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Brandenburg Zwischen Überforderung und Glück
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19:53 23.05.2013
Ines Wagner, Flecken Zechlin. Aufnahme: 1965. Mit freundlicher Genehmigung des Brandenburgischen Literaturbüros.
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Tun die Politiker im heutigen Alltag genügend, um den jüngsten Landeskindern eine schöne Kindheit zu ermöglichen?

Heike Hase: Die Kürzungen im Sozialbereich aufgrund der angespannten Haushaltslage trifft natürlich auch die Kinder. In meiner Stadt Brandenburg gibt es gerade eine heftige Diskussion über die Schließung des Wildo, einer wichtigen Anlaufstelle für Schulkinder in den Nachmittagstunden. Auch an Kita-Betreuern und Lehrpersonal wird zu sehr gespart. Die Klassen sind zu groß, um die angestrebte Integration schwieriger Kinder wirklich zu ermöglich. Auch der Schulweg ist für viele Kinder mit dem Fahrrad nur unter erheblicher Gefahr im Straßenverkehr zu bewältigen. Aber das Themenjahr behauptet ja auch keine gegenwärtige Idylle, sondern möchte vergegenwärtigen, wie sehr die Kindheit einem ständigen Wandel unterworfen ist.

 

Das 1774 von dem märkischen Adligen Friedrich Eberhard von Rochow gestiftete Dorfschulhaus in Reckahn galt als Riesenfortschritt, da hier das Kinderrecht auf Bildung mustergültig in die Tat umsetzte. Heute ächzen viele Schüler unter dem vielen Wissensstoff, der ihnen eingetrichtert wird. Wird in Kreisen des Kinderschutzbundes daran gedacht, ein Kinderrecht auf weniger Hausaufgaben und mehr Freizeit zu fordern?

Hase: Ein Recht auf weniger Hausaufgaben wird nicht ernsthaft diskutiert. Hausaufgaben gehören zum Lebensalltag dazu und dienen dazu, Unterrichtsstoff zu verfestigen und machen durchaus Sinn. Das Problem der knappen Freizeit hat ja auch andere Ursachen. Einerseits gibt es Kinder, die kaum die Möglichkeit haben, einer sozialen Verwahrlosung zu entkommen. Da ist der Staat gefragt. Andererseits gibt es zahlreiche Familien, in denen die Kinder optimal gefördert werden sollen. Manchmal bis hin zu einer Überforderung, weil zwischen Musikschule, Ballettunterricht, Sport und Zeichenschule einfach kein Raum mehr bleibt, sich einfach nur mal so mit Freunden zu treffen und zu toben. Statt Hausaufgaben abzuschaffen, scheint es sinnvoller den Lehrplan zu kürzen. Was nutzt es uns, wenn Eltfklässler die Kurvenbahn eines Torschusses des FC Bayern berechnen können, aber nicht wissen, was der Unterschied zwischen Zins und Tigung eines Darlehns ist.

Ausgerechnet der Ort Reckahn geriet Ende letzten Jahren bundesweit in die Schlagzeilen, weil einem hier ansässigen Reitlehrer sexueller Missbrauch an minderjährigen Jungen nachgewiesen wurde. Wann verwahrten sich Kinderrechtler erstmals gegen sexuelle Übergriffe? Für wie wirksam erachten Sie die Paragrafen im Strafgesetzbuch?

Hase: 1953 wurde der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) durch einen Arzt gegründet, der für den Schutz unserer Kinder vor „Triebverbrechern und anderen Gefahren“ eintrat. Wenn man sich den Zustand in den Kinderheimen nach dem Zweiten Weltkrieg ansah, weiß man, dass die Erziehung bis weit in die Mitte der 70er Jahre durch Gewalt und Zwang geprägt war. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung wurde erst 2008 durch die Kindschaftsrechtsreform verankert. Auch der Klaps auf den Po wird seitdem gesetzlich nicht mehr als angemessenes Erziehungsmittel angesehen. Der Fall in Reckahn hat deutlich gemacht, dass sexueller Missbrauch überall passieren kann und dass Prävention absolut wichtig ist. Mit dem unübersichtlichen Paragraf 174 gelingt es dem Gesetzgeber leider nur in Ansätzen, solch ein Verhalten zu ahnden. Die Schwierigkeit liegt darin, sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern überhaupt in einen strafrechtlichen Tatbestand zu fassen. Viele Verfahren werden wegen Verjährung eingestellt, weil sich die Opfer selbst als junge Erwachsene noch nicht getraut haben, über den erlebten Missbrauch zu sprechen. Da hilft auch das beste Strafgesetzbuch nichts. Erwachsene sind oft geneigt, einem Kind nicht glauben zu wollen, gerade wenn der Täter ein angesehener, sympathischer, engagierter Mensch ist.

Was zeichnet eine glückliche Kindheit aus?

Hase: Aus Sicht des Kinderschutzbundes: dass Kinder geborgen in einer gewaltfreien Umgebung aufwachsen können, die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihrer Fähigkeiten zu entwickeln und gefördert werden. Es muss genug Zeit bleiben um zu spielen und es darf nicht zu einer „Überförderung“ kommen.

Wie laut dürfen Kinder sein?

Hase: Das ist immer eine Frage der subjektiven Wahrnehmung. Wenn ein kleines Kind in hohen Tönen kreischt, darf man als Erwachsener das Kind durchaus darauf hinweisen, dass es zu laut ist. Den normalen Geräuschpegel von fröhlich tobenden Kindern als Lärm zu empfinden, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich im Sommer das Fenster geöffnet habe, finde ich die Pausenhofgeräusche bei weitem angenehmer, als die über das Kopfsteinpflaster polternden Autos. Unsere Kinder leben heute größtenteils in einer wenig kindgerechten Umwelt: in Wohnungen, in denen sie nicht toben dürfen, in Städten die überfüllt sind mit Autos und in denen man nicht einfach mit dem Fahrrad lossausen kann. Und in der Schule müssen sie vor allem stillsitzen. Sie brauchen aber Platz, um ihre Energien entladen zu können.

 

Dürfen Kinder von den Eltern zur Mitarbeit im Haushalt gezwungen werden?

Hase: Ja, „mit Zuckerbrot und Peitsche“. Kinder sollten natürlich so erzogen werden, dass sie auch lernen zu helfen und Verantwortung zu übernehmen. Bei kleinen Kindern kann man dies ja ohne Zwang machen, durch Vermittlung von etwas Positivem – etwa: lass uns gemeinsam den Abendbrottisch decken, danach darfst du das Sandmännchen anschauen. Bei älteren Kindern sollte man versuchen, die Verantwortlichkeit innerhalb der Familie zu stärken. Wenn man hier die Kinder als gleichwertige Partner einbezieht, ihnen eine Aufgabe eigenverantwortlich überträgt und sie dann auch gestalten lässt, ist ein gemeinsames Haushalten immer gut. Wir Eltern sollten dann aber auch akzeptieren, wenn unsere Kinder auch mal etwas anderes machen. Älteren Kindern kann man ja durchaus mal Geld in die Hand geben und diese das Abendbrot gestalten lassen. Dann gibt es eben Tiefkühlpommes und Wiener Würstchen. Man sollte das dann akzeptieren und nicht anfangen zu mäkeln, dass Salat gesünder ist.

 

Deutschland ist eines der wenigen europäischen Länder mit einer staatlichen Schulpflicht. Andere Staaten geben das Wie und das Wo der Wissensvermittlung nicht so eng vor. In Österreich können die Eltern ihre Kinder auch zu Hause unterrichten. Wie denken Sie über diese Freiheit?

Hase: Das Wort Schulpflicht klingt etwas negativ, hat aber seinen Ursprung darin, dass sichergestellt werden sollte, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, in die Schule zu gehen. Früher mussten Kinder in Bergwerken, Fabriken und auf Bauhöfen arbeiten mussten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Zur Sicherstellung der Wissensvermittlung ist die Schulpflicht wichtig. Im staatlichen Schulsystem liegt aber so vieles im Argen, dass manchmal das Gefühl aufkommt, eine privat organisierte Beschulung sei effektiver. In Deutschland gibt es die Möglichkeit, Privatschulen oder staatlich anerkannten Ersatzschulen zu gründen. Eine Beschulung im Elternhaus halte ich persönlich für problematisch, da in der Schule auch das Sozialverhalten und der Umgang mit anderen Menschen gelernt wird.

 

Der Kinderschutzbund unterstützt mitunter Kinder aus sozial schwachen Familien, damit sie an Klassenfahrten teilnehmen können. In den letzten Monaten wurden in Brandenburg viele Klassenfahrten abgeblasen, weil um die Finanzierung der Lehrerkosten gestritten wird. Gibt es ein Recht auf Klassenfahrten?

Hase: Bisher haben wir uns darüber keine Gedanken gemacht, wie der Lehrer die Klassenfahrt finanziert. Da Klassenfahrten im Bildungsplan grundsätzlich vorgesehen und die freien Tage dafür eingeplant sind, sollte es doch selbstverständlich sein, dass die Lehrer Fahrt- und Unterbringungskosten erstattet bekommen. Ein Lehrer ist ja dann immerhin auch rund um die Uhr für unsere Kinder verantwortlich. In einem Land wie Deutschland darüber zu diskutieren, empfinde ich als etwas kleinlich.

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