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Brandenburg Meldungen und ein hämischer Kommentar
Brandenburg Meldungen und ein hämischer Kommentar
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00:24 18.08.2018
Gladbeck: Tödliches Ende des Geiseldramas auf der Autobahn bei Bad Honnef. Quelle: dpa
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Potsdam

Das Geiseldrama von Gladbeck, dessen Beginn sich am Donnerstag auf den Tag genau zum 30. Mal jährt, war in den West-Medien ein Riesenthema – der Märkischen Volksstimme (MV) war es 1988 nur Meldungen und einem knappen Kommentar wert.

Auf 15 Zeilen meldet die MV in der Ausgabe vom 17. August 1988 vom Banküberfall zweier mit Maschinenpistolen bewaffneter Männer – das mit den MP’s stimmt zwar nicht da Dieter Degowski und sein Komplize Hans-Jürgen Rösner eine Pistole beziehungsweise einen Revolver in die Kameras halten. Tags drauf meldet die Volksstimme, dass die Geiselnehmer einen Linienbus gekapert haben. Am 19. August erscheint dann ein Zweispalter unter der Überschrift: „BRD: Blutbad beendete Geiseldrama“.

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Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Die Geiselnehmer hatten am 16.08.1988 in Gladbeck-Rentfort eine Bank überfallen und zwei Geiseln genommen. Quelle: Hartmut Reeh/dpa

Es dauert eine Woche, bis ein Kommentator die Debatte um die Grenzüberschreitung vieler Medien aufgreift. Die Berichterstattung gehöre „zum widerlichsten, das der ,ach so freie’ bundesdeutsche Sensationsjournalismus bislang erbrach“, ätzt der Kommentator. Die Debatten würden vermutlich wenig ändern, nimmt der Autor an: „Sobald die nächste Blutspur gelegt ist, wird die Medienmeute wieder loshetzen.“ Es gehe nur um Einschaltquoten, hohe Auflagen.

Kritik an den „bürgerlichen Westmedien“

Michael Schmidt, Chefreporter beim NDR-Fernsehen in Schwerin, kann sich noch gut an jene drei heißen Tage im Sommer 1988 erinnern. „In den DDR-Medien wurde nur am Rande über Gladbeck berichtet“, sagt der 64-Jährige, der damals als Bezirkskorrespondent für die staatliche DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ in Rostock arbeitete. Der Schwerpunkt der Berichterstattung habe auf den Medien gelegen, der Bankraub und die Geiselnahme seien in den Hintergrund gerückt. Tenor der Berichte: Die bürgerlichen Westmedien zeigen ihr dekadentes Gesicht, weil Bankräuber Pressekonferenzen geben und Reporter für Interviews zu ihnen ins Auto steigen.

18. August 1988, Bad Honnef: Der Fluchtwagen der Geiselnehmer von Gladbeck (r.) wird vom Mercedes der Polizei (l.) auf der Autobahn A3 bei Bad Honnef gestoppt. Die Geisel Silke Bischoff starb hier durch eine Kugel aus der Waffe eines Geiselnehmers. Quelle: Franz-Peter Tschauner/dpa

Andererseits seien bei der Arbeit, in der Kneipe und am Frühstückstisch die tagelange Liveübertragung von den fliehenden Geiselnehmern ein wichtiges Gesprächsthema gewesen. Fast jeder habe West-TV gesehen.

„In der DDR wurde allgemein über Kapitalverbrechen gar nicht berichtet, wenn sie nicht öffentlichkeitswirksam waren“, erinnert sich Brandenburgs heutiger Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke. 1988 war er stellvertretender Leiter für operative Angelegenheiten bei der Polizei in Nauen (Havelland). „Der Sozialismus sollte die bessere Gesellschaftsform sein. Mit dieser Idee vertrug sich Verbrechen nicht.“ Vielleicht dominierte diese eingeübte Zurückhaltung auch die Gladbeck-Berichterstattung.

Blick auf die Stelle der Autobahn A3, wo die bei dem Geiseldrama von Gladbeck umgekommene Geisel Silke Bischoff während des Zugriffs durch die Polizei von dem Geiselnehmer Rösner erschossen wurde. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Intern habe die Polizei das Geiseldrama sehr wohl ausgewertet. Lagen wie diese hätten unter anderem dazu geführt, dass Vorgänger-Einheiten der Spezialeinsatzkräfte (SEK) aufgestellt wurden – die 9. Kompanie.

Analog dazu seien in den westdeutschen Bundesländern SEK’s gegründet worden, sagt Mörke. Heute übe die Polizei gemeinsam etwa mit Polen, wie man bei grenzüberschreitenden Geiselnahmen vorgeht.

Ein prominenter Potsdamer erlebte im Gefolge des Geiseldramas seinen politischen Durchbruch: Heinz Lanfermann, ehemals FDP-Bundestagsabgeordneter, Brandenburger Parteichef und von 1996 bis 1998 Justiz-Staatssekretär im Bund, wurde als Parlamentsneuling im Landtag von Nordrhein-Westfalen zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses ernannt, der das Gladbeck-Drama aufarbeiten sollte. „Der Ausschuss hat mich schnell bekannt gemacht“, sagt der heute 68-Jährige. Die Auseinandersetzungen mit der in NRW damals über eine absolute Mehrheit verfügenden SPD seien heftig gewesen. Die Sozialdemokraten versuchten, ihren Innenminister Herbert Schnoor zu schützen – er blieb auch im Amt.

Karriere im Landtags-Ausschuss

Lanfermann entwarf den Abschlussbericht des Ausschusses, die SPD stimmte aber mit ihrer Mehrheit dagegen. Seiner Version setzte die SPD einen eigenen Bericht entgegen. Zuständig dafür war der damalige Ausschussassistent Hasso Lieber. Auch ihn verschlug es später nach Brandenburg: Er leitete in den 90er-Jahren den märkischen Verfassungsschutz.

Dass Geiselnehmer Dieter Degowski mittlerweile wieder in Freiheit ist, will Lanfermann nicht kommentieren.: „Ich habe es zur Kenntnis genommen.“ Dann schiebt Lanfermann nach: „Gefreut habe ich mich nicht.“ Fahre er auf der Autobahn an der Abfahrt Bad Honnef/Linz vorbei, der im Blutbad endete, müsse er immer noch an das Drama denken.

Großes Online-Special zur Geiselname von Gladbeck

Vor 30 Jahren veränderte ein Verbrechen Deutschland: Das Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land zeigt die bis­lang größ­te di­gi­ta­le Do­ku­men­ta­ti­on zu den Er­eig­nis­sen um Gladbeck. In mehr­mo­na­ti­gen Re­cher­chen wur­den 20.000 Ak­ten ge­sich­tet. Zu Ta­ge kom­men neue De­tails zum Po­li­zei­ver­sa­gen und bis­lang un­ver­öf­fent­lich­te Fo­tos. Da­zu ex­klu­si­ve In­ter­views mit der Gei­sel Ines Voit­le und Gei­sel­neh­mer Hans-Jür­gen Rös­ner. Veröffentlicht wird die das große Online-Special ab Donnerstagmorgen, 16.8. um 7.15 Uhr auf maz-online.de und unter www.gladbeck.rnd.de.

Von Ulrich Wangemann und Gerald Kleine Wördemann