Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel 50 Jahre lang ein Leben im falschen Körper
Lokales Brandenburg/Havel 50 Jahre lang ein Leben im falschen Körper
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:57 05.12.2016
Harumi Michelle Waßerroth (links) war fünf Jahrzehnte lang ein Mann. Quelle: privat
Brandenburg/H

Vor rund zehn Jahren begann das neue Leben einer Brandenburgerin, die als Junge und damit im falschen Körper geboren wurde. Herr Harald Waßerroth aus Brandenburg/Havel wurde in einem aufwendigen, nervlich und seelisch aufreibenden Prozess zu Frau Harumi Waßerroth (59). Die Ehe überstand die Geschlechtsumwandlung. „Wir verstehen uns besser als vorher“, versichert die Frau, die nach ihrem Coming Out viele alte Freunde verloren, dafür neue gewonnen hat.

Über Jahrzehnte trug der damalige Harald den Wunsch, ein Mädchen zu sein, heimlich mit sich herum. Als Jugendlicher trägt er heimlich Mädchenkleidung träumt nur davon, eine Frau zu werden. Dieser Harald lebt notgedrungen sein Leben im falschen Körper, kaschiert das mit einem männlichen Hobby als Mitglied und später als langjähriger Vorsitzender im Brandenburger Modelleisenbahnverein.

Viele Bilder aus der Zeit von Harald Waßerroth gibt es nicht mehr. Dieses wurde aufgenommen am 7. September 2002 bei der Jubiläumsfeier 40 Jahre Modellbahnfreunde. Quelle: Privat

Vor dreißig Jahren heiratet der Brandenburger seine heutige Ehefrau, die nichts von der Veranlagung und den geheimen Wünschen des Partners weiß. Die Ausflüge in die Welt der Weiblichkeit bleiben auch während der Ehe. Die Frau im Mann tarnt sich, beim Motorradfahren zum Beispiel unter dem Helm.

Ein Abschied vom falschen Leben

Vor zehn Jahren beginnt schließlich der Abschied vom falschen Leben. Die Person, die als Harald bekannt ist, kandidiert nicht mehr für den Vorsitz bei den Modellbahn-Freunden und entscheidet sich für einen neuen Vornamen: Harumi, japanisch für „schöner Frühling“. In Premnitz, Rathenow und Genthin probiert sich Harumi aus, läuft als Frau verkleidet durch die Straßen und wird von Passanten ausgelacht. „Ich hatte noch höllische Angst, erkannt zu werden“, erinnert sich die Frau, die einmal ein Mann war.

Am 10. Februar 2007 folgt der schwierige und zugleich entscheidende Schritt. Zum Karnevalsfest verkleidet sich der Ehemann als Frau und offenbart sich seiner Eherpartnerin. Harumi möchte die Ehe auch von Frau zu Frau weiterführen. Die Partnerin reagiert fast unglaublich: Sie läuft nicht davon, sondern bittet um Zeit, will die Offenbarung „verdauen“.

Die Brandenburgerin und ihre Frau sind seit 30 Jahren verheiratet. Das Bild entstand am 14. August 2008 im Stuttgarter Weindorf, Quelle: Privat

„Sie hat es gefressen und wir kommen super miteinander aus“, schwärmt Harumi Waßerroth knapp zehn Jahre danach. Gleichwohl braucht alle sehr viel Zeit und Geduld, zum Beispiel die standesamtliche Änderung des Ehestandes.

Die Ehe hält, die Freundschaften zerbrechen

Selbst nach der gerichtsfesten Vornamens- und Personenstandsänderung dauert es noch mehrere Monate, bis die neue Eheurkunde ausgestellt ist. Das liegt daran, dass das Brandenburger Standesamt bis dato kein Formular für diesen Fall besessen hat.

Die Ehe der Harumi, die sich Michelle als zweiten Vornamen zulegt, hält – im Gegensatz zu Freundschaften, die reihenweise zerbrechen. Zum Eklat kommt es im Modellbahnverein (siehe Infokasten). Auch viele Verwandte haben wenig Verständnis – bis auf die Stiefmutter, die Harumi ermutigt, ihren Weg zu gehen und glücklich zu werden.

Dieser Weg dauert vom ersten offenen Bekennen über mehrere ärztliche und psychologische Gutachten bis zur sechsten angleichenden Operation ungefähr vier Jahre. Der Wechsel der Identität ist in der Zeit auch ein Thema am Arbeitsplatz der Facharbeiterin für Eisenbahntechnik bei der Deutschen Bahn im ehemaligen Gleisbaubetrieb Magdeburg.

Der Wandel ist mir einem Lernprozess verbunden

Harumi Waßerroth: „Man hat sich teilweise recht schwer getan.“ Es gibt dabei große Unterschiede. Ein ganz enger ehemaliger Kollege grüßt bis heute nicht mehr. Ein anderer dagegen, von dem die neu geborene Frau es nicht erwartet hätte, fällt dem weiblichen Kollegen um den Hals und sagt dazu: „Geh deinen Weg!“

Vor der Sankt-Katharinenkirche im Sommer 2007. Quelle: Privat

Auch wenn Harald zur Harumi geworden ist und der große Wunsch damit in Erfüllung ging, ist der Wandel mit einem Lernprozess verbunden. Anfangs stakst Frau Waßerroth aufgetakelt auf hohen Absätzen durch die Gegend und macht sich zum Gespött. Wohlmeinende Freundinnen aus Berlin raten zu mehr Zurückhaltung und weniger Styling.

Heute geht Harumi Waßerroth als eher unauffällige Frau durchs Leben, oft in Jeans oder anderer normaler Straßenkleidung. Nur wer genau hinschaut, erkennt vielleicht, dass die Gesichtszüge zwar nicht männlich, aber doch etwas herber sind als bei vielen anderen Frauen.

Handicap Stimme

Als größtes Handicap nimmt die Brandenburgerin die eigene Stimme wahr. „Die männliche Melodie ist einfach immer noch drin“, bekennt sie. Im übrigen fühlt sie sich „sauwohl, seit Körper und Seele eine Einheit bilden“.

Trotzdem bleibe die frühere Zeit in der Rolle des Mannes ein Bestandteil ihres Lebens. „Denn als Harald hatte ich ja auch schöne Zeiten erlebt“, versichert Harumi Waßerroth. Gefragt danach, wie sich das Leben als Mann von dem als Frau unterscheidet, antwortet die Brandenburgerin nur vielsagend: „Als Frau ist das Leben einfach komplizierter.“

Nach dem Bekenntnis zum Leben als Frau aus dem Modelleisenbahnverein ausgeschlossen

1971 trat stieß der 14-Jährige zu den Brandenburger Modellbahn-Freunden und wurde 1984 Vorsitzender des Vereins.

Am 28. März 2008 endete die Mitgliedschaft durch Ausschluss aus wichtigem Grund, wie Harumi Waßerroth auf ihrer Internetseite berichtet. Drei von 18 Anwesenden hatten gegen den Ausschluss votiert.

„Ein Transvestit im Brandenburger Modellbahn-Freunde e.V. und dann auch noch der ehemalige Vorsitzende, viele fielen da in ein tiefes Loch“, heißt es dort.

Der Vorstand führte mehrere eindringliche Gespräche und versuchte, dem Mitglied das weibliche Auftreten bei Vereinsveranstaltungen jeglicher Art zu verbieten.

Zwei Mitglieder ließen ihren Vereinsfreund, damals noch männlich, in einer Mitgliederversammlung wissen, dass sie ihn „zum Kotzen“ fänden und sich vor ihm ekelten.

Harumi, seinerzeit noch Harald Waßerroth, erstattete Anzeige wegen Beleidigung. Die Staatsanwaltschaft Potsdam stellte das Verfahren ein. Nach der Privatklage auf Schmerzensgeld vor dem Amtsgericht Brandenburg verglichen sich beide Seiten am 26. Juni 2009. Das Ehepaar erklärte sich bereit, wegen der Äußerung 125 Euro zu zahlen.

Inzwischen ist Frau Waßerroth Mitglied im Verein „Arbeitsgemeinschaft Osthavelländische Kreisbahnen“ in Ketzin. Der Verein war durch eine zweite heimatgeschichtlich geprägte Internetseite Waßerroths auf die Expertin für die Verkehrsgeschichte Brandenburgs aufmerksam geworden. Die dortigen Mitglieder sind „nett und korrekt“, schreibt die Autorin.

Eine kleine betriebsfähige Rangierlok vom Typ N 4b befindet sich im Besitz von Harumi Waßerroth. Sie hat die Bedienungsberechtigung und darf die Lok auf einem kurzen Stück Eisenbahnstrecke ab Anschluss Vorketzin nutzen.

Information: Harumi Michelle hat die eigene Lebengeschichte detailliert aufgeschrieben und schildert auf der Internetseite www.blondine-harumi.de/ auch, wie die Transformation vom Mann zur Frau medizinisch und juristisch gelaufen ist.

Von Jürgen Lauterbach

Brandenburg/Havel Galerie Sonnensegel Brandenburg - Weihnachtsmarkt an der Gotthardtkirche

Zum zwölften Mal hat die Galerie Sonnensegel zum Weihnachtsmarkt in die Alte Lateinschule und auf den Gotthardtkirchplatz eingeladen. Zu dem stimmungsvollen Markttreiben kamen viele Besucher auch vom nahen Wintermarkt im Slawendorf.

05.12.2016

Der Seniorenbeirat in Brandenburg/Havel macht sich berechtigte Sorgen um das Vermächtnis des Brandenburger Ehrenbürgers Horst Flakowski. Denn das von ihm gestiftete Haus der Begegnung in der Jacobstraße steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Volkssolidarität als Hauptmieter verlässt das Haus zum Jahresende.

04.12.2016

Der Handwerkerhof in Görzke hat am Wochenende Gäste angelockt. Zwei Tage lang stand der Hof im Zeichen eines besonders stimmungsvollen Weihnachtsmarktes. Dabei konnten auch praktische Dinge erledigt werden, wie der Kauf des Christbaums.

04.12.2016