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Brandenburg/Havel Viel zu früh auf die Welt gekommen: Eltern halten mit Webcam Kontakt zu ihrem Baby
Lokales Brandenburg/Havel Viel zu früh auf die Welt gekommen: Eltern halten mit Webcam Kontakt zu ihrem Baby
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16:33 02.03.2019
In diesem Moment benötigen Stefanie und Siegfried Hidde die Kamera nicht, denn sie sind ja, wie die meiste Zeit, bei ihrem Constantin. Doch abends zu Hause können sie auf dem Smartphone das Frühchen im Film sehen. Quelle: Rüdiger Böhme
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Brandenburg/H

Jeden Abend um Punkt 18 Uhr ist Fernsehzeit im Hause Ridde. Sohn Alexander erinnert seine Eltern kurz vorher ans Einschalten. Dabei geht es weder um eine Vorabendserie in ARD oder ZDF, noch um ein Programm im Privat- oder Bezahlsender.

Das Programm der Familie aus Groß Kreutz/Havel ist ganz privat und unbezahlbar. Sendeanstalt ist das Intensivzimmer der Frühgeborenenstation im städtischen Klinikum. Einziger Darsteller ist Constantin, geboren am vergangenen Heiligabend.

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Constantin wird gefilmt von einer Neugeborenen-Kamera, der sogenannten Neocam, die über seinem Bettchen schwebt. Um genau 18 Uhr an jedem Abend schwenken die Schwestern diese Kamera und richten deren Auge auf den Kleinen und sein Wohlergehen. Die Eltern Bilder können den Film mit einer App und einem geheimen Zugangswort auf ihrem Smartphone abspielen.

Weihnachten war zu früh

Der inzwischen etwa 1400 Gramm leichte Junge ist am 24. Dezember viel zu früh auf die Welt gekommen. Er musste daher die ersten Tage und Wochen künstlich beatmet werden und lag dabei im Inkubator.

Jeden Tag besuchen Stefanie und Siegfried Hidde ihren winzigen, aber Woche für Woche kräftiger werdenden Sohn. Sie verbringen viele Stunden mit ihrem Kind, das sein Bettchen längst verlassen und mit Mama und Papa kuscheln darf.

Das geschieht ganz ausführlich. Känguru nennen Ärzte und Schwestern die Haltung, wenn so kleines Baby sich in Decken gehüllt an seine Eltern schmiegt und stundenlang den Hautkontakt und die wohlige Wärme der Menschen spürt, die es so lieb haben.

Angehörige freuen sich

Doch irgendwann am späteren Nachmittag müssen die Eltern bis zum nächsten Tag Abschied nehmen. Aus den Augen verlieren sie den Kleinen aber nicht mehr, seit die städtische Kinderklinik mit Hilfe von Spendengeldern die Neocams anschaffen konnte.

Die vier Kameras, die acht Frühgeborenenbetten der Station filmen können, gewähren Eltern, die das möchten, eine zusätzliche Sicherheit. Obwohl sie nicht mehr im Krankenhaus sind, können sie also sehen, wie es ihrem Kleinen geht.

Stefanie Hidde (35) weiß dieses Angebot zu schätzen. Nicht zuletzt auch wegen Constantin Geschwistern. Sophie (16) und Alexander (12) bekommen aus etwas größerer Entfernung jeden Entwicklungsschritt ihres kleinen Bruders mit.

Kein Ersatz für regelmäßigen Körperkontakt

Als Siegfried Hidde (42) eine Zeit lang krank war und die Ansteckungsgefahr zu groß gewesen wäre, musste er auf den Anblick seines Jüngsten nicht komplett verzichten.

Stationsleiterin Anke Arndt und ihre Kolleginnen haben sich an die neue Technik schon gewöhnt. Aufgezwungen wird sie niemandem. „Die Eltern entschieden selbst, ob sie die Technik nutzen möchten oder nicht“, betont Hans Kössel, Chefarzt der Kinderklinik in Brandenburg/Havel. Er bekundet Verständnis für alle, die sich nicht dafür erwärmen können.

Spender haben die Neugeborenen-Kameras finanziert

Die Klinik sammelt erste Erfahrungen mit den neuen Kameras. Sie laufen nur auf Wunsch der Eltern, und zwar in der Zeit von 18 bis 23 Uhr.

Finanziert wurden die Kameras mit Spenden aus einer Crowdfunding-Initiative, die eine Mütterinitiative des Vereins Kleeblatt bei der Brandenburger Bank gestartet hatte.

6285 Euro sind an Spenden zusammen gekommen. 3000 Euro hat der Brandenburger Lions Club zusätzlich aus dem Erlös der Wassermusiken beigesteuert. Dafür konnten vier Neocams angeschafft werden.

Der Einbau auf der Station war aufwendig, weil dafür aus Datenschutzgründen ein eigenes Datennetz aufgebaut wurde, das nicht mit dem Kliniknetz verbunden ist.

Ungefähr 250 bis 300 Neu- und Frühgeborene nimmt die Brandenburger Kinderklinik pro Jahr auf.

Allerdings hat der Chefarzt ein Missverständnis festgestellt. Keineswegs ersetzt der Film aus dem Stationszimmer den persönlichen Kontakt. Kössel: „Der zusätzliche Blick auf das Kind ersetzt weder die Präsenz der Eltern noch den regelmäßigen und intensiven Körperkontakt.“

Eltern von außerhalb profitieren

Einige Eltern kommen jedoch von weiter außerhalb, etwa aus Stendal, Rathenow oder Neuruppin. Für sie ist es schön, wenn sie das Kleine trotzdem sehen und ihren Angehörigen zeigen können, die nicht uneingeschränkt Zutritt zur Frühchenintensivstation haben.

Von Jürgen Lauterbach