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Brandenburg Von Ifa zu Daimler: Wie Ludwigsfelde vom Problemfall zur Boomtown wurde
Brandenburg Von Ifa zu Daimler: Wie Ludwigsfelde vom Problemfall zur Boomtown wurde
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00:18 05.10.2018
Automobilwerk Ludwigsfelde im Jahr 1989: Diese Lkw sollten nach Ungarn gehen. Mit der Währungsunion brach der Absatz weg. Quelle: Foto: Archiv
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Ludwigsfelde

Fabrikneue Transporter mit nacktem Fahrgestell parken hinterm Fabrikzaun in Reih und Glied. Durch die Drehkreuze an der Hauptpforte zum Daimler-Werk in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) zwängen sich zu Schichtbeginn hunderte Arbeiter. Auf dem Fabrikdach, gut sichtbar schon von der Autobahn, dreht sich ein riesiger Mercedes-Stern. Er glänzt, als sei er poliert. „Bei Daimler sagt man: Wenn der Stern sich dreht, dann geht es uns gut“, so Detlef Ludwig.

Der Ingenieur ist jetzt 62 Jahre alt und im Vorruhestand. Schon vor der Wende hat er für den Hersteller Ifa in Ludwigsfelde Lastwagen gebaut. Alles hat er miterlebt, den großen Einbruch, den Wiederaufstieg des Werks, ja der ganzen Stadt.

Alle Zutaten zur Katastrophe waren vorhanden

Heute ist Ludwigsfelde einer der dynamischsten Orte im Bundesland. Wie hat die Stadt die Wende geschafft?

Detlef Ludwig war Ingenieur im Lkw-Werk Ludwigsfelde Quelle: Ulrich Wangemann

Ludwigsfelde hätte ab 1990 in die wirtschaftliche Katastrophe schlittern können. Alle Zutaten waren vorhanden. Die Stadt war mit dem beherrschenden Lastwagenwerk eine ziemliche Industrie-Monokultur. Die tragenden Produkte, Lastwagen der Typen W 50 und L 60, wollte nach der Währungsunion im Juli 1990 niemand mehr kaufen. „Das Geschäftsmodell war von heute auf morgen tot“, sagt Ludwig.

Belegschaft schrumpfte um drei Viertel

Zur Wende arbeiteten in Ludwigsfelde fast 10 000 Menschen in der Lastwagenfabrik. Es gehört zu den ernüchternden Erkenntnissen jeder Wiedervereinigungsrückschau, dass Großbetriebe nur dann den Umbruch überlebten, wenn sie ihre Belegschaft mindestens halbierten. Meist kam es noch schlimmer. Ifa war da keine Ausnahme. Heute sind bei Daimler in Ludwigsfelde noch rund 2200 Menschen angestellt.

Die Neuauflage des Transporters Sprinter „made in Ludwigsfelde“ läuft seit kurzem vom Band. Quelle: Julian Stähle

Dennoch liegt die Arbeitslosenquote im Ort heute nach Angaben der Stadt bei nur zwei Prozent. 600 der 26 000 Ludwigsfelder sind arbeitslos gemeldet – das bedeutet praktisch Vollbeschäftigung. Wie kann das sein?

Lage, Lage, Lage

Auswärtigen erschließt sich der Charme des Orts, dessen Zentrum eine Autobahn auf Stelzen teilt, nicht. Graffiti-Künstler haben überlebensgroße Kinder, die mit Lastwagen spielen, auf den Beton gesprayt. Einheimische dagegen wissen: Der Ort hat drei Bahnhöfe. In 20 Minuten ist man mit dem Zug am Potsdamer Platz, mitten in Berlin.

Die Autobahn zerschneidet das Zentrum von Ludwigsfelde – sie ist aus wirtschaftlicher Sicht jedoch ein Segen. Quelle: Ulrich Wangemann

Der vermeintliche Fluch der Autobahnnähe ist gleichzeitig ein Segen. Über die drei Autobahnausfahrten erreichen Lastwagen die Stadt von allen Seiten und schwärmen von dort ins nur zehn Minuten entfernte Berlin, nach Potsdam oder Polen aus. Lage, Lage, Lage – das ist eins der Erfolgsrezepte der Stadt.

Lidl will tausend Stellen schaffen

Die Logistikbranche boomt. Lidl baut gerade einen Online-Versand auf. Die Hallen stehen schon. Mehr als tausend Leute sollen von Ludwigsfelde aus Skisocken und Pfannensets in die Welt schicken.

Die Lkw-Produktion ist nur noch eine von vielen Sparten der lokalen Wirtschaft. Coca-Cola unterhält ein Abfüllzentrum, in dem 180 Leute arbeiten. Die Sanitärfirma Franke Aquarotter produziert mit 186 Angestellten Armaturen unter anderem für Flughäfen. VW hat ein großes Vertriebszentrum und Ersatzteillager mit 340 Angestellten. MTU wartet Flugzeugtriebwerke – 710 Angestellte arbeiten für die Firma, es sollen 800 werden.

Nina Jenk ist neue Betreibsleiterin des Coca-Cola-Abfüllwerks im Brandenburg Park Genshagen, das zu Ludwigsfelde gehört. Der Branchenmix macht den Standort heute aus. Quelle: Jutta Abromeit

Beim Umformtechnik-Werk Gestamp werden Karosserieteile für BMW gepresst – zum Beispiel Dächer. Der Gastronomie-Großanbieter Chefs Culinar will mit 450 Angestellten Fleisch und Fisch vorgaren – er investiert 70 Millionen Euro.

Tausende Arbeitskräfte werden gesucht

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Fast jeder Ludwigsfelder im Alter von 18 bis 65 Jahre könnte in der eigenen Stadt eine Stelle finden. Nirgendwo in Brandenburg gibt es mehr sozialversicherungspflichtige Jobs pro 1000 Einwohner als in Ludwigsfelde – und tausende Arbeitskräfte werden gesucht.

Wenn man sich Ludwigsfelde als pulsierendes Gewerbegebiet mit dem passenden Ort dazu vorstellt, dann tut man dem Ort nicht Unrecht. Er ist stolz darauf.

Epoche der Eigenheime

An den Wohnbauten im Ort kann man genau ablesen, wie sich die Wirtschaft entwickelt hat: Holzhäuser, die heute unter Denkmalschutz stehen, beherbergten in den 40er-Jahren Angestellte der Flugmotorenwerke, von der Hochphase des Lastwagenbaus in den 70er- und 80er-Jahren zeugen Viertel mit Mietswohnungen, die – teils mit angebauten Fahrstühlen – bei Industriearbeitern in Rente immer noch populär sind. Und die Jetzt-Zeit? Man könnte sie die Epoche der Eigenheime nennen.

Eigenheimsiedlung Rousseau-Park – Platz für mehrere tausend Menschen. Quelle: Ulrich Wangemann

Am nordwestlichen Stadtrand drehen sich Kräne über frisch gezimmerten Dachstühlen. Hier, im Rousseau-Park, wo die Straßen recht untypisch für eine Industriestadt Proustweg und Sartrering heißen, entsteht das größte Eigenheim-Viertel des Kreises Teltow-Fläming – für mehrere tausend Menschen. Manche Eigentümer haben schon den Rollrasen ausgewalzt und Kürbisfiguren in die Vorgärten gesetzt. 300 000 Euro kostet ein Haus mindestens, größere gern eine halbe Million.

Bauboom in der Einflugschneise

Der Bauboom ist umso erstaunlicher, als die Siedlung in der Einflugschneise zum Flughafen BER liegt. Andererseits: Niemand zieht nach Ludwigsfelde, um nachts die Wachtel glucksen zu hören. „Ich bin Ur-Ludwigsfelder, man hat immer eine Autobahn gehört und früher den Schmiedehammer“, sagt Daimler-Ingenieur Detlef Ludwig.

Trotz akustischer Umzingelung steigt die Einwohnerzahl seit Jahren. Den Wende-Wert von 22 000 hat sie längst überschritten und könnte in wenigen Jahren die 30 000-Schwelle erreichen.

„Nach Kurzarbeit ging’s zu Daimler

Der Ort hat sich schon immer über Arbeit definiert. „Mir hat nie der Glauben daran gefehlt, dass wir mit unsere deutschen Tugenden Erfolg haben werden: Nachdenken, machen, aus Fehlern lernen“, sagt Wilfried Thielicke, Wirtschaftsförderer der Stadt. Tatsächlich war die gut ausgebildete Facharbeiterschaft bei Firmenansiedlungen später entscheidend. Dass heute viele Ungelernte in Regallagern schuften, nimmt Thielicke gelassen: „Es muss Arbeit für alle geben, auch für nicht so exzellent Ausgebildete.“

Ingenieur Ludwig hat mit seiner guten Ausbildung rasch Anschluss gefunden an den Westen – schneller als viele seiner Kollegen. Zwar schickte man auch ihn für vier Wochen in „Kurzarbeit null“, wie er sagt. Doch Daimler wurde aufmerksam auf den jungen Familienvater und entsandte ihn nach Untertürkheim. Von dort plante Ludwig die Wiederaufnahme der Lastwagenproduktion – in seiner Heimat Ludwigsfelde.

Von Ulrich Wangemann

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