Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Wühlen, stechen, ziehen
Brandenburg Wühlen, stechen, ziehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:57 12.05.2013
Der Erntehelfer Radoi Ghita. Foto. Klaus-Dietmar Gabbert
Der Erntehelfer Radoi Ghita. Foto. Klaus-Dietmar Gabbert
Anzeige
POTSDAM

Die Bewegung ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. In null Komma nichts hat der Erntehelfer aus Rumänien fünf schnurgerade, weiße Spargelstangen hervorgeholt. Eine kleine, feine Portion, die vielleicht schon an diesem Abend mit Schinken, Sauce hollandaise und Petersilie garniert auf einem Teller landet.

Der Spargelhof von Josef Jakobs im Beelitzer Ortsteil Schäpe (Potsdam-Mittelmark). Auf 200 Hektar Land wird das edle Gemüse hier angebaut. Eine Million Kilogramm erntet man ungefähr pro Saison, zurzeit sind es etwa 25 000 Kilogramm am Tag. Dieses Jahr habe sich der Erntestart wegen des schlechten Wetters um drei Wochen auf den 15. April verschoben, sagt Marketingleiterin Carmen Runge. Dafür sprießen die Stangen jetzt umso eifriger. „Seit einer Woche läuft’s richtig gut, weil die Grundwärme da ist.“ Ernteausfälle müsse man wegen des langen Winters zwar nicht fürchten, trotzdem leide das Geschäft. Weil jetzt viel Ware auf einmal auf den Markt komme, sinke der Preis. Momentan kostet ein Kilo der besten Sorte drei bis fünf Euro im Handelspreis. Ein guter Schnitt für den Verbraucher, aber nicht für den Produzenten. Umso wichtiger sei es jetzt, mit dem Stechen hinterherzukommen, so Runge. Das königliche Gemüse nimmt Warten übel, und der Kunde verlangt Frische.

Die flinken Hände, die für die Ernte nötig sind, gehören Polen und Rumänen. 320 von ihnen arbeiten und leben zurzeit in Schäpe. Deutsche sind für den Knochenjob nicht zu kriegen, heißt es hier. Die Erntehelfer werden von ausländischen Agenturen vermittelt und wohnen gemeinsam in Vier- oder Sechsbettzimmern mit Toilette und eigener Küche, erklärt Runge. Manch einer reise vor Saisonende ab, weil er krank wird oder den harten Job nicht packt. Aber viele kämen auch immer wieder. „Das ist für uns ein gutes Zeichen, dass sie zufrieden sind.“

Radoi Ghita ist zum neunten Mal mit dabei. Der 35-Jährige stammt aus dem rumänischen Ort Otelu-Rosu und ist eigentlich von Beruf Bäcker. Aber zu Hause ist das Geld schlecht, erklärt er in gebrochenem Englisch. Zehn Wochen bleibt er in Brandenburg, zehn Stunden täglich verbringt er auf dem Feld, sieben Tage die Woche. Wühlen, stechen, ziehen, wühlen, stechen, ziehen. Je zahlreicher und schöner die Stangen, die er am Ende eines Tages in seiner Kiste angesammelt hat, desto höher der Betrag, der auf seinen Grundlohn draufgezahlt wird. Wie viel es am Ende ist, wird nicht verraten. „Für ihre Verhältnisse verdienen die Leute hier überdurchschnittlich gut“, sagt Runge.

Der noch erdige Spargel wandert kistenweise vom Feld in die Sortierhalle. Säuerlicher Geruch liegt in der Luft, ein Rocksong aus Lautsprechern übertönt das monotone Brummen der Fließbänder, an denen fast nur Frauen stehen. Produktionschef Krzysztof Kamedulski erklärt den Ablauf: Zunächst werden die Stangen abgespült und gekühlt. Dann positionieren die Frauen sie auf dem Band. Ein Messer stutzt sie auf 22 Zentimeter, die handelsübliche Länge. Dann läuft das Band weiter zum Fotoshooting. Sechs Aufnahmen pro Stange schießt die Kamera. Krümmung, Länge, Farbe – nach diesen Kriterien sortiert die Maschine das Gemüse in Klassen, die mit über den Preis entscheiden. Dann geht’s in den Handel und zum Kunden. Rund 50 Verkaufsstände betreibt der Spargelhof selbst in der Region, außerdem beliefert er Supermärkte. Ob die Erntehelfer auch mal Spargel zu Essen bekommen? Kamedulski schüttelt den Kopf.

Radoi Ghita hat die zweite Schicht an diesem Tag noch vor sich. Am Abend nach dem Essen sei er vielleicht noch eineinhalb Stunden wach, erzählt er. In dieser Zeit telefoniere er mit seiner Frau und seiner zehnjährigen Tochter. Dann legt er sich ins Bett, den kneifenden Rücken ausruhen. (Von Angelika Pentsi)

Brandenburg Rosemarie Hempel aus Strausberg ist Deutschlands wohl älteste Fluglehrerin und fliegt am liebsten über Brandenburg - Mit 72 fast täglich in der Luft
12.05.2013
Brandenburg Brandenburg, Berlin und der Bund ziehen beim Flughafen-Projekt in Schönefeld nicht an einem Strang - Schlangengrube BER-Aufsichtsrat
12.05.2013
Brandenburg Neun Firmen sollen Preise illegal in die Höhe getrieben zu haben / Brandenburgs Agrarfirmen offenbar nicht beteiligt - Ermittlungen gegen Kartoffelkartell
12.05.2013