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Brandenburg/Havel Bodens Woche: Über Brote, Lügenpresse und Kolumnen
Lokales Brandenburg/Havel

Bodens Woche: Über Brote, Lügenpresse und Kolumnen

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10:47 26.08.2021
Der Autor Stephan Boden bei der Arbeit an seiner MAZ-Kolumne.
Der Autor Stephan Boden bei der Arbeit an seiner MAZ-Kolumne. Quelle: Stephan Boden
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Brandenburg/H

Ich hatte vor kurzem eine angeregte aber stets freundliche Kommunikation mit jemandem, der regelmäßig meine Kolumne liest und mal wieder nicht meiner Meinung war. Im Zuge der Kommunikation, in der wir uns wechselseitig Nachrichten schickten, schrieb er mir dann, dass er davon ausgeht, dass meine in meiner Kolumne vertretenen Meinung dem Auftraggeber, also der MAZ geschuldet sei.

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Soll heißen: das, was ich schreibe, ist nicht meine Ansicht sondern die der MAZ, die ich auftragsgemäß zu erfüllen habe. Zunächst war ich darüber mehr als überrascht und antwortete, dass ich keine Aufträge darüber bekomme, was ich zu schreiben habe. Daraufhin entgegnete er, dass er sich ja vorstellen kann, wie das ist: vertrete ich nicht die Meinung der MAZ (was immer das ist), würde ich halt keine Aufträge mehr bekommen.

Also getreu dem Motto: “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.” Danach ging es um die Größe des Brotes, welches mir die MAZ für die wöchentliche Erstellung gibt, wo seine Vorstellungen von der Realität um ein Vielfaches abwichen. Er ging eher von einem sehr großen, frisch gebackenen Laib Brot aus. Es ist aber eher jede Woche eher eine Stulle, immerhin mit Mett und Zwiebeln drauf. Ich schreibe diese Kolumne auch in erster Linie nicht fürs Brot, sondern weil sie mir Spaß macht. Mein Geld verdiene ich mit anderen Tätigkeiten, wofür ich so 40-50 Stunden pro Woche vorm Rechner sitze und nie richtig Urlaub machen kann - das Los eines Freiberuflers, auch Tagelöhner genannt. Würde eine Zeitung wie die MAZ für jeden 3500-Zeichen-Artikel so Brote vergeben, wie der Schreiber dachte, müsste jede Ausgabe sicher so um die 39,90 kosten.

Da viele das nicht wissen, schreibe ich heute mal, wie diese Kolumne jede Woche aufs Neue entsteht und was die Rahmenbedingungen sind.

Entstanden ist das Ganze im vergangenen Jahr, als ich in den sozialen Medien über die damals aufkommende Corona-Pandemie schrieb und kurz zuvor mein Buch über den Umzug nach Brandenburg an der Havel veröffentlicht hatte. Dadurch hatte mich plötzlich die Redaktionsleitung auf dem Zettel und so entstand die Idee, ein tägliches Corona-Tagebuch zu schreiben. Nach etwa drei Monaten, also nach dem ersten Lockdown, habe ich das Ganze dann von mir aus beendet, weil es über Corona gar nicht mehr so viel zu schreiben gab, schon gar nicht jeden Tag. Da ich bei allen Aufträgen den Anspruch habe, möglichst Lesenswertes zu schreiben, habe ich also aus freien Stücken auf die tägliche Mettstulle verzichtet. Im telefonischen Absagegespräch wurde mich dann gefragt, ob ich nicht eine wöchentliche Kolumne schreiben wolle. Die einzige Ansage, die es für diesen Auftrag jemals gab war diese: “Bitte so um die drei- bis viertausend Zeichen pro Kolumne. Abgabe immer bis Donnerstags Mittags.” Inhaltliche Vorgaben? Keine. Tendenzen? Keine. Themen? Keine.

Die Themen falls mir meistens recht spontan ein. Manchmal mit der Pinkelrunde mit Hund Günther, manchmal beim Einschlafen. Manchmal fange ich an zu schreiben, höre dann aber auf und beginne noch mal, weil mir ein anderes Thema eingefallen ist. Ist die Kolumne geschrieben, schicke ich sie immer meiner Frau, die noch mal drüber geht. Danach geht das Ganze als Word-Datei per Mail an die MAZ und - wenn vorhanden - hänge ich ein paar Fotos an die Mail. Ich schicke übrigens viel zu selten Fotos.

Mein Mailtext an die Redaktion ist fast immer der Gleiche: “Moin. Anbei die Kolumne. Grüße, Stephan”

Dann sehe ich irgendwann, dass das Ganze zunächst online geht und am Montag dann in der gedruckten MAZ steht. Und dazwischen höre, sehe und lese ich nichts von der Redaktion. Die Texte werden eins zu eins so abgedruckt, wie ich sie schicke. Keine Korrekturen, keine Änderungen, kein Veto. Einzig die Anführungsstriche werden stets geändert. Da ich die Texte immer in der Cloud, also online schreibe, mit Google Docs, sind die Anführungszeichen - ganz amerikanisch - immer oben. Da das nicht der korrekten deutschen Schreibweise entspricht, wird das also korrigiert. Das weiß ich nur, weil ich es sehe. Gesagt oder geschrieben, das bitte zu ändern, hat nie jemand. Wenn ich mal eine Antwort auf meine wöchentliche E-Mail bekomme, dann diese: “Hallo Stephan, Du hast vergessen, den Text an die Mail anzuhängen!”, oder: “hast Du neue Fotos?”

Das ist bisher so schätzungsweise vier bis zehn Mal passiert. An die Redaktion: Mit den Fotos gelobe ich Besserung.

In den nun etwa eineinhalb Jahren, seit ich für die MAZ als Kolumnist schreibe, war ich ein einziges Mal in den Redaktionsräumen. Nur mal um mal Hallo zu sagen, Gesichter hinter den Namen zu sehen und einen Günther-Kalender abzugeben. Soll heißen: Ich bin freier Autor, und zwar auch inhaltlich.

Wieviel Zeit ich für die Kolumne brauche, hängt vom Thema ab. Schreibe ich über gerade Erlebtes, so wie zum Beispiel vor einer Woche über den Stau, ist das in einer halben Stunden aufgeschrieben, weil ich weder recherchieren noch nachdenken muss. Andere Themen mit Recherche nehmen mehr Zeit in Anspruch. Ich brauche aber nie mehr als zwei Stunden, weil ich mir das schon aus rein kaufmännischer Sicht auferlegt habe. Letztlich muss ich das kaufmännisch sehen, denn ich muss ja meinen Lebensunterhalt zusammenschreiben und das würde mit einer Kolumne mal so gar nicht funktionieren. Heute ist das nicht anders: In etwa 15 Minuten schicke ich diesen Artikel zur Redaktion, dann öffne ich das nächste Dokument und schreibe einen umfangreichen Ratgeber-Artikel für die ADAC-Sportschifffahrt. Da zählt dann keine Meinung sondern nur Expertise und Handwerk. Danach schreibe noch eine Stunde an meinem nächsten Buch.

Würde man mir Vorgaben machen, welche Meinung ich zu vertreten hätte, würde ich diese Artikelreihe sofort einstellen. Übrigens würde ich das auch dann machen, wenn ich pro Kolumne riesige Stullen mit Lachs bekäme. Ich als Autor bin käuflich, meine Expertise ist käuflich, meine Meinung nicht. Bei Werbetexten zum Beispiel gehören Briefings, Korrekturen und Anpassungen zum täglichen Brot. Nicht aber bei Meinungsartikeln.

Übrigens gehe ich auch gar nicht davon aus, dass die Leser meiner Kolumne zu Hause sitzen und zustimmend den Kopf nicken. Auch wenn das oft von bestimmten Ecken angezweifelt wird, gilt in Deutschland das Recht auf freie Meinung und das wird auch praktiziert. Ich bekomme auch ab und zu Nachrichten oder auch Briefe mit anderen Meinungen. Das finde ich sogar gut, schließlich wäre es mir sonst gar nicht möglich, mein eigenes Weltbild zu entwerfen.

Unserer Gesellschaft scheint es immer schwerer zu fallen, andere Meinungen zu akzeptieren. So kommt es auch zu solch einer Diskussion, die von völlig falschen Voraussetzungen ausgeht. Und so kommt es übrigens auch zu den “Lügenpresse”-Rufen.

Aber auch das ist letztlich nur meine Meinung.

Von Stephan Boden