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Brandenburg/Havel Lange Schlangen am Einlass: Die Brandenburger stürmen den Weihnachtsmarkt
Lokales Brandenburg/Havel

Brandenburger Weihnachtsmarkt: So war der vorerst letzte Öffnungstag

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17:53 23.11.2021
Lange Schlangen in der Brandenburger City: Viele wollten  den Weihnachtsmarkt am Dienstag besuchen, bevor er schließen muss.
Lange Schlangen in der Brandenburger City: Viele wollten  den Weihnachtsmarkt am Dienstag besuchen, bevor er schließen muss. Quelle: Philip Rißling
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Brandenburg/ H

„Zwei Glühwein und drei Crêpes mit Nutella, bitte.“ Am Dienstagmittag um kurz nach 12 Uhr hat Mike Minuth an seinem Stand auf dem Brandenburger Weihnachtsmarkt alle Hände voll zu tun. Zusammen mit seiner Kollegin bereitet er gekonnt mit einer ordentliche Kelle Teig die süße französische Leckerei zu - die 0,2 Liter roter Glühwein im ökologischen Pappbecher gehen flink über den Tresen.

Vor Minuths Stand hat sich eine Schlange gebildet. Sechs Weihnachtsmarkt-Besucher möchten Speis und Trank für ihr leibliches Wohl bestellen. Die Menschen stehen mit Abstand an, einige tragen ihren Mund-Nasen-Schutz. Insgesamt ist der Weihnachtsmarkt am Dienstagmittag gut besucht – rund 250 Leute schlendern über den Budenzauber. Richtig voll wird es am Nachmittag gegen 15.30 Uhr – die Warteschlange vor dem Einlass reicht nun bis zu H&M.

Lesen Sie auch: Brandenburger Weihnachtsmarkt vor Schließung: „Es ist eine Katastrophe“

Menschen wollen Händler unterstützen

In normalen Jahren hätte sich der Brandenburger Gastronom Mike Minuth über den für einen kühlen Tag überaus guten Zulauf sehr gefreut. Doch in der vierten Welle im zweiten Corona-Jahr ist eben nichts normal. „Die Brandenburger, die Zeit hatten, sind heute extra noch mal auf den Weihnachtsmarkt gekommen, um uns Händler zu unterstützen“, sagt er. „Natürlich ist das aber nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein.“ Er atmet tief ein.

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Tatsächlich wird die festliche Stimmung auf dem Neustädtischen Markt nur kurz halten: Nach dem Willen der Landesregierung in Potsdam müssen alle Weihnachtsmärkte im Land ab Mittwoch schließen – nur zwei Tage nach der Eröffnung am Montag. Gelten soll die Anordnung vorerst bis zum 15. Dezember. Eine entsprechende Änderung der Eindämmungsverordnung hat das Kabinett am Dienstag verabschiedet.

Der Gastronom Mike Minuth ärgert sich über die Schließung von Weihnachtsmärkten in Brandenburg. Quelle: Jérôme Lombard

Glühwein muss wohl weggekippt werden

„Das ist ein ganz bitterer Schlag in unser Gesicht“, sagt Glühweinstand-Betreiber Minuth. Er habe wegen der dramatischen Infektionssituation zwar mit Verschärfungen der Hygienemaßnahmen wie allgemeine Maskenpflicht oder den Zutritt nur für Genesene und Geimpfte mit negativem Corona-Test gerechnet – aber nicht, dass alle Weihnachtsmärkte im Land so kurzfristig dicht machen müssen.

„Mein Glühwein ist nicht bis zum nächsten Jahr haltbar, den kann ich wegkippen“, schimpft der Gastronom. Auf den Kosten – auch für Aufbau und Miete seines Stands – bleibe er jetzt sitzen.

Frust auch bei den Angestellten

Minuth findet, die Politik hätte früher agieren müssen. Er rechnet vor: „Hätte ich vor einer Woche gewusst, dass wir nicht öffnen können, hätte ich noch 15.000 Euro sparen können.“ Nun gehe er von einer Pleitewelle bei den Weihnachtsmarkt-Händlern aus. „Es ist unglaublich.“

Auch bei Robert Brock ist die Stimmung am Dienstagmittag getrübt. Der junge Mann betreut den Stand von „Primoza“, einem Start-Up, das nachhaltig produzierte Kalender mit Streifen von Samenpapier zum Einpflanzen verkauft. „Es ist schon ziemlich traurig, dass ich den Stand nach nur zwei Tagen wieder schließen muss“, sagt der 24-Jährige.

Er habe die Bude eigenständig dekoriert und sich viel Mühe gegeben. „Das kann jetzt alles eingemottet werden.“ Für das junge Unternehmen aus Nürnberg sind Verkaufsmöglichkeiten auf Märkten trotz des Online-Verkaufs enorm wichtig, wie Robert Brock erzählt.

Robert Borck verkaufte auf dem Weihnachtsmarkt Kalender, die Blumenwiesen herbeizaubern können. Quelle: Heike Schulze

Beschäftigte verlieren ihre Jobs

Für den gebürtigen Berliner, der hauptberuflich als Pflegefachkraft arbeitet, bedeutet die Schließung auch das vorzeitige Ende seines Nebenjobs auf dem Brandenburger Weihnachtsmarkt. Er nimmt es gefasst. „Da kann man einfach nichts machen, es wird schon alles seine Berechtigung haben“, findet er.

Die Regierung habe sich ja nicht aus bösem Willen zu der Maßnahme entschieden, sondern sich aufgrund der explodierenden Corona-Zahlen dazu gezwungen gesehen.

Robert Brock ist nicht der einzige, der durch die angeordnete Weihnachtsmarkt-Schließung seinen (Neben-) Job verliert. Michael Kilian vom Brandenburger Gewerbeverein schätzt, dass 80 bis 90 Angestellte per Sonderkündigung ihre Stellen verlieren werden. „Es ist wirklich eine Katastrophe und ein herber Schlag für alle am Weihnachtsmarkt Beteiligten“, schimpft Kilian.

Kritik an Kommunikationspolitik der Landesregierung

Als Organisatoren habe man sich an alle Auflagen gehalten und auch mit einer strikten 2G-Plus-Zugangsregelung hätte man sich abfinden können. „Über die Absage, die wie aus dem Nichts kam, sind wir schrecklich traurig.“

Er ärgere sich maßlos über die Kommunikationspolitik der Regierung – und auch darüber, dass die Bundesländer in der Pandemie wieder einmal verschiedene Wege gehen. Dass im nahen Berlin die Weihnachtsmärkte per Senatsbeschluss weiter geöffnet bleiben können, empfindet Kilian als „ziemlich ungerecht“.

Am Montag wurde der Brandenburger Weihnachtsmarkt auf dem Neustädtischen Markt eröffnet – ab Mittwoch sind wieder alle Buden zu. Quelle: Heike Schulze

Wiedereröffnung am 15. Dezember?

Am späten Abend wollte der Gewerbeverbandschef mit allen Händlern des Weihnachtsmarktes zum Krisengespräch zusammenkommen. Dabei sollte es auch um die Frage gehen, ob man sich eine Wiedereröffnung – so sie denn tatsächlich möglich sein wird – ab 15. Dezember für dann noch einmal eine knappe Woche vorstellen könnte.

„Wer soll denn allein eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung des Weihnachtsmarktgeländes bis dahin bezahlen?“, fragt Kilian. Ohne die Stadt könne der Verein das jedenfalls nicht stemmen.

Von Jérôme Lombard