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Brandenburg Zossener Verein unterrichtet Schulschwänzer
Brandenburg Zossener Verein unterrichtet Schulschwänzer
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20:49 09.09.2013
Symbolbild für Schulschwänzer. Quelle: dpa
Zossen

Bastian* geht an die Tafel, heftet ein DIN A3 großes Blatt mit einem Zeitungsartikel über Rentiere daran und richtet den Blick nach vorne in drei erwartungsvolle Gesichter, die seiner Klassenkameraden. Es ist 8.30 Uhr, erste Stunde, Deutschunterricht bei Sylvia Woodhouse. Bastian beginnt sein Referat, er spricht flüssig und locker. Ein offener Junge, Typ Klassensprecher, er lacht viel und beteiligt sich gerne am Unterricht. Ein Traum für jeden Lehrer – hier und jetzt. Bevor er hierher kam, war er eher ein „Lehrerschreck“.

Der 16-Jährige mobbte Mitschüler, beleidigte Lehrer und trieb sie in den Wahnsinn – indem er zum Beispiel Pulte stapelte bis hoch an die Decke, „Tetris“ nannte er das damals. Und wenn er keine Lust hatte, erschien er einfach gar nicht zum Unterricht. „Ich war ein ganz Schlimmer“, sagt er mit einem Schmunzeln, als rede er über einen anderen Jungen. Jetzt lernt er in einem Projekt für ehemalige Schulverweigerer – „Rückgrat“, betrieben vom Verein „Wir“ in Zossen (Teltow-Fläming). Zwölf Neunt- und Zehntklässler nehmen zurzeit daran teil. „Unser Hauptziel ist es, die Schüler zu einer Ausbildung zu befähigen“, sagt Projektleiterin Renate Vogler. Viele von ihnen hätten Hunderte von Fehlstunden angehäuft, bevor sie hierher kamen. Ohne Hilfe hätte ihnen wohl eine Hartz-IV-Karriere bevorgestanden. „Eine Schülerin ist zwei Jahre nicht zur Schule gegangen, bei uns hat sie ihren Abschluss gemacht“. Alle Zehntklässler schaffen ihre Erweiterte Berufsbildungsreife, 90 Prozent der Neuntklässler ihren Hauptschulabschluss, „und zwar nicht schlechter als der Durchschnitt“, sagt Vogler.

Trotzdem steht das Projekt auf der Kippe. Bislang wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert, wie auch 26 andere dieser Art im Land Brandenburg. 110.000 Euro fließen jedes Jahr allein nach Zossen. Doch die Förderperiode läuft Ende des Jahres aus. „Bis Juli 2014 ist das Projekt ausfinanziert“, sagt Stephan Breiding, Sprecher des Brandenburger Bildungsministeriums. Was danach passiert, ist offen. „Wir haben ein hohes Interesse daran, das Projekt weiterzuführen.“ Momentan sei aber noch unklar, wie viel Geld aus Europa ab 2014 zur Verfügung steht.

Wie viele Schulschwänzer es in Brandenburg gibt, ist unbekannt. Weder das Ministerium noch die Schulämter führen Statistiken darüber, weil sie keine Notwendigkeit dazu sehen. „Wir gehen davon aus, dass das kein flächendeckendes Phänomen ist“, erklärt Winfried Otto, Leiter des Staatlichen Schulamtes in Wünsdorf (Teltow-Fläming). Extremfälle wie der eines 17-jährigen Berliners, der fast 1000 Tage nicht zur Schule gegangen war und dessen Mutter deshalb kürzlich zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, seien hier nicht bekannt, sagt auch Ministeriumssprecher Breiding. In Brandenburg handele es sich eher um weniger schwerwiegende Einzelfälle.

Einzelfälle wie der von Martin*. Der 16-Jährige trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und einen Irokesen-Schnitt, er ist jetzt an der Reihe mit seinem Referat über einen Artikel zum Berliner Tourismus. Ruhig trägt er die Fakten vor, Sylvia Woodhouse lobt ihn. Früher hat er schlichtweg die Teilnahme am Unterricht verweigert. „Ich hatte Stress mit Mutti zu Hause“, erzählt er. Von den Lehrern ließ er sich nichts sagen. Inzwischen ist er von zu Hause ausgezogen und absolviert das zweite Jahr bei „Rückgrat“. „Mein Zeugnis aus der Neunten war das Beste, das ich je hatte“, sagt er. Was den Unterschied macht? „Ich hab' nicht mehr den Frust von zu Hause, und hier gucken mir die Lehrer auf die Finger“, sagt er.

Fünf Pädagogen unterrichten die Schüler in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch, aber auch in Lebenslehre. Dabei geht es um das Eröffnen eines Bankkontos oder das Anmieten einer Wohnung – Kompetenzen, die eigentlich im Elternhaus vermittelt werden sollten, aber bei den Teilnehmern oft fehlen. Die individuelle Betreuung, sagt Sylvia Woodhouse, ist der Schlüssel zum Erfolg. „Wir können hier auf jeden Jugendlichen eingehen, das können die Lehrer an den anderen Schulen nicht leisten.“ Alle Schüler seien freiwillig da und müssten sich an strikte Regeln halten. Mitarbeit werde erwartet.

Klar klappe das nicht gleich reibungslos, sagt Renate Vogler. „Am Anfang sind manche genervt und kommen auch nicht immer.“ Aber nach rund drei Monaten merkten die meisten, dass sie den Lehrern wichtig sind. „Von da an läuft es.“ Bastian hat seinen Abschluss, wenn alles glatt läuft, nächstes Jahr in der Tasche. Danach will er „etwas mit Jugendlichen“ machen, „vielleicht Sozialpädagogik“.
* Name geändert

Von Angelika Pentsi

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