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Brandenburg Wo der Wohlstand wohnt
Brandenburg Wo der Wohlstand wohnt
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02:23 28.05.2018
Logo vor dem Gebäude J6, ebay-Campus im Gewerbegebiet Dreilinden, Mai 2018. Foto: Detlev Scheerbarth Quelle: Detlev Scheerbarth
Kleinmachnow

Zwischen den Regalreihen der Weingroßhandlung Vinoscout im Kleinmachnower Gewerbegebiet Europarc steht ein Schrein. Ein Pavillon aus Glas und Stahl. „Weine von 60 Euro aufwärts präsentieren wir dort“, erklärt der Verkäufer. Luftfeuchtigkeit und Temperatur (16 Grad) sind immer gleich in dem Showroom – damit kein Korken austrocknet. Ein paar Flaschen Saint-Émilion zu 90  Euro das Stück sind zu erkennen. 2017 ist der Bau errichtet worden – in guter Nachbarschaft zu einem Golf-Ausrüster, einem Edelmode-Outlet, einer Parfüm-Manufaktur und einem Oldtimer-Parkhaus.

Der Europarc Dreilinden, an der A 115 kurz vor jener Stelle gelegen, wo der Berliner Bronzebär auf dem Mittelstreifen auftaucht, ist die Logistikzone für den prosperierenden Südwesten und dessen Speckgürtel.

Bürgermeister Michael Grubert (SPD) sagtunumwunden: „Es ist erfreulich, Bürgermeister dieser Gemeinde zu sein.“ Quelle: Christel Köster

An Kundschaft mangelt es dem Weinladen nicht. Oft kommen Besucher des Porsche-Zentrums herüber und nehmen ein paar Kisten mit, sagt Inhaber Frank Kleinfeldt. Oder Väter von Pferdemädchen vertreiben sich die Zeit, während ihre Kinder beim benachbarten Reitbedarfshandel Bürsten, Wiesenheu oder neue Stiefel kaufen. Vor allem kommen regelmäßig Angestellte von Ebay, Mobile.de und PayPal nach Feierabend über den Parkplatz gelaufen zum Weinshoppen. „Dann darf es gern mal Crémant sein“, sagt ein Verkäufer. Online-Pioniere trinken eben nicht ganztägig Mate-Tee.

Ortskarte von Kleinmachnow: Die Brandenburger Gemeinde ragt nach Norden und Osten ins Berliner Stadtgebiet hinein. Quelle: Detlev Scheerbarth

Mitte April hatte Ebay bekannt gegeben, es werde sein Europageschäft künftig über Kleinmachnow laufen lassen. Die Nachricht hat die Gemeinde im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark ins Scheinwerferlicht gerückt. Reift da am Berliner Stadtrand ein kleines Silicon Valley? Wird man sich im Rathaus die Türklinken vergolden lassen vor lauter Gewerbesteuern? Kommt der Bürgermeister vor Lachen überhaupt in den Schlaf?

Kaum ein Haus unter einer halben Million

In fast jeder Hinsicht ist der Ort eine Ausnahme. Kleinmachnow ist die Gemeinde mit der höchsten Kaufkraft in Ostdeutschland. Rankings zufolge haben die 20 500 Einwohner im Schnitt so viel Geld zur freien Verfügung wie die Bewohner des Landkreises Baden-Baden im Schwarzwald, Wahlheimat vieler vermögender Russen. Teurer als in Kleinmachnow sind Ein-und Zweifamilienhäuser nirgendwo im Osten. Unter einer halben Million Euro wechselt kaum ein Eigenheim den Besitzer.

Selbst die evangelische Kirchengemeinde wächst in Kleinmachnow entgegen dem allgemeinen Trend: Sie bekam gerade einen Neubau. Quelle: Detlev Scheerbarth

Die Waldgemeinde vereint das Beste aus allen Welten in ihren Gemarkungsgrenzen: Wohnstraßen mit Fliederbüschen, eine hübsche Bausubstanz aus den 1920er- und 1930er-Jahren, gute Schulen, Nachbarschaft zur Groß-, wahlweise Weltstadt Berlin bei gleichzeitiger Überschaubarkeit eines Dorfes. Und vor den Toren, vom Ort aus unsichtbar, dafür direkt an der Autobahnauffahrt: ein boomendes Gewerbegebiet mit mehr als 3500 Jobs.

Mitarbeiter auf dem Freigelände des Ebay-Campus im Gewerbegebiet Dreilinden. Quelle: Detlev Scheerbarth

Bürgermeister Michael Grubert (SPD) hat sich zum Mittagessen beim Lieblingsitaliener auf dem Rathausmarkt einen Weißwein zur Pizza bestellt. Der Mann sieht nie nach Stress aus. Fast immer trägt der 58-Jährige Jeans – Levi‘s 501. Der Sozialdemokrat ist ein schlanker, jungenhafter Mann mit kurzem Pony. Seit 2009 regiert er, nur die Haarfarbe hat sich leicht aufgehellt seither. „Es ist erfreulich, Bürgermeister dieser Gemeinde zu sein“, sagt er unumwunden.

Wenn es Schwierigkeiten gebe, seien dies oft Luxusprobleme – etwa das Parkverbot auf Hauptstraßen. Kleinmachnower müssen ihre Autos, Zweit- und Drittwagen in Seitenstraßen abstellen. Immerhin sind die Bordsteine aus Granit, Betonrinnsteine sucht man vergebens.

Ortsbildprägend: Die Schleuse am Teltowkanal in Kleinmachnow – ein beliebtes Ziel für Ausflügler. Quelle: Detlev Scheerbarth

Wenn es eine Antithese zu den angeblich „abgehängten Gegenden“ Ostdeutschlands gibt, ist es Kleinmachnow. Die AfD errang hier magere 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl – halb so viel wie die FDP. In keinem anderen märkischen Ort war die Wahlbeteiligung höher.

Ein Ober bringt Grappa, die Restaurant-Terrasse ist gut besucht. Der ganze Platz ist mit Naturstein belegt. Nach der Wende haben Investoren den Rathausmarkt auf der grünen Wiese hochgezogen – denn der Ort hatte kein richtiges Geschäftszentrum. Anderswo sind solche städtebaulichen Kopfgeburten gefloppt, am Kleinmachnower Rathausmarkt musste kürzlich die Parkzeit limitiert werden, weil’s zu voll wurde.

Brandenburg – Zweiklassenwelt

Grubert wird auch künftig kaum Grund für Sorgenfalten haben. 216 Arbeitslose gab es Mitte 2017. Die Steuereinnahmen der Gemeinde waren 2016 doppelt so hoch wie die der gleichgroßen Stadt Luckenwalde (Teltow-Fläming), 50 Kilometer weiter südlich außerhalb des Berliner Autobahnrings gelegen. Brandenburg – das ist eine Zweiklassenwelt. Theoretisch heißt das: Kleinmachnow könnte pro Jahr eine ganze Schule mehr bauen lassen als Luckenwalde. Doch die ärmeren Vetterchen aus der kommunalen Familie profitieren vom Speckgürtel-Wohlstand: Knapp die Hälfte der 13 Millionen Euro Gewerbesteuern gehen an den Landkreis.

Das Rathaus von Kleinmachnow. Quelle: Detlev Scheerbarth

Höher noch liegen mittlerweile die Einkommensteuer-Erträge. „Wir haben einen Zuzug von Gutverdienern“, sagt der Bürgermeister. Zu denen zählen nicht wenige Prominente. Rapper Bushido etwa kaufte 2011 ein Villenensemble nahe der Berliner Stadtgrenze, ein befreundeter arabischer Clan zog mit in das ehemalige Seemannserholungsheim. Bushido ließ alte Bäume fällen, Bauarbeiter rissen einen denkmalgeschützten Torbogen um. Den ließ der Musiker wieder aufbauen, nachdem die Gemeinde einen Baustopp verhängte.

Ein paar Straßen weiter schaufelt ein Bagger die Reste eines schmucklosen Grauputz-Häuschens in einen Container, Staub liegt auf den Fliederblüten. Lehrerin Akeya Seiff (33) knipst mit einer Heckenschere an einem Strauch herum. Gemeinsam mit ihrem Mann Aiken (42) hat sie ein Grundstück gekauft – nach drei Jahren erfolgloser Suche im Südwesten Berlins. Dort seien Grundstücke fast unbezahlbar, sagt die Waldorf-Pädagogin. Gemeinsam mit Freunden wollen die Seiffs für sich und die Kinder zwei Häuser auf dem Areal errichten.

„Heile Welt“ in Kleinmachnow

Die beiden sind echte Westberliner, wohnen seit acht Jahren am Savignyplatz nahe dem Bahnhof Zoo. „Es ist Zeit“, sagt der Bauherr. Der Uringeruch unter den S-Bahn-Bögen, die Spritzen im Hauseingang und auf dem Kinderspielplatz hätten ihn genervt, die organisierten Bettler auch. Der Terroranschlag vom Breitscheidplatz, die Autobombe, die 2016 einen mutmaßlichen Drogendealer auf dem Kaiserdamm zerriss – all das spielte sich im Umkreis von anderthalb Kilometern von ihrem bisherigen Wohnort ab. Zeit sei es gewesen für ein bisschen mehr „heile Welt“, vor allem für die Kinder. „Wir wollten nicht so weit raus – Kleinmachnow ist ja Zehlendorf mittlerweile“, sagt Aiken Seiff.

Aiken Seiff und seine Frau Akeya auf ihrem Baugrundstück. Ein schmuckloser Grauputz-Bau musste weichen. Viele Familien zieht es in den ruhigen Vorort. Quelle: Ulrich Wangemann

Zehlendorf, so heißt der Berliner Bezirk, in den Kleinmachnow geografisch gesehen hineinragt. Dass vor 1989 die Mauer die Orte trennte, ist heute nur noch für Ortskundige zu erahnen. Ebay hat sogar – möglicherweise aus Gründen der Hipness – eine Berliner Vorwahl. So verschwimmen die Grenzen.

Die Gemeinde gehört zu den Wendegewinnern. Hinterm Lärmschutzwall an der Autobahn steht noch – eingezwängt von Gewerbebauten des Europarcs – ein alter Wachturm, Überbleibsel aus der Zeit, als Dreilinden Transit-Grenzübergang war und in Kleinmachnow etliche Linientreue Häuser erhielten und eine eigentümliche Koexistenz mit den vielen Künstlern in der Waldgemeinde eingingen.

Die alte Dorfkirche in Kleinmachnow – eines der wenigen Überbleibsel vom alten Dorfkern. Das Gutshaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Quelle: Detlev Scheerbarth

Nach der Wende setzte ein bemerkenswerter Bevölkerungsaustausch ein. Von den derzeit 20 500 heutigen Einwohnern sind nur noch 3000 Alt-Einwohner. Rückübertragungen, parzellierte Grundstücke, neue Wohngebiete – mehr als 17 000 Neue drängten in die Gemeinde. Die Wogen gingen hoch, als „Laboratorium der Einheit“ wurde der Ort bezeichnet. Viel Bitterkeit blieb bei den Verdrängten. Kaum irgendwo in Deutschland ist der Helmut Kohl’sche Leitsatz „Rückübertragung vor Entschädigung“ so brutal in die Tat umgesetzt worden. Für die Verdrängten errichtete man ein eigenes Neubauviertel mit Geschosswohnungen. Ihr Paradies aber war verloren.

Eine neue Kirche für die wachsende Gemeinde

Die Neuen brachten ihre Religion mit in den weitgehend atheistischen Osten. Während anderswo im Märkischen Kirchen entwidmet werden oder verfallen, hat man für die mehr als 5000 Kleinmachnower Protestanten kürzlich neben der mittelalterlichen Dorfkirche ein neues Gotteshaus errichtet. Ein Backsteinbau mit Spitzdach, skandinavisch nüchtern, hell, eher Mehrzwecksaal als Stätte der Anbetung. 102 Konfirmanden sind dort angemeldet – ein irre hoher Wert. Und ein Kleinmachnower Alleinstellungsmerkmal.

Vom alten Kleinmachnow ist wenig übrig

Hier, nahe dem Teltowkanal, liegt das alte Zentrum des Orts, seit einem Bombenangriff 1943 seines Ritterguts beraubt. Schräg gegenüber der Patronatskirche aus Feldstein, wo früher der Gutsherr betete, ist in einem denkmalgeschützten Landarbeiter-Haus der Kunstverein „Die Brücke“ untergekommen. Mitgegründet hat ihn der aus „FAZ“, „Zeit“ und „Süddeutscher Zeitung“ bekannte Grafiker Rainer Ehrt. Seit 1986 wohnt der Intellektuelle in Kleinmachnow und hadert nun mit den Auswüchsen des Wohlstands. „Ich finde es gut, dass wir es mithilfe der Kirchengemeinde geschafft haben, den alten Dorfkern nicht kommerziell zu halten“, sagt der 57-Jährige. Ausstellungen und Konzerte finden in dem Kulturhaus statt.

Rainer Ehrt, Grafiker und seit 1986 Kleinmachnower. Er kritisiert, dass der Ort zu stark verdichtet wird. Quelle: Ulrich Wangemann

Die Natur habe noch ihren Platz im alten Dorfzentrum, sagt Ehrt und verweist auf die alten Eichen, den Weg am Ufer. Sein altes Kleinmachnow, wo er ein Atelier in einem Garten mit Kastanie und Holzstoß hat, erkennt er manchmal kaum wieder. „Große Häuser auf kleinen Grundstücken“, sei das Motto der neuen Zeit. Tatsächlich hat sich die Einwohnerzahl seit der Wende nahezu verdoppelt. Der Ort werde „auf atemberaubende Art verdichtet. Man kann doch nicht binnen einer Generation alles zupflastern – verdammt!“ – Ehrt lacht, er nimmt das als satirischer Zeichner alles nicht so verbissen, ärgern tut es ihn dennoch. „Die Leute sitzen hinter ihren Hecken – das Schicksal einer Speckgürtelgemeinde.“

Bürgermeister Grubert hat sich eine Zigarette angesteckt, er hat am Abend noch eine Gemeindevertretersitzung vor sich. „Silicon Valley werden wir hier nicht. Kleinmachnow ist zu gutbürgerlich dafür“, sagt er. Die Start-up-Szene suche Urbanität. Wer mit der Schule fertig sei, verlasse die heile Welt am Stadtrand. Von seinen vier Kindern sind drei zum Studieren weggezogen – in richtige Städte.

Von Ulrich Wangemann

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