Brandenburger Rehkitz-Retter: Diese Helfer bewahren Bambi vor dem Tod
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Brandenburger Rehkitz-Retter: Diese Helfer bewahren Bambi vor dem Tod

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08:33 02.06.2021
Kathrin Hiller rettet ein Rehkitz vor dem Mähtod.
Kathrin Hiller rettet ein Rehkitz vor dem Mähtod. Quelle: André Großmann
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Krielow

Hilfe für Tiere ist für Frank Neumann und Marina Stolle eine Mission. Die Ehrenamtler retten Rehkitze vor dem Tod durch Mähmaschinen und suchen auf Wegen, Wiesen und Feldern nach Bambis.

Ehrenamtliche Rehkitzretter suchen auf einer 40 Hektar großen Wiese in Krielow nach Jungtieren und retten 8 von ihnen das Leben. Die MAZ hat die Rettungsaktion begleitet und zeigt Einblicke.

Qualvoller Tod

„Jedes Jahr sterben in Deutschland hunderttausende Tiere durch die Mahd. Das ist ein qualvoller Tod, der nicht natürlich ist. Wir helfen den kleinen Rehen, weil wir Tiere lieben. Jedes gerettete Kitz beschert uns ein Lächeln und ist eine neue Motivation. Wir wissen vorher nie, was uns erwartet. Jede Suche läuft anders“ sagt Marina Stolle.

In Krielow erlebt sie eine neue Herausforderung. Sie sucht mit sieben anderen Helfern auf einer 400.000 Quadratmeter großen Flächen nach Tieren. Die Rettungsaktion beginnt im Nebel, am Morgen um 03:45 Uhr.

Berührungen ohne Handschuhe verboten

Nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören, als die Rehkitzretter auf der Wiese entlang der Bahngleise die Lage besprechen. Für ihre Suchaktion gelten klare Regeln. So müssen die Helfer wasserabweisende Kleidung tragen, und Taschenlampen mitnehmen.

Sie dürfen kein Parfüm benutzen und Tiere nicht ohne Handschuhe berühren. „Rehkitze werden von der Mutter verstoßen, wenn sie einen fremden Geruch annehmen. Dann sterben sie jämmerlich. Und das wollen wir unbedingt vermeiden“, sagt Marina Stolle.

Sie empfiehlt Unterstützern, die Ruhe zu bewahren, wenn sie ein Rehkitz sehen. Nach 15 Minuten Lagebesprechung startet die Tierrettung. Pauline Meyer-Beer und Viola Biagini sind extra aus Spandau und Berlin-Neukölln angereist.

Reh entkommt

„Wir sind dabei, weil wir Leben retten und helfen wollen. Das Wohl der Tiere bedeutet uns viel. Ich bin das erste Mal dabei und sehr aufgeregt“, sagt Viola Biagini. Sie schleicht durch das Feld, sieht, wie am Himmel Kraniche vorbeifliegen, der Nebel verschwindet und die Sonne langsam aufgeht. Mit jedem Schritt tastet sie sich näher in die Welt der Tiere. Dann bleibt sie stehen und schweigt.

Denn auf dem Boden ist eine Vertiefung und mitten im Gras sieht sie ein Babyreh. Die Berlinerin packt das Tier und legt es in eine Box. Für Sekunden bleibt das Junge ruhig, doch dann kommt alles anders. Nach ein paar Sekunden fiept es, setzt zum Sprung an, entkommt seiner Helferin und hüpft ins Feld.

Suche mit Drohne

Die Rehkitzretterin hat damit nicht gerechnet, sie ist enttäuscht. Sie denkt nach und gibt trotzdem nicht auf. Hunderte Meter entfernt hat Kathrin Hiller mehr Erfolg. Sie entdeckt eine Absenkung im Boden und funkt Frank Neumann, den technischen Strategen der Operation an.

Er steuert eine Drohne über das Feld. Damit beobachtet er die Lage aus 45 Metern Höhe und erkennt Tiere wie Rehkitze, Hasen und Nester von Fasanen mithilfe seiner Wärmebildkamera auf dem Display. „Noch einmal, ja genau und jetzt müsstest du das Kitz sehen“, funkt er.

Helferin Kathrin Hiller hat Glück. Sie entdeckt ein stilles Rehkitz, setzt das Tier in einer Box ab, verschließt diese mit einem Deckel, legt Gras auf den Behälter und befestigt ihn mit rot-weißem Absperrband. Die Flatterbänder sind für Landwirte eine Markierung bei den Mäharbeiten. Tiere müssen so lange in der Kiste bleiben, bis die Mäharbeiten abgeschlossen sind, meist dauert das 4 bis 5 Stunden. Dann entlassen sie die Ehrenamtler wieder auf das Feld.

Ignoriert und verspottet

Jedes Tier verhält sich anders. Denn Rehbabys haben einen Duckreflex und bewegen sich nicht. „Sie ducken sich bei Gefahr so lange, bis ihre Mutter sie abholt. Erst dann verlassen sie den Ort, an dem sie zuletzt zurückgelassen wurden. Deshalb sind sie so gefährdet, wenn die Mähmaschine kommt“, sagt Marina Stolle.

Sie wurde ignoriert, verspottet und hat trotzdem nicht aufgegeben. Seit 2014 rettet die Frau aus Dallgow-Döberitz Rehe. Zu Beginn ihres Ehrenamts läuft sie Felder ab, studiert die Bewegungsabläufe der Tiere, bildet sich weiter, spricht mit Landwirten und sucht den Kontakt.

Bauern und Helfer arbeiten zusammen

„Ein Landwirt hat mich ungläubig angesehen und gefragt, warum ich auf den Feldern nach Rehen suchen will. Ich habe ihm meine Karte gegeben, um eine Chance gebeten und an einem Tag mehrere Kitze gerettet, seitdem arbeiten wir zusammen“, sagt Marina Stolle. Für sie ist die Rehkitzrettung ein Beitrag für eine bessere Welt.

Das Interesse an ihrer Arbeit wächst. Mittlerweile kommen auch Bauern wie der Krielower Landwirt Marco Hintze auf die Tierretter zu. Bauern sind laut der unteren Jagdbehörde in Brandenburg an der Havel verpflichtet, ihr Gelände vor der Mahd abzusuchen, weil sie keine Tiere ohne ersichtlichen Grund töten dürfen. Die Schneidemesser in den Mähmaschinen sind für die Tiere aber ein zerstörerisches Werkzeug. „Bei einer Straftat ist der Vorsatz entscheidend“, sagt Lutz Strauß von der Behörde.

Nachahmer erwünscht

Jäger Kai-Uwe Manzke aus Trechwitz beteiligt sich an der Rettungsaktion. Er hofft, dass andere Landwirte aus der Region verantwortungsbewusster handeln und so Jungtiere schützen. „Denn alle Tiere werden durch die Mähmaschine tot gemäht. Die Maschine mäht das Gras in zwei Zentimetern Höhe über der Erde ab, deshalb gibt es kein Entkommen“, sagt Kai-Uwe Manzke.

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Bauer Marco Hintze macht klar, dass seine Jäger am Ende waren, bevor die Retter kamen. „Sie haben eine Blinkleuchte aufgestellt, sind mit dem Hund durch das Feld gegangen und haben gesucht. Es ist klasse, dass die Helfer hier jedes Jahr die Lage kontrollieren und mit Drohne und Wärmebildkamera viele kleine Rehe retten. Ich werde sie weiter unterstützen“, sagt der Landwirt aus Krielow.

Tränen der Freude

Marina Stolle freut sich über die Kooperation. Sie und ihr Mann Frank haben im April 2021 den Verein Rehkitzrettung Brandenburg gegründet. Mittlerweile engagieren sich 9 Mitglieder, sie suchen weitere Helfer aus Brandenburg an der Havel und dem Landkreis Potsdam-Mittelmark. Rettungsaktionen finden auch über die Grenzen Brandenburgs hinaus statt. Im vergangenen Jahr haben Marina Stolle und Frank Neumann 52 Kitze gerettet.

Marina Stolle will im nächsten Jahr wieder nach Krielow. Dieses Mal haben sie und Unterstützer in fünf Stunden acht Rehkitze gerettet. „Jedes Tier, dass wir vor dem Tod bewahren, macht uns glücklich. Und dafür lohnt es sich, aufzustehen“, sagt Marina Stolle. Sie sieht ihren Mann Frank an und hat Freudentränen in den Augen.

Wer die Rehkitzrettung Brandenburg unterstützen will, sendet eine Mail an info@rehkitzrettung-brandenburg.com

Von André Großmann