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Brandenburg Wie rechts ist Zehdenick?
Brandenburg Wie rechts ist Zehdenick?
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00:21 22.01.2018
Foruzan Mohammadi mit zwei ihrer Kinder: Wir fühlen uns sicher. Quelle: foto: Picasa
Zehdenick

Wenn Foruzan Mohammadi ihren Kinderwagen durch die Straßen von Zehdenick schiebt, freut das nicht jeden. „Das Lachen verschwindet bei ein paar Leuten“, sagt die 25-Jährige. Und an der Kasse beim Discounter fehlt ihr oft ein „Hallo“ oder „Schönes Wochenende!“ Die Afghanin bringt Verständnis dafür auf. Einige Zehdenicker verstünden einfach nicht, warum sie mit ihrer Familie aus der afghanischen Großstadt Herat in die Oberhaveler Kleinstadt kommen musste. „In Afghanistan hatten meine Kinder keine Zukunft, dort müssten sie früh arbeiten.“

Seit zwei Jahren lebt Foruzan Mohammadi mit ihrem Mann Khalil (25) und den Kindern Fatima (6), Alisina (3) und Elias (1) in der Oberhaveler Kleinstadt, längst haben die fünf in einer Wohnung der Kirche im Zentrum auch ihre eigenen 84 Quadratmeter. Vier Monate lang hat Foruzan Mohammadi Deutsch gepaukt, sie versteht die Sprache immer besser. Auch die Debatte um den Rechtsextremismus. In einem „Spiegel“-Essay hatte die Zehdenicker Autorin Manja Präkels den Pop-Literaten Moritz von Uslar angegriffen, weil er in seinem Buch „Deutschboden“ das Leben in der Kleinstadt verharmlose. Seitdem spricht ganz Deutschland über den Ort mit seinen 13.500 Einwohnern.

Der Schriftsteller Moritz von Uslar las im November 2010 in Zehdenick aus seinem Buch "Deutschboden". Bürgermeister Arno Dahlenburg (r.) überreichte ihm das Ortsschild Quelle: Uwe Halling

Foruzan Mohammadi: Dankbar für die Chance zum Neustart

Als die MAZ bei Foruzan Mohammadi für ein Gespräch zum Thema anfragt, sagt sie sofort zu. Die Afghanin will da etwas geraderücken, denn sie ist dankbar für den Neustart, den ihre Familie in Zehdenick hatte. Für ihren Geschmack wird der Stadt mit der Debatte Unrecht getan. Es gebe mehr gute als schlechte Menschen hier. Bürger haben Familie Mohammadi mit Möbeln, Kleidung, Geschirr und gutem Rat geholfen. Zwar würden nicht alle Zehdenicker ihr und anderen Asylbewerbern offen gegenübertreten. Angst, das will die junge Mutter klarstellen, habe sie in Zehdenick aber niemals gehabt. „Ich fühle mich sicher, auch wenn ich abends durch die Straßen gehe. In Afghanistan war das anders.“

Einer, der ihrer Familie beim Ankommen geholfen hat, ist Zehdenicks Pfarrer Andreas Domke. Er ist Mitglied der Willkommensinitiative, ihre Klientel sind rund 190 Flüchtlinge, die im Heim oder in Wohnungen leben. Wenn Domke über die Zehdenick-Debatte spricht, schwillt ihm die Halsschlagader. „Was die Medien machen, ist ein reflexartiger Großangriff. Das ist arrogant und macht mich wütend.“ Manja Präkels habe ohne Zweifel schlimme Erfahrungen gemacht, doch sei das eine Debatte aus den 1990er-Jahren, die mit dem Heute nichts mehr zu tun habe.

Der Pfarrer, der als Gitarrist in der Berliner Band „Heymbrecht“ rockt, kommt viel rum in der Stadt, er kennt die Kneipen und Neubauviertel. „Und ich kenne einen einzigen Mann, der hier in Thor-Steinar-Klamotten rumläuft.“ Domke sei da Schlimmeres gewohnt, immerhin kommt er aus Zossen. Die Stadt ist berüchtigt für ihre rechte Szene, hier hatte ein rechtsextremer Teenager 2009 das „Haus der Demokratie“, einen Treffpunkt im Zentrum, abgefackelt. Auch in Zehdenick zogen 2015 viermal Asylgegner als „Abendspaziergänger“ durch die Gassen, nicht immer gab es eine Gegendemo. „Und bei einer AfD-Veranstaltung hier gab es vier, fünf Leute, denen diese Partei nicht weit genug ging“, sagt Pfarrer Domke. Das sei widerlich, aber auch nicht anders als in jeder anderen Kleinstadt.

Keine rechte Partei im Stadtparlament

So sieht das auch Zehdenicks Bürgermeister Arno Dahlenburg (SPD). Seit 1993 gebe es in der Stadtverordnetenversammlung keine rechte Partei mehr. In Orten wie Hennigsdorf, Velten oder Oranienburg dagegen sitzen die Rechtsextremen in den Parlamenten. Dahlenburg lobt auch die Willkommensinitiative, in der sich Zehdenicker in Arbeitskreisen zu Themen wie Arbeit, Kunst, Sport oder Sprache engagieren. Zudem gibt es im Wohngebiet Zehdenick-Süd einen Kieztreff, bei dem Flüchtlinge und Einheimische sich kennenlernen. „Dort treffen sich meistens zunächst die Kinder, die dann die Eltern zusammenbringen.“ Außerdem wird Sozialministerin Diana Golze (Die Linke) in der kommenden Woche nach Zehdenick kommen und den Schuhproduzenten Trippen mit dem Integrationspreis des Landes ehren. Das Unternehmen will Flüchtlingen eine Perspektive geben, unter anderem mit Sprachkursen in der Werkstatt. „All das zeigt, dass wir gut aufgestellt sind“, sagt Bürgermeister Dahlenburg.

Die Gaststätte Schröder in Zehdenick Quelle: Uwe Halling

Auch in der Gaststätte „Schröder“, die in Moritz von Uslars Buch vorkommt, ist die Debatte um den Rechtsradikalismus ein Thema. Die meisten Zehdenicker, sagt Wirt Heiko Schröder, seien aber vernünftig. „Klar gibt es auch schwarze Schafe. Deshalb sind wir hier aber nicht alle gleich Adolf Hitler.“ Erst vor zwei Wochen habe Schröder einen Mann zur Rede gestellt. „Er schimpft über Ausländer, ist aber schon seit 20 Jahren zuhause, faul wie die Sünde und lebt vom Staat.“ Mit welchem Recht können sich solche Leute über Flüchtlinge beklagen, fragt der Wirt. Viele der Asylbewerber dagegen wollten schnell Deutsch lernen und ihr eigenes Geld verdienen.

Das will auch Foruzan Mohammadi. Eine Zukunft in Zehdenick kann sie sich für ihre Familie deshalb nicht vorstellen. „Für uns gibt es hier keine Möglichkeiten zur Ausbildung oder zum Arbeiten.“ Die Mohammadis suchen nun eine Wohnung in Hennigsdorf, Oranienburg oder Potsdam. „Ein eigenes Lebensmittelgeschäft“, sagt die junge Mutter, „das wäre mein Traum.“

Von Marco Paetzel

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