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Brandenburg/Havel Als Punk mit lauter Mördern im DDR-Knast
Lokales Brandenburg/Havel Als Punk mit lauter Mördern im DDR-Knast
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09:50 24.04.2018
Klaus-Steffen "Shanghai" Drenger war in der DDR-Zeit Punk und saß 1987 im Gefängnis Brandenburg-Görden. Noch heute ist er dem Musikstil treu. Quelle: privat
Brandenburg/H

Wenn am 29. April die Dauerausstellung „Auf dem Görden. Die Strafanstalt Brandenburg im Nationalsozialismus (1933-1945) und in der DDR (1949-1990)“ in der JVA Brandenburg/Havel eröffnet wird, kommt auch ein einstiger Häftling. Klaus-Steffen „Shanghai“ Drenger (50), der in den 80er Jahren Punk und im DDR-Staat nicht wohlgelitten war. Dennoch wollte er sein Geburtsland nie für immer verlassen. Im MAZ-Interview blickt er zurück auf die Gefängniszeit 1987 auf dem Görden.

Wann und wie lange waren Sie im Zuchthaus Brandenburg-Görden?

Shanghai Drenger: Von Anfang Februar bis Mitte Juni 1987 und davor seit 20. Juni 1986 in Stasi-Untersuchungshaft in Magdeburg.

Wer hat Sie verurteilt?

Das Bezirksgericht Magdeburg hat mich zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt aufgrund von Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe und Persönlichkeiten. Das war damals ein Verbrechen.

Was haben Sie gemacht?

Es fing 1986 damit an, dass ein paar Freunde und ich die Stadt verlassen sollten, weil dort die Arbeiterfestspiele stattfanden. Wir hätten dabei ein „schlechtes optisches Erscheinungsbild“ auf die Stadt abgegeben. Wir waren ja Punks. Aber wir wollten uns nicht vertreiben lassen. Wir haben Briefe geschrieben, damit stattdessen noch mehr Punks nach Magdeburg kommen. Wegen versuchter Zusammenrottung hatten die dann einen Vorwand, uns zu inhaftieren.

Das hat ausgereicht?

Fürs erste. Die Stasileute haben dann eine Hausdurchsuchung bei mir gemacht und sind dabei auf Liedtexte unserer damaligen Band Vitamin A gestoßen, die es seit 1985 schon nicht mehr gab.

Shanghai Drenger (rechts) mit der Band Anti-X auf einem Bild aus den 80-er Jahren, in denen er unschwer als Punk zu erkennen war. Quelle: privat

Was haben die Texte ausgesagt?

Es ging um verschiedene pazifistische Inhalte, Wehrdienstverweigerung, die Tatsache, dass man als Bausoldat keine Lehrstelle mehr bekommen hat. Die Hochrüstung war ein Thema - nicht allein die im Osten. Und in einer Zeile haben wir die Volkspolizei als Bullen bezeichnet.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Strafvollzug in Brandenburg?

Die Zustände will man auf Dauer nicht haben, mit 12 bis 14 Leuten in einer Verwahrung, darunter Mörder und andere Lebenslange mit im Raum. Obwohl, die habe ich nicht einmal als die unsympathischsten Menschen kennengelernt. Schlimm war für mich, dass ich aus allem raus war. Nirgends Wiese und Wald, überall nur Beton und Stacheldraht.

Punk statt Pionier

Klaus-Steffen alias „Shanghai“ Drenger wurde 1967 in Teterow (Mecklenburg) geboren und ist in Nordthüringen sowie Magdeburg aufgewachsen. Er war nie Jungpionier, nie in der FDJ, diente nicht in der Volksarmee.

Gearbeitet hat er als Straßenbahnfahrer, Glaser, Sozialarbeiter und Möbelpacker. Nach 1990 ist er in einem Jugendzentrum aktiv und veröffentlicht Gedichte, Essays und Rezensionen. Im Jahr 2000 erhält er das Diplom am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Seit 2002 ist Shanghai Drenger Redakteur, Moderator und Kolumnist beim nichtkommerziellen Radio Lotte Weimar, seit 2008 Redaktionsleiter. Im Jahr 2015 erschien beim KLAK-Verlag Berlin sein Roman „Minol-Pirols - Leben, und nicht leben lassen“.

Die neue Dauerausstellung „Auf dem Görden. Die Strafanstalt Brandenburg im Nationalsozialismus (1933-1945) und in der DDR (1949-1990)“ greift auch den Fall des Magdeburger Punks auf.

Die Ausstellung wird am Sonntag, den 29. April 2018 eröffnet. Zur Eröffnung im ehemaligen Kirchensaal der JVA Brandenburg wird Bundesjustizministerin Katarina Barley erwartet.

Wie haben Sie die Justizbeamten auf dem Görden erlebt?

Von dem ein oder anderen gab es auch mal Schikane, aber nicht durchgängig und systematisch. Die Beamten haben die Hausordnung ziemlich leger gehandhabt. Wir mussten nicht aufspringen und stramm stehen, wenn einer reinkam, wie es eigentlich sein sollte. Wir konnten auf den Betten liegen bleiben und die haben dann jedem zum Beispiel seine Post gegeben. Sie haben Dinge hingenommen, etwa dass wir selbst gebaute Tauchsieder hatten, was streng verboten war. Ist mal eine Sicherung durchgeknattert, haben die sie wieder reingesteckt. Das war ziemlich Laisser-faire.

Hatten Sie eine Ahnung, was sie auf dem Görden erwarten würde?

Der Sohn eines Arbeitskollegen hat vor mir dort eingesessen, weil er Zeuge Jehovas war. Von ihm wusste ich, dass es schlimmeres gab als Brandenburg-Görden. Den habe ich durch Klopfzeichen in der Stasi-U-Haft „kennengelernt“, später bin ich ihm dann auch persönlich in Brandenburg begegnet.

Warum sind Sie lange vor den zwei Jahren und zehn Monaten rausgekommen?

Mein ebenfalls verurteilter Kumpel und ich hatten Unterstützung von außen, weil wir zur kirchlichen Jugend gehörten. Die Kirchenleitung von Magdeburg hat sich für uns stark gemacht. Vor dem Kirchentag 1987 in Berlin hat der Bischof Dr. Dehmke unseren Fall noch mal mit staatlichen Stellen besprochen und ist auf seinem Rückweg bei uns vorbeigekommen. Zwei Monate später erreichte uns die Nachricht aus Magdeburg, dass der Haftzweck bei uns erreicht sei und wir vorzeitig auf Bewährung entlassen würden. Das hat manchen von den zuständigen Leuten gar nicht gefallen.

Hat das Gefängnis Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Ich halte mich ungern in Räumen ohne Fenster auf. Anfangs habe ich mich auf der Straße zehnmal umgedreht, ob etwas ist. Ich hatte aber den Vorteil, dass ich wusste, warum ich drin bin, und dass ich kein Spitzelopfer bin. Andere im Knast waren Familienväter, die hatten vielleicht nur die Ausreise beantragt.

Galten Sie vor Ihrer Inhaftierung als Herumtreiber?

Nein. Ich war Straßenbahnfahrer und meine Kollegen haben mir sogar während des Prozesses den Rücken gestärkt, haben mir vor Gericht eine ausgezeichnete Arbeitsleistung bescheinigt. Aber seit 1982 war ich in der Punkszene und als Punk auch optisch zu erkennen. Deshalb hatte ich schon immer Stress mit der Polizei. Und weil es auch schon Ärger wegen unserer Lieder gab, hab ich zwar damit gerechnet in den Knast zu müssen, aber immer gehofft, dass es nicht so kommt.

Sind Sie strafrechtlich inzwischen rehabilitiert worden?

Ja, schon in den neunziger Jahren.

Shanghai und Peg bei einem Konzert 1988 in Magdeburg. Quelle: privat

Wollten Sie als Punk nie raus, ausreisen in den Westen?

Nein, das war nie eine Option. Wir wollten da etwas verändern, wo wir leben, dort was auf die Beine stellen. Zum Westen hatte ich keine sonderliche Beziehung.

Sind Sie Punk geblieben nach Ihrer Entlassung?

Wir hatten vor mit Freunden aus Dessau, eine neue Band zu gründen. Die hatten übrigens auch Kopien der Texte von Vitamin A, so dass die bis heute erhalten geblieben sind. Zwei der drei Freunde sind aber in den Westen gegangen. Wir verbliebenen zwei Freunde haben Anti-X gegründet. Mit der Band machen wir noch heute fünf bis sechs Konzerte im Jahr.

Auch mal in Brandenburg?

Gern. Ich müsste mal sehen, ob sich da etwas anbieten würde.

Von Jürgen Lauterbach

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