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Brandenburg Wie einsam leben Senioren in Großstädten?
Brandenburg Wie einsam leben Senioren in Großstädten?
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13:04 26.01.2017
Quelle: dpa
Berlin

Zehn Jahre lang lag ein Berliner Rentner in seiner Tiefkühltruhe - und niemand hat ihn vermisst. Vor 16 Jahren verschwand eine betagte Frau von der Bildfläche, und kein Nachbar fragte nach. Nur die Renten der beiden hat jemand abgezweigt. Es sind zwei krasse Geschichten aus der Hauptstadt, die im Januar nach und nach bekannt werden. Sie werfen die Frage auf, ob ältere Menschen zunehmend vereinsamen - und die Gesellschaft sich nicht genügend kümmert. Die Meinungen dazu gehen weit auseinander.

Die Geschichten des unbemerkten Verschwindens gleichen sich. Manchmal finden erst Einbrecher nach Jahren mumifizierte Leichen. Für Elke Schilling sind das keine Schauermärchen. Sie ist Mitglied der SeniorInnenvertretung Berlin-Mitte - und sieht Vereinsamung als Problem, gerade bei Hochbetagten in Großstädten. „Die einzige Stimme in der Wohnung ist der Fernseher“, sagt sie. Schilling will sich damit nicht abfinden. Nach britischem Vorbild baut sie gerade die kostenfreie Soforthilfe-Hotline „Silbernetz“ auf. Ab Ostern können dort ältere Menschen anrufen, die einfach mal reden möchten. Auf Wunsch gibt es dann auch ehrenamtliche „Freunde“, die einmal in der Woche anrufen. Es ist ein Probelauf, zunächst nur in Berlin.

Arme und gering Gebildete häufiger einsam

Nach Erhebungen des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) gibt es dagegen keine Hinweise auf eine zunehmende Vereinsamung von Senioren seit Mitte der 90er Jahre. Als eine mögliche Ursache vermuten die Forscher, dass sich die Zahl der sozialen Kontakte mit dem Alter zwar verringert, bestehende Beziehungen sich aber verbessern. 40- bis 85-Jährige fühlten sich nach Befragungen selten einsam oder gesellschaftlich ausgeschlossen.

Doch die Forscher haben auch herausgefunden, dass Einsamkeit häufiger Arme und gering Gebildete trifft. Die Gruppe der Menschen über 85 hatten sie allerdings nicht im Blick. Dabei wächst diese rasant. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts gab es in Deutschland 1990 rund 854 000 Senioren zwischen 85 und 90 Jahren - 2015 waren es bereits 1,5 Millionen. Die Gruppe der Hochbetagten über 90 wuchs in dieser Zeit von rund 275 000 auf 718 000 an.

„Menschen mit sozialen Kontakten sind länger gesund“

Dass Menschen völlig vereinsamen, wird es nach Ansicht des Bundesverbandes der Volkssolidarität immer geben. „Aus dem Beruf raus, den Partner verloren, die restliche Familie wegen der Arbeit weit weg - das ist oft keine einfache Situation für Ältere“, sagt Sprecher Tilo Gräser. Der Wohlfahrtsverband macht Angebote, die beim gemeinsamen Kaffeetrinken beginnen. Es liegt aber immer auch an den Senioren selbst. Es gebe Hochbetagte, die sich noch mit 90 in einem Ehrenamt engagierten, ergänzt Constanze Frei, Landessprecherin in Berlin. „Menschen mit sozialen Kontakten sind auch länger gesund.“

Bei der Deutschen Rentenversicherung sieht Sprecher Dirk von der Heide den einsamen Tod als Ausnahme. „Es ist sehr selten, dass Menschen jahrelang tot in ihrer Wohnung liegen und wir in dieser Zeit Rente zahlen“, sagt er. Die Behörde erfahre in der Regel von Standesämtern oder Meldebehörden von Todesfällen. Wenn die jährlichen Rentenanpassungsmitteilungen als unzustellbar zurückkämen, hake die Versicherung nach. „Es gehört erhebliche kriminelle Energie dazu, eine Leiche verschwinden zu lassen, um an deren Rente zu gelangen - auch, wenn der Mensch eines natürlichen Todes gestorben ist.“

Großstadtphänomen: Soziale Kontrolle geht verloren

Peter Walschburger, Psychologe an der Freien Universität Berlin, hält Einsamkeit und Anonymität für ein Großstadtphänomen - und auch für ein Ergebnis der wachsenden Single-Gesellschaft. „Die soziale Kontrolle in kleinen Gemeinden geht in größeren Städten weitgehend verloren“, sagt er. Bei der Vielzahl der Lebensentwürfe gebe es ein toleranteres soziales Umfeld. „Aber diese Toleranz geht eben auch mit Gleichgültigkeit einher. Mehr Freiheit heißt dann auch mehr Anonymität und Einsamkeit.“

Und es gibt noch ein Gesetz: Je mehr Menschen da sind, desto weniger helfen sie sich. „In Studien haben sich für Städter Hinweise für eine größere emotionale Labilität ergeben“, sagt Walschburger. Dazu komme die zunehmende Gentrifizierung, die Menschen aus ihren gewohnten Quartieren an den Rand drängen kann. „Ihre gewohnten Sozialstrukturen brechen damit dann auch weg.“

Ein Tier kann eine große Bereicherung sein

„Wer einsam ist, geht nicht raus und sucht Kontakt“, sagt Melanie Rosliwek-Hollering, Geschäftsführerin der „Sophia Berlin“. Dahinter verbirgt sich ein Tochterunternehmen zweier Wohnungsbaugesellschaften, das Älteren Angebote wie regelmäßige Anrufe oder Hausnotruf-Technik macht. Habe sich ein Mensch erst einmal eingeigelt, sei es äußerst schwer, an ihn heranzukommen, sagt Rosliwek-Hollering. „Ältere bemerken oft nicht, dass sie alt werden und sich kümmern müssten.“ Sie hält deshalb auch mehr aufsuchende Sozialarbeit für nötig.

Und wenn Menschen sich nicht mehr helfen, hat das Berliner Tierheim für mobile Senioren auch noch einen Rat: Hunde könnten zum Beispiel ein großer Gewinn für Ältere sein. Wer mit dem Tier jeden Tag raus muss, bekomme Tagesroutine, Verantwortung - und Kontakte. Einen Trend, dass mehr Ältere einen Vierbeiner aufnehmen, sieht das Tierheim allerdings noch nicht.

Von Gisela Gross, Ulrike von Leszczynski und Jutta Schütz

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