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Brandenburg Brandenburgs CDU-Chef Senftleben setzt alles auf eine Karte
Brandenburg Brandenburgs CDU-Chef Senftleben setzt alles auf eine Karte
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00:24 16.06.2019
Zuhörer: CDU-Chef Ingo Senftleben (r.) im Gespräch mit Auszubildenden im Berufsbildungsverein Eberswalde (Barnim). Quelle: Göldner
Eberswalde

Ingo Senftleben nähert sich seinem Ziel mit großen Schritten. In einer weitläufigen Produktionshalle des Beruflichen Rehabilitationszentrums „Lebensträume“ in Eberswalde warten an einer Werkbank mit Schraubstock schon drei Jugendliche auf den Gast. „Was macht ihr Schönes hier?“, ruft Senftleben lässig der Runde zu und erhält prompt einen lockeren Spruch zurück: „Feilen.“ Alle drei grinsen. Senftleben will es dann genau wissen und lässt sich erklären, woran die Lehrlinge gerade werkeln, die aufgrund von körperlichen oder psychischen Erkrankungen gehandicapt sind.

Vor der Politik erlernte er den Maurerberuf

Voller Stolz zeigt der 21-jährige Florian Braun einen Schlosskasten, den die drei in ihrer Ausbildung zum Metallbau-Fachpraktiker gebaut haben. Dem jungen Mann im Che-Guevara-Shirt macht ein Augenleiden Probleme, er schildert Senftleben den oft nicht einfachen Azubi-Alltag mit oft langen Anfahrtswegen. Als Senftleben erzählt, wie er, bevor er in die Politik einstieg, den Maurerberuf erlernte, viele Jahre auf Baustellen und auch auf Montage unterwegs war, scheint der Bann gebrochen. „Wenn ihr in Brandenburg eine Brücke seht, ist diese vielleicht von mir und meinen Kollegen gebaut worden“, sagt Senftleben und sein Gesicht strahlt.

An diesem Tag ist der brandenburgische CDU-Landesvorsitzende im Kreis Barnim unterwegs, trifft Unternehmer, informiert sich über die Berufsbildung für Jugendliche. Sein Terminkalender ist mit solchen Terminen voll, obwohl der Wahlkampf erst noch losgeht.

Der 44-Jährige hat viel vor und dafür nur noch wenig Zeit. Der Oppositionschef im Landtag will nichts Geringeres, als bei der Wahl am 1.  September das bisherige Kern-Land der SPD erobern und erstmals für die CDU in die Potsdamer Staatskanzlei einziehen. „Wir haben gute Chancen, vielleicht die besten seit 30 Jahren“, sagt Senftleben. Entscheidend wird sein, ob er vor der SPD ins Ziel kommt. Doch ganz so einfach, wie es noch vor Monaten schien, wird es nicht.

Die CDU liegt weiter Kopf an Kopf mit der SPD – bis zum Wahltag ist alles möglich. Eine Botschaft, die Senftleben auch am Samstag in Potsdam bei seiner Spitzenkandidaten-Kür seiner Partei für den Kampf um die Macht mit auf den Weg geben will. Auf dem Parteitag sollen auch die Landesliste und das Wahlprogramm beschlossen werden.

Von aktuellen Umfragezahlen, so hat sich der Kandidat vorgenommen, will er sich nicht irritieren lassen. Kurs halten und möglichst keine Fehler machen – darum ist er bemüht. Allerdings war die Zuversicht, dass sein Plan aufgeht, schon einmal größer. Viele in der Partei können sich nicht erklären, warum die CDU trotz der wenig überzeugenden Performance der rot-roten Regierungskoalition und der Schwäche der SPD, die ihren Zehn-Punkte-Vorsprung eingebüßt hat, in Umfragen seit Monaten nicht vom Fleck kommt und davon so wenig profitiert. Senftleben macht weder Fehler noch eine schlechte Figur. Mit den Unterschriften gegen die später abgeblasene Kreisreform trieb er SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke und Rot-Rot vor sich her. Er setzte im Landtag immer wieder gezielt Nadelstiche gegen die Regierung. Trotzdem geht es nicht nach oben, sondern in der jüngsten Infratest-Erhebung sogar zwei Prozentpunkte nach unten – ein Rückschlag, der der CDU wehtut.

Aus der Ruhe lässt sich Senftleben, der Herausforderer, deshalb nicht bringen. Der Gegenwind vom Bund allerdings samt Kanzlerkandidaten-Debatte in seiner Partei ärgern ihn schon. Senftleben setzt auf die letzten vier Wochen vor der Wahl, die der Erfahrung nach entscheidend sind. Er hat den Landtagswahlkampf vor fünf Jahren aus nächster Nähe verfolgt – an der Seite des damaligen Spitzenkandidaten Michael Schierack. Diese Erfahrungen haben ihn geprägt. Er weiß heute genau, was er vermeiden muss, damit ihm nicht die Puste ausgeht. Senftleben spricht von einem „Spannungsbogen“, der nötig sei, damit der eigentliche Höhepunkt der Wahltag und nicht die Zeit davor ist. Auf seinen Wahlkampf, den er selbst Wahlkampf „der etwas anderen Art“ nennt, freue er sich. Senftleben wird fünf Wochen durch Brandenburg wandern. Los geht die „Bock-auf-Brandenburg“-Tour am Kutschenberg an der Grenze zu Sachsen. Dort ist Senftleben aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie im nahen Schwarzbach. Er ist verheiratet, hat drei Töchter zwischen fünf und zwölf Jahren, die Älteste aus einer früheren Beziehung.

Konflikte werden diskret entschärft

Die CDU wirkt unter Senftleben fokussiert, auf die Auseinandersetzung im Wahlkampf vorbereitet. Es wurde ein Wahlprogramm erarbeitet und akribisch auf die Finanzierbarkeit geachtet. 650 Millionen Euro würde es kosten, wenn es eins zu eins umgesetzt würde – pro Jahr. Bislang folgt ihm seine Partei ohne Murren. Unter seiner jetzt vierjährigen Ägide tritt die einst zerstrittene Truppe geschlossen auf. Konflikte werden, wenn nötig im Schnellverfahren, anders als früher diskret entschärft. Wie neulich, als Senftleben einen offenen Tabubruch vollzog und eine Koalition mit den Linken nach der Wahl nicht ausschloss, um mehr Optionen als nur ein Bündnis mit der SPD zu haben. Dafür gab es neben viel Zuspruch auch Unverständnis. In langen Gesprächen konnte er den Unmut aus zwei Kreisverbänden eindämmen. Der gefundene Kompromiss sieht vor, dass die CDU ein solches Bündnis offiziell nicht anstrebe. Punkt. Aber auch nicht grundsätzlich ausschließe, wie sein Umfeld dann betont.

Seiner Partei mutet Senftleben einiges zu. Er will sie neu aufstellen, moderner machen und scheut sich dabei auch nicht, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Das war bei seinem Vorschlag zur Landesliste zu sehen, von der maßgeblich abhängt, wie die neue Fraktion, seine Fraktion, im Landtag aussieht. Er präsentierte neue Gesichter, setzte mehr Frauen auf vordere Plätze, was in der sonst sehr von Männern dominierten CDU bis dahin nie gelang. Senftleben nennt das nicht „Parität“, wie SPD, Linke oder Grüne, sondern „Ausgeglichenheit“. Wessen Leistungsbilanz aus Sicht von Senftleben zu dürftig ist, landete auf einem hinteren, wenig aussichtsreichen Platz, wie Frank Bommert, ein altgedienter Abgeordneter aus Oberhavel.

Woidke-Ausschluss war ein Paukenschlag

Für eine Überraschung sorgte Senftleben, als er auf einem Parteitag im Mai eine folgenreiche Ankündigung machte: Er schloss eine Zusammenarbeit mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nach der Wahl aus. Das war ein Paukenschlag, bedeutet dies doch im Umkehrschluss, dass er sich wohl selbst im Falle eines Wahlsiegs von Woidke und der SPD aus dem Rennen nimmt. „Mit Woidke ist kein Staat zu machen, da ist eher Stillstand angesagt“, begründete er seinen Schritt. In der Partei verstanden das nicht alle. Nur wenige waren eingeweiht, dass er so weit gehen würde.

Die Ankündigung birgt Risiken. Angesichts einer starken AfD, die momentan in Umfragen auf Platz eins liegt, mit der aber alle anderen Parteien nicht koalieren wollen, könnte sich eine Regierungsbildung als schwierig erweisen. Derzeit wird ein Dreierbündnis nötig sein. Wer das am Ende anführt, ist offen. Neben Woidke oder Senftleben kommt neuerdings eine dritte Möglichkeit hinzu: die Grünen, die dann wohl Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher aufstellen müsste.

Senftleben kümmern diese Theoriespiele wenig. Er setzt für sich persönlich auf alles oder nichts. Er will die Wahl gewinnen und damit den Regierungsauftrag bekommen. Darunter macht er es nicht. Sein Vorbild ist Daniel Günther aus Schleswig-Holstein. Der war 2017 eher überraschend Ministerpräsident geworden, was ihm bis dahin viele nicht zugetraut hatten. Günther und Senftleben, beide fast gleich alt, verstehen sich gut. Als einer der wenigen CDU-Politiker bundesweit unterstützte der Schleswig-Holsteiner Senftlebens Kurs einer Koalitionsoption mit den Linken. Am Samstag ist Günther Hauptgast des Parteitags in Potsdam. Senftleben hat ihn eingeladen.

Von Igor Göldner

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