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Brandenburg Wie Berliner Forscher das Breitmaulnashorn retten wollen
Brandenburg Wie Berliner Forscher das Breitmaulnashorn retten wollen
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10:42 26.06.2019
Last Male Standing: Der Nördliche Breitmaulnashornbulle „Sudan“ starb am 19. März 2018 im Wildtierreservat Ol Pejeta in Kenia. Quelle: dpa/ap
Berlin

Der 19. März 2018 war „ein schwarzer Tag für den Artenschutz“, sagt Thomas Hildebrandt vom Berliner Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). An diesem Tag ging die Nachricht vom Tod des Nashornbullen Sudan um die Welt – er war das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn überhaupt. Seit Sudan in einem Reservat in Kenia wegen Altersschwäche eingeschläfert wurde, gibt es von dieser Nashornart nur noch zwei lebende Exemplare: Die Weibchen Najin (29 Jahre alt) und Fatu (18) leben ebenfalls im kenianischen Schutzgebiet Ol Peteja, unter ständiger Bewachung aus Furcht vor Wilderern.

Projekt „BioRescue“: Internationale Zusammenarbeit für Arterhalt

„Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass diese Art ausstirbt“, sagt Thomas Hildebrandt. Bei ihm als Projektleiter laufen die Fäden des Reproduktions-Projekts „BioRescue“ zusammen, an dem außer Wissenschaftlern und Tierärzten aus dem Berliner IZW auch Experten aus den USA, Japan und Italien mitarbeiten. Außerdem bringt der tschechische Safaripark Dvur Králové als Partner seine Erfahrungen in der Zucht der Nördlichen Breitmaulnashörner ein. Fünf Tiere wurden dort seit 1977 in Gefangenschaft geboren, darunter auch Najin und Fatu.

Bei der Präsentation von „BioRescue“ am Dienstagmorgen im Berliner Tierpark hält Thomas Hildebrandt ein Taschenbuch des berühmten Naturfilmers und Zoologen Bernhard Grzimek in die Kameras. „Auch Nashörner gehören allen Menschen“ heißt dieses eindringliche Plädoyer für den Artenschutz, erschienen 1962. Die Möglichkeit, aus Samen und Eizellen unter Laborbedingungen einen lebensfähigen Embryo zu erschaffen (Fachbegriff: In-vitro-Fertilisation), gab es damals noch nicht.

Sperma, in flüssigem Wasserstoff gekühlt

Die Pläne für die Rettung der Art klingen kompliziert und ob sie zum Erfolg führen, ist nicht gewiss. Plan A sieht vor, den beiden Nashornkühen Eizellen zu entnehmen, und diese dann in der Petrischale mit dem Sperma von bereits gestorbenen Nashornbullen zu vereinen. Der entsprechende Nachlass lagert, in flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius gekühlt, am IZW. „Wenn die Technik funktioniert, sind wir in der Lage, sehr schnell sehr viele Embryonen zu produzieren“, erklärt IZW-Wissenschaftler Robert Hermes. Im Idealfall entsteht eine sich selbst erhaltende, genetisch gesunde Population, die in freier Wildbahn überleben kann.

Erlaubnis aus Kenia steht noch aus

Zunächst werden die Tiere mit Hormonen behandelt, das ist bei Nashörnern nicht anders als bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Das größte Risiko aus tiermedizinischer Sicht: Die bis zu zwei Tonnen schweren Kolosse müssen vor der Entnahme der Eizellen in Vollnarkose gelegt werden. Der Gesundheitszustand von Najin und Fatu lasse die Betäubung jedenfalls zu, so Hermes. Noch steht für den Eingriff allerdings die Erlaubnis der kenianischen Regierung aus. Der Botschafter des Landes in Deutschland, Joseph Magutt, betonte, Kenia unterstütze „BioRescue“ mit voller Kraft, auch aus Eigeninteresse. Ohne Artenvielfalt sei der für sein Land so wichtige Safari-Tourismus nicht möglich.

IZW-Projektleiter Thomas Hildebrandt bei der Präsentation des Projektes „BioRescue“. Quelle: IZW/Ralf Günther

Zwei wichtige Hürden hat das Projekt bereits genommen. Das Bundesforschungsministerium unterstützt „BioRescue“ mit vier Millionen Euro. Und 2018 ist es dem italienischen Biotech-Wissenschaftler Cesare Galli gelungen, einen Embryo des artverwandten Südlichen Breitmaulnashorns zu erschaffen. Mit dem nächsten Schritt, dem Embryonen-Transfer, betreten die Forscher komplettes Neuland, sagt Galli, „das hat vor uns noch niemand gemacht“.

Erster Embryonen-Transfer

Am 27. Mai diesen Jahres wurde erstmals ein Embryo in die Gebärmutter eines Südlichen Breitmaulnashorns eingesetzt – Ultraschallaufnahmen belegen, dass er seither gewachsen ist. Ob sich der Embryo aber auch in die Gebärmutter einnistet und die Nashorn-Leihmutter in 16 Monaten Nachwuchs bekommen kann, ist noch unklar. Gewissheit darüber gibt es erst im September.

Thomas Hildebrandt bezeichnet „BioRescue“ als Wettlauf gegen die Zeit. Man wolle eben kein mutterloses Kalb auf die Welt bringen. Die In-vitro-Befruchtung sollte gelingen, solange Najin und Fatu noch leben, damit das Nashornbaby gemeinsam mit den beiden aufwachsen kann. Noch deutlicher wurde Robert Hermes: „Wenn wir so lange warten, bis die Methode ausgereift ist, dann sind die Tiere in Kenia längst unter der Erde.“

Zellumwandlung bei Mäusen bereits geglückt

Falls die Reproduktionsmedizin scheitert, kommt Plan B ins Spiel: In Zusammenarbeit mit internationalen Stammzellexperten soll versucht werden, Hautzellen zunächst in sogenannte pluripotente Stammzellen umzuwandeln und aus diesen wiederum Keimzellen, also Spermien und Eizellen zu gewinnen. Einem der Partner des IZW, dem Japaner Katsuhiko Hayashi, ist diese Umwandlung bei Mäusen bereits geglückt. Die moralische Ambivalenz des Projekts ist allen Beteiligten wohl bewusst. „BioRescue“ versuche zum Wohle des Artenschutzes, „die Grenze des medizinisch und technisch Machbaren zu verschieben“, sagte Thomas Hildebrandt.

Von Thorsten Keller

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