtet.

Rolf Henrich: „Ausbruch aus der Vormundschaft. Erinnerungen.“ Ch. Links Verlag, 384 Seiten, 25 Euro

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