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Bodens Woche: Irgendwas ist ja immer

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13:21 01.04.2021
Der Autor Stephan Boden bei der Arbeit an seiner MAZ-Kolumne.
Der Autor Stephan Boden bei der Arbeit an seiner MAZ-Kolumne. Quelle: Stephan Boden
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Brandenburg/H

Dass Frau Merkel sich in der vergangenen Woche für die nicht durchführbaren Beschlüsse entschuldigt hat, muss man ihr hoch anrechnen. Wer gibt schon gern Fehler zu - und dann noch öffentlich? Mit Ausnahme der Vertreter der AfD, die sich ja immer aufregen, wurde die Entschuldigung auch aus allen politischen Ecken mehr oder weniger anerkannt. Ich finde aber einen anderen Aspekt der Entschuldigung und der Rücknahme der beschlossenen Regelungen besonders bemerkenswert, und das fiel mir auf, als ich gerade wieder Fotos einer Anti-Corona-Demo sah. Solche Schilder mit „Merkel-Diktatur!!!“ sind schon echt ein bisschen putzig. Wer so etwas in die Gegend skandiert, der hat den Sinn von Diktaturen nicht verstanden.

Denn Diktaturen und Regimes entschuldigen sich nicht und nehmen auch keine Beschlüsse zurück, weil sie rechtlich nicht durchführbar sind. In Diktaturen werden Regierungsbeschlüsse auch nicht von regionalen Verwaltungsgerichten gekippt. Es bleibt also zu vermuten, dass das (gibt’s wirklich) Kartenspiel „Diktatoren Quartett - Despoten und Tyrannen Spiel“ in ein paar Jahren nicht um Angela Merkel erweitert werden wird. Mit der Merkel-Karte hätte man gegen Idi Amin, Augusto Pinochet, Pol Pot, Nicolae Ceausescu oder gar dem kleinen Mann mit dem Bart auch echt wortwörtlich schlechte Karten. Diese Demos müssen in Zukunft wohl oder übel auf Begriffe wie Diktatur oder Regime verzichten. Dieses Thema hat sich nun erübrigt.

Es ist in dieser Pandemie jedoch nicht das erste Mal, dass manche Behauptungen, „Fakten“ und Thesen durch die weitere Entwicklung der Pandemie ad absurdum geführt wurden. Man erinnere sich nur ein Jahr zurück: Damals waren viele der Meinung, dass man es so wie die Engländer machen sollte, wo Boris Johnson ja den Plan der Durchseuchung hatte. Dummerweise hat das gar nicht funktioniert und England hat noch heute fast doppelt so viele Tote wie Deutschland, obwohl man weniger Einwohner hat und eine Insel ist, also weniger Grenzverkehr herrscht.

Ein guter Freund von mir, der in London lebt und dort in der Krebsforschung arbeitet und seinen Doktor gemacht hat, sich also auskennt, hat wegen der Lage dort vor einem halben Jahr das Land zusammen mit seiner Frau verlassen und ist erst vor Kurzem zurückgekehrt, weil in London das blanke Chaos herrschte und man überhaupt nichts mehr durfte. Zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr gab es ja noch diese These, Corona sei nicht schlimmer als eine Grippe und würde weniger Tote fordern. Das hat sich ja nun angesichts über 100.000 Toten auch erübrigt. Danach ging es weiter mit Schweden, das als strahlendes Beispiel einer erfolgreichen Pandemiebekämpfung durch Eigenverantwortung herhalten musste.

Nun, heute spricht niemand mehr von Schweden, wo derzeit eine Inzidenz von etwa 500 verzeichnet wird, obwohl dort die Bevölkerungsdichte im Vergleich zu Deutschland etwa einem Zehntel entspricht. Danach las ich öfter mal von Finnland, aber wenn ich nun Finnland als Beispiel für eine gelungene Pandemiebekämpfung nehme, kann ich auch die Kanincheninsel heranziehen - dort ist sie bei Null, sofern es dem dort lebenden Waschbären noch gut geht.

In den letzten Wochen wurde dann ja immer von Tübingen gesprochen. Noch heute wird häufig gesagt, man solle es wie Tübingen machen. Dummerweise fliegt Tübingen gerade auch ein wenig auseinander und die Inzidenz klettert nun an die 100, während die Cafés und Restaurants (noch) geöffnet haben. So richtig super ist dieses Beispiel jetzt auch nicht mehr, oder?

Wenn man sich also viele dieser Behauptungen aus dem vergangenen Jahr mal wieder in Erinnerung ruft und sie aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen betrachtet, kommt einem eine alte Weisheit in den Kopf: „Abgerechnet wird zum Schluss.“ Aber das interessiert vermutlich die, die zur Fraktion „Schimpfen statt Impfen“ gehören, sicher auch bei einer Endabrechnung herzlich wenig. Irgendwas ist ja immer.

Von Stephan Boden