Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel Darum hisst ein Brandenburger Kleingärtner jeden Tag die DDR-Flagge
Lokales Brandenburg/Havel Darum hisst ein Brandenburger Kleingärtner jeden Tag die DDR-Flagge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 29.06.2019
Über der Kleingartensparte Helgoland weht die DDR-Fahne. Tausende Autofahrer passieren die Stelle täglich auf dem Zentrumsring. Quelle: Frank Bürstenbinder
Brandenburg/H

 Die einen finden sie cool, für andere ist die DDR-Fahne eine Zumutung. Täglich grüßt das Symbol eines untergegangenen Landes tausende Autofahrer auf dem Zentrumsring. Gleich hinter der mit grünem Laub überzogenen Lärmschutzwand flattern Hammer, Zirkel und Ährenkranz mal mehr, mal weniger im Wind. 30 Jahre nach dem Mauerfall. Ist das okay?

Marcel Frömling war elf Jahre alt, als die Mauer fiel. Mit dem Hissen der DDR-Fahne will der Brandenburger an die guten Seiten der DDR erinnern. „Partei und Stasi dagegen waren scheiße“, sagt der Kleingärtner.

„Die Fahne ist kein politisches Statement. Was in der DDR mit Partei und Stasi passierte, das war scheiße. Damit habe ich nichts am Hut“, sagt Marcel Frömling der MAZ bei einem Besuch in der Kleingartensparte Helgoland. Im vergangenen Herbst übernahm der 40-jährige Monteur für einen Euro eine verwilderte Parzelle, die seine Familie mit Schweiß und Mühe wieder urbar macht.

Zuerst der Fahnenmast

Inzwischen stehen die Zwiebeln wie mit dem Lineal gezogen. Salat und Bohnen wachsen, als gäbe es kein Morgen. Einen grünen Daumen bewies Frömling mit den kräftigen Tomatenpflanzen, die eine satte Ernte versprechen. Laube, Gartenzwerge, ein kühles Bier nach Feierabend. Alles ganz normal. Doch der erste Arbeitseinsatz galt dem Aufpflanzen eines fünf Meter hohen Fahnenmastes. Also doch eine kleine DDR auf 300 Quadratmeter Helgoland?

Kleingärtner Marcel Frömling sieht die DDR-Fahne nicht als politisches Statement, sondern als Erinnerung an seinen Trabi und eine glückliche Kindheit. Quelle: Frank Bürstenbinder

Frömling erklärt seine Vorliebe für den 1990 abgewählten Stoff so: „Die Fahne ist eine Erinnerung an unseren Trabi, den ich erst im letzten Jahr verkauft habe. Die DDR schmückte den Himmel unterm Dach“, erinnert sich der Brandenburger amüsiert, der zum Mauerfall gerade elf Jahre alt war. Doch das ist nicht alles. Sein Bild vom Arbeiter- und Bauernstaat ist geprägt von einer glücklichen Kindheit tief im Osten an der polnischen Grenze, fleißigen Eltern, Gemeinschaftssinn und einer guten Schulbildung.

Die schlechten Seiten

„Die Ferienlager für Kinder hätte der Westen ruhig übernehmen können“, findet der Kleingärtner, der täglich Flagge zeigt, den Trabi Kübel bewundert und ein NVA-Kochgeschirr zur Stullenbüchse gemacht hat. Und was ist mit den Mauertoten und politisch Verfolgten? „Das waren die schlechten Seiten der DDR, die nicht verschwiegen werden dürfen“, räumt Frömling ein. Zur Fahne steht er trotzdem.

Was der OB sagt

Ärger hat Frömling wegen der Flaggenhissung noch nicht bekommen. Eher Zuspruch für seinen Mut. Auf Helgolands Scholle kann jeder Kleingärtner nach seiner Fasson glücklich werden. Nachbarn ziehen rot-weiße Brandenburg-Fahnen auf, selbst das US-Sternenbanner wurde schon gesichtet. Nach der DDR-Fahne an Brandenburgs wichtigster Straße befragt, behält selbst CDU-Oberbürgermeister Steffen Scheller die Contenance: „Lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ist ja nicht verboten.“

Die 1903 gegründete Kleingartensparte Helgoland hat schon viele Fahnen gesehen. Quelle: Frank Bürstenbinder

Da hat das Stadtoberhaupt recht. DDR-Symbole sind in der Bundesrepublik nicht verboten und fallen anders als die Symbole der Nazi-Diktatur nicht unter den Strafgesetzparagrafen 86 a, der die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen regelt. Trotzdem bleibt die Zurschaustellung von DDR-Symbolen in der Öffentlichkeit umstritten. Kleingärtner Frömling kann froh sein, dass der Arbeiter- und Bauernstaat abgeschafft ist. Für seine Hertha-Fahne, die unter Hammer, Zirkel und Ährenkranz im Wind weht, hätte er vor 30 Jahren mächtig Ärger bekommen.

Von Frank Bürstenbinder

Mit neuen Häkeltieren macht Katja Seidel Kindern Mut und lässt sie ihre Sorgen vergessen. Die 39-Jährige arbeitet mit der japanischen Amigurumi-Technik, entwirft Hasen, Elefanten und eine besondere Maus. Seidel sagt der MAZ, warum sie sich engagiert.

02.07.2019

Der Journalist Matthias Krauß hat sich mit allem, was Vergangenheit und Gegenwart der neuen Bundesländer betrifft, gründlich befasst. Seine Bilanz ist wenig positiv.

28.06.2019

Wie er hieß und wer er war, bleibt unklar. Der namenlose Tote vom Schmöllner Weg lebte in tiefer Armut. Im schäbigen Schuppen wollte er nur seine Ruhe. Hartz IV und besseres Wohnen lehnte er ab. Auch im Winter.

28.06.2019