Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Als Gorbatschow die sowjetischen Soldaten heimholte
Brandenburg Als Gorbatschow die sowjetischen Soldaten heimholte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 01.04.2019
Abzug der sowjetischen russischen Westgruppe aus Jüterbog Quelle: Foto: Michael Hübner
Potsdam

Es ist nur eine kurze Meldung auf der Titelseite der SED-Bezirkszeitung „Märkischen Volksstimme“ vom 22. März 1989. Doch in den 23 Druckzeilen (überschrieben mit „Erlass über Reduzierung der UdSSR-Truppen“) steckt ungeheurer politischer Sprengstoff. Michail Gorbatschow erfüllt mit dem Abzugsbefehl ein Versprechen, das er am 7. Dezember 1988 vor den Vereinten Nationen in New York gegeben hat: Eine Reduzierung der Truppenstärke in den Warschauer-Pakt-Staaten bis Ende 1990 um 500.000 Mann. Der betrifft in erster Linie die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD).

Weiterlesen:
Die russischen Geheimniskrämer elegant ausgetrickst

Der angekündigte Truppenabzug ist aber nicht nur ein innenpolitischer Schachzug des reformorientierten Generalsekretärs der KPdSU, um die Militärausgaben zu senken, sondern auch eine Warnung an die Machthaber in der DDR: Gorbatschow meint es ernst mit der 1988 offiziell verkündeten Abschaffung der Breschnew-Doktrin aus dem Jahr 1968.

So berichtete die Märkische Volksstimme am 22. März 1989 Quelle: MAZ-Archiv

Der Doktrin zufolge waren die Ostblock-Staaten im sowjetischen Einflussbereich nicht souverän. Die Sowjetunion sah sich berechtigt militärisch einzugreifen, wenn, ihrer Meinung nach, in einem der Bruderstaaten der Sozialismus bedroht sein sollte. Am 21. März 1989 hat Erich Honecker es schwarz auf weiß: Auf diese Garantie kann er sich fortan nicht mehr verlassen. Und Gorbatschow hat es eilig: Mehrere Panzerdivisionen rücken schon sechs Wochen später aus der DDR ab, unter anderem verlässt die 32. Garde-Panzerdivision „PoltawaJüterbog (Teltow-Fläming).

Bei Kriegsende am 8. Mai 1945 befinden sich fast eine Million Soldaten der Roten Armee auf deutschem Boden. Mehr als die Hälfte davon ist ein Jahr später in die UdSSR zurückverlegt worden, doch bis zum Ende der DDR sinkt die Zahl der sowjetischen Soldaten nie unter 350.000, dazu kommen die Familien der Offiziere und Zivilangestellte. Sie leben weitgehend isoliert von der deutschen Öffentlichkeit.

Angst vor Spionage

Bereits 1947 hatte der Minister der Streitkräfte eine Direktive erlassen, wonach die sowjetischen Soldaten und ihre Familien „vom Einfluss und der Umgebung der deutschen Bevölkerung abzugrenzen waren“, in erster Linie aus Angst vor Spionage. Die von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft organisierten Begegnungen haben eher Show-Charakter. „Die GSSD haben sich als Staat im Staat aufgeführt und waren an einer Kooperation mit der DDR-Führung nur mäßig interessiert“, erklärt Christoph Meißner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Auf der inoffiziellen Ebene, gemeinhin „Schwarzmarkt“ genannt, sind die Kontakte hingegen recht intensiv. Vor allem so genannter Russensprit, preisgünstiger Treibstoff aus Armeebeständen, ist bei der DDR-Bevölkerung beliebt.

Für die Wehrpflichtigen aus der UdSSR ist der zweijährige Auslandsaufenthalt kein Vergnügen. „Gemessen an NVA-Verhältnissen waren die sowjetischen Truppenunterkünfte äußerst primitiv eingerichtet“, schreibt der Heimatforscher Henrik Schulze in seinem neuen Buch über die Militärgeschichte seiner Heimatstadt Jüterbog. Im Gegensatz zu den Offizieren: Ihr Sold (je nach Dienstgrad zwischen 750 und 1500 DDR-Mark) erlaubt den Offizieren und ihren Familien, die zwischen drei und fünf Jahren in Deutschland bleiben, ein relativ auskömmliches Leben. Durch ihre große Kaufkraft konkurrieren sie mit den DDR-Bürgern. Offiziersfrauen, die die Läden leerkauften, seien in Jüterbog ein ständiges Ärgernis gewesen, so Henrik Schulze

So groß wie das Saarland

Die gewaltigen Dimensionen der sowjetischen Militärpräsenz in Ostdeutschland zeigt eine am Donnerstag freigeschaltete Datenbank, für die zum ersten Mal auch Akten aus dem Generalstab der Roten Armee gesichtet wurden. Das Gemeinschaftsprojekt des Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst, des Deutschen Historischen Instituts in Moskau und des Zentrum Militärgeschichte der Bundeswehr in Potsdam verzeichnet 1116 Liegenschaften (zusammengenommen etwa so groß wie das Saarland) an 616 Standorten. Nach 1990 fielen sie an die Bundesrepublik zurück.

Deutlich wird, dass Brandenburg mit 237 Standorten von A (wie Alt-Golm) bis Z (wie Zossen) das Kernland der GGSD gewesen ist. Die übrigen Ost-Länder, in absteigender Reihenfolge: Sachsen-Anhalt, 115 Standorte, Sachsen 91, Mecklenburg-Vorpommern 83, Thüringen 72 Orte und Ost-Berlin 18.

90.500 Hektar Konversionsfläche

Das Land Brandenburg hat nach Angaben aus dem Finanzministerium seit 1994 rund 100.000 Hektar der einst durch die sowjetischen Truppen genutzten Liegenschaften übernommen. „Davon sind bis heute 90.500 Hektar erfolgreich einer zivilen Nutzung zugeführt worden“, so das Ministerium.

Flächenmäßig waren die Verkäufe der ehemaligen Truppenübungsplätze in der Döberitzer Heide (3.500 Hektar), in Jüterbog-West (3.700 Hektar) sowie in Wünsdorf (2.400 Hektar) die größten Konversionsprojekte. Insgesamt brachte der Verkauf der ehemaligen Militärflächen dem Land 300 Millionen Euro – was nicht reichte, um die Kosten für Rückbau und Sanierung der teils mit Munitionsresten verseuchten Flächen zu decken. Unterm Strich stehe „ein negatives Finanzergebnis“.

Was sonst geschah im März 1989

3. März 1989: Die Volkskammer gewährt den ständig in der DDR lebenden Ausländern das aktive und passive Wahlrecht.

6 März 1989: In Wien beginnen KSZE-Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa.

8. März 1989: Letztes Todesopfer an der deutsch-deutschen Grenze. Der DDR-Bürger Winfried Freudenberg verunglückt bei einem Fluchtversucht mit einem Ballon.

12. März 1989: Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann und Bundesbauminister Oskar Schneider sagen Besuch auf der Leipziger Messe ab, weil DDR-Soldaten zwei Tage davor auf einen flüchtenden Bürger geschossen haben.

23. März 1989: Proteste in Jugoslawien gegen die von Präsident Milosevic geplante Einschränkung der Autonomie des Kosovo.

21. März 1989: Der sowjetische Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow unterzeichnet ein Dekret über die Reduzierung der sowjetischen Streitkräfte um eine halbe Million Mann bis Ende 1990.

26. März 1989: Bei den Wahlen zum ersten sowjetische Volksdeputiertenkongress kann erstmals zwischen mehreren Kandidaten entscheiden werden.

Über den Abzug der Sowjetsoldaten aus Jüterbog im Mai berichtet die „Märkische Volksstimme“ mehrfach ausführlich. Demnach sind „Hunderte Werktätige, NVA-Soldaten, FDJ-Mitglieder und Thälmann-Pioniere“ zur Abschiedszeremonie an den Bahnhof gekommen. „Aus den Fenstern der Personenwaggons winken die Panzerbesatzungen den vielen Jüterbogern, die zu ihrer Verabschiedung gekommen sind. Letzte Grüße werden gewechselt, Blumen und kleine Erinnerungsgeschenke hinaufgereicht – Abschied von Freunden, die lange Jahre Beschützer unseres sozialistischen Aufbaus, die Helfer und Partner waren.“

Von Thorsten Keller

Die Berliner müssen beim nächsten BVG-Warnsteik am Montag mit erheblichen Einschränkungen rechnen. U-Bahnen, Trams und die meisten Busse bleiben im Depot. Nur die S-Bahn wird planmäßig unterwegs sein.

01.04.2019

Fußballvereine können an den Kosten von Polizeieinsätzen beteiligt werden. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts sorgt in Brandenburg für Unruhe. Für die Vereine könnte es existenzbedrohend sein, fürchten sie. Das Innenministerium will das Urteil prüfen.

01.04.2019

Fahrer von Schummel-Dieseln müssen ihre Motorensoftware nachrüsten lassen. Tun sie es nicht, drohen Fahrverbote – dazu hat jetzt das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg ein Machtwort gesprochen.

29.03.2019