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Brandenburg/Havel Hinter Gittern ohne Alkohol und Drogen: Blaues Kreuz hilft Gefangenen in ein suchtfreies Leben
Lokales Brandenburg/Havel Hinter Gittern ohne Alkohol und Drogen: Blaues Kreuz hilft Gefangenen in ein suchtfreies Leben
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17:39 14.05.2019
Robert B. (36) war lange auf der schiefen Bahn. Inzwischen führt der Elektriker ein straffreies Leben mit seiner Familie. Sein christlicher Glaube hilft ihm. Zur 25-Jahr-Feier der JVA-Wohngruppe "Suchtfrei leben" ist er als Gast für ein paar Stunden zurückgekehrt ins Gefängnis. Quelle: Jürgen Lauterbach
Brandenburg/H

Robert B. (36) könnte ein ganz normaler junger Familienvater sein. Gepflegt, redegewandt, freundlich. Nur die kräftigen Oberarme fallen auf mit der flächendeckenden Tätowierung und der Aufschrift „I belong to Jesus“, was so viel heißt wie: „Ich gehöre Jesus“.

Der Gast der JVA Brandenburg/Havel hat eine lange kriminelle Karriere hinter sich und lebt seit mehr als drei Jahren in Freiheit. Er hat eine Frau und eine Familie, zu der ein gemeinsames kleines Kind gehört sowie je ein Kind, das die Partner in die Beziehung eingebracht haben.

Robert B. verdient seinen Lebensunterhalt als Monteur, nachdem er im Anschluss an die Haftentlassung eine Elektrikerlehre erfolgreich abgeschlossen hat. Der einstige Dauergast im Gefängnis hat sein Leben vom Kopf auf die Füße gestellt.

Ein paar Stationen seines unschönen früheren Lebens stellt er vor bei der 25-Jahr-Feier am vergangenen Freitag in der JVA Brandenburg, in der er ein paar Jahre verbracht hat. 25 Jahre, so lange besteht die Wohngruppe „Suchtfrei leben“, eine Besonderheit im Strafvollzug des Landes Brandenburg.

Väterlich streng

Brandenburger Justiz und „Blaues Kreuz“ arbeiten gemeinsam daran, Strafgefangene dieser speziellen Wohngruppe auf ein straf- und suchtfreies Leben außerhalb der Gefängnismauern vorzubereiten. Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten.

Den so anspruchsvollen wie oft anstrengenden Weg hat einst Jürgen Schönnagel angetreten, der die Wohngruppe ins Leben gerufen hat – auch gegen Widerstände.

Verwurzelt im christlichen Glauben und mit hohen, oft genug väterlich strengen Anforderungen an die Gefangenen der Wohngruppe, hat der langjährige Blaue-Kreuz-Ehrenamtler mehr als zwei Jahrzehnte lang Kurs gehalten.

Mit 14 gekifft, mit 28 alles durch

Robert B. sagt, er habe dieser Wohngruppe, in der er von 2013 bis 2015 lebte, viel zu verdanken. Mit 14 hatte er angefangen zu kiffen, bis 28 hatte er alle Drogen durch, war Crystal-Meth-abhängig und zwangsläufig kriminell.

„Als ich 2012 zum zweiten Mal in den Knast kam, wurde mir klar, dass ich mein Leben gegen die Wand gefahren habe“ , erzählt er in der Feierstunde, die mit Gästen aus dem Justizministerium in der Kapelle des Gördener Gefängnisses stattfand.

Ausgerechnet ein Rocker namens Dave sei es gewesen, der ihm in der U-Haft in Baden-Württemberg von Jesus erzählt habe. Er habe zugehört, weil es Kekse und Kaffee dazu gab.

Blaue-Kreuz-Piste

Robert B.: „Ich habe damals nichts mehr gehabt, nach dem ich greifen konnte. Ich wurde dann zwar nicht besser, aber ich hatte wieder Kraft und mich entschieden, mich zu ändern, nicht mehr Räuber, Dealer und alles mögliche zu sein.“

Der Brandenburger Neu-Gefangene erfuhr von Schönnagels Suchtfrei-Wohngruppe. Er stellte einen Antrag auf Aufnahme und rechnete mit einer längeren Wartezeit. „Doch zwei Tage später kam Jürgen in meine Zelle und zwei weitere Tage später war ich auf der Blaue-Kreuz-Piste“, erzählt der Ex-Häftling.

Der Weg über den offenen Vollzug und die Nachsorge waren dann immer noch verwinkelt. Inzwischen aber führt Robert B. nicht nur ein bürgerliches Leben, sondern ist auch Mitglied beim Blauen Kreuz geworden, geht ehrenamtlich in Gefangenengruppen und nimmt am Präventionsunterricht in Schulen teil.

Ausgerechnet der Gründer fehlt

Was verwundert bei der 25-Jahr-Feier, das ist die Abwesenheit des Gründers Jürgen Schönnagel. Das habe „persönliche Gründe“, erklärt dessen Nachfolger Jörg Gritzka. Andere berichten von Kränkungen“.

„Sein Lebenswerk wird auf jeden Fall fortgeführt“, versichert Robert Holzenkamp, viele Jahre lang Schönnagels Wegbegleiter und inzwischen Suchtkoordinator in der JVA Luckau-Duben, seit 2006 Standort einer weiteren Suchtfrei-Wohngruppe.

Auch wenn er nicht körperlich anwesend ist, geistert der Gründer durch alle Reden an diesem Vormittag. Vollzugs-Abteilungsleiter Andreas Behm lobt dessen erfolgreichen ehrenamtlichen Einsatz für suchtkranke Gefangene, gesteht aber: „Er verwirrt mich immer ein bisschen.“

Schönnagels Pionierarbeit

JVA-Chefin Petra Wellnitz erinnert an Schönnagels „Pionierarbeit“ und Kampf für die Wohngruppe sowie dessen Grundhaltung, in seiner Arbeit allumfassend auf „Körper, Seele und Geist“ einzugehen.

Wellnitz erklärt außerdem, dass der freiwillig angetretene suchtfreie Weg innerhalb der Anstalt keineswegs einfach sei. Zwar sei der Vollzug in der Wohngruppe etwas lockerer gestaltet, doch gehöre zum Konzept, dass „jeder jeden zu jeder Zeit hinterfragen kann“. Die JVA-Chefin: „Das hat Jürgen Schönnagel praktiziert.“

Das Festprogramm haben zwei Gefangene der Sozialtherapeutischen Abteilung musikalisch gestaltet. Eines der Lieder von „Day by Day“ handelt vom schwierigen Ausstieg aus einem Schiff namens „MS Sucht“.

Früher Langstrafler, heute Kurzstrafler

In der aktuellen Wohngruppe leben sieben Männer. Weil das Profil der JVA Brandenburg/Havel sich verändert hat und ihre Gefangenen inzwischen „Kurzstrafler“ sind, lebt kaum noch jemand, so wie früher, jahrelang in der Gruppe. Die „Langstrafler“ sitzen inzwischen in Luckau-Duben ein.

Von Jürgen Lauterbach

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