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Brandenburg/Havel So schlimm ist Cybermobbing an Schulen wirklich
Lokales Brandenburg/Havel So schlimm ist Cybermobbing an Schulen wirklich
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10:25 22.02.2019
Ein Mädchen steht im Hof einer Schule und schaut entsetzt auf sein Smartphone, während im Hintergrund zwei andere Mädchen lachen (Beispielfoto). Quelle: dpa/ klicksafe
Mittelmark/Brandenburg/H

 Würden Eltern wissen, was sie nicht wissen über die Handy-Nutzung ihrer Kinder und was ab geht an den Schulen, sie würden wohl Infoveranstaltungen dazu selbst in riesigen Theatersälen füllen.

Die beiden Brandenburger Schulsozialarbeiterinnen Stephanie Hofmann und Antje Kuhr von der Caritas können Erschreckendes berichten von dem, was Cybermobbing konkret angerichtet hat. Antje Kuhr rät auch, notfalls Anzeige zu erstatten.

Die MAZ hat sich zu dem Thema auch bei Schulleitern und Sozialarbeitern in Stahnsdorf, Brück und Lehnin umgehört. Es zeigt sich dabei, wie unterschiedlich Schulen mit den Gefahren durch Handynutzung umgehen. Und welche Fälle große Sorge ausgelöst haben.

Die Schulsozialarbeiterinnen Stephanie Hofmann und Antje Kuhr (r.). Quelle: Marion von Imhoff

Alle Schulen bieten regelmäßig Projekte an, um Kinder und Jugendlichen auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Oft holen sie dabei auch die Eltern ins Boot, wie vor wenigen Tagen bei einem Infoabend mit Antje Kuhr am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Brandenburg.

Mädchen verschickte freizügiges Foto

Antje Kuhr ist Schulsozialarbeiterin am Brecht- und am von Saldern-Gymnasium in Brandenburg. „Meist geht es um Sexting“, sagt Antje Kuhr. „Das ist das schwerwiegendste Problem, was die Jugendlichen untereinander anrichten können. Dass Mädchen, wenn sie verliebt sind, bereit sind, freizügige Bilder von sich zu verschicken und nicht wissen, was dann oftmals damit passiert.“

Antje Kuhr berichtet von einem Fall an einer Brandenburger Schule. Ein Mädchen hat in Taumel der Verliebtheit seinem Freund ein Foto von sich geschickt über Whatsapp, auf dem sie fast nackt war. Doch die Jugendliebe endete und der Junge postete das Bild in den Chats der ganzen Schule.

Viel zu viel Zeit verbringen viele Kinder und Jugendliche mit dem Smartphone (Beispielfoto). Quelle: dpa

„Viele haben das Mädchen plötzlich in Unterwäsche gesehen“, berichtet Antje Kuhr. Wenig später kursierte das freizügige Bild des Teenagers auf Jugendhandys in der ganzen Stadt Brandenburg. „Die Mitschüler nannten das Mädchen dann ,Schlampe’. Es ist eine Straftat von dem Veröffentlicher, sobald er es weiterverbreitet.

„Das Mädchen ist nicht mehr zur Schule gegangen“, berichtet die Sozialarbeiterin. „Sie wusste nicht mehr weiter, auch weil das Foto als Fakeprofil bei Facebook auftauchte.“

2000 Follower auf Istagram

Antje Kuhr warnt: „Manche Schüler haben 2000 Instagram-Follower, wenn dann bestimmte Bilder hochgeladen werden, sind die ganz schnell durch Deutschland. Die Fotos bleiben im Netz.“

Und: „Oft werden auch sexuelle Beziehungen virtuell ausgelebt bei Jugendlichen. Knutschen und Fummeln auf Schulpartys war früher, heute fragen Jungs die Mädchen: ,Zeig mir mal, wie siehst du oben ohne aus.’“ Stephanie Hofmann ergänzt: „Würde im wahren Leben ein Junge vor einem Mädchen stehen und das fragen, würde es vermutlich das nicht machen. Die Hemmschwelle im Netz ist niedrig.“

Eltern kriegen wenig mit

Oftmals kriegen die Eltern das gar nicht mit. Ein weiterer Fall ereignete sich beim Filmen einer Duschszene an einer Brandenburger Oberschule, „da hat ein Mädchen ihren Freund beim Masturbieren gefilmt und das Video kursierte schnell in der ganzen Schule“, so Antje Kuhr.

„Schon ab der dritten Klasse entwickeln Kinder Handy-Abhängigkeit“, sagt Stephanie Hofmann, Schulsozialarbeiterin an der Wilhelm-Busch-Grundschule in Brandenburg. „Ab dritte Klasse fangen sie an mit Klassenchats, Spielen, da nimmt das Handy einen hohen Stellenwert ein“.

Gewaltvideos kursieren in Horten

Auch Videos werden in den Horten herumgezeigt. „Das ist das Alter, wo auch die Eltern bereits sind, dem Kind ein Smartphone zur Verfügung zu stellen.“ Schon Kleinkinder fangen mit Handys der Eltern zu spielen an. Für Schüler sind Handys dann ein Statussymbol.

An die Eltern geht der Rat, die Apps zu kontrollieren, die auf dem Handy heruntergeladen sind und ab welcher Altersfreigabe diese sind. Viele nutzen nicht Youtube-Kids, sondern das normale Youtube, „da muss man als Eltern drauf achten“, sagt Stephanie Hofmann. Die Chats der Jugendlichen zu lesen aber sei tabu für Eltern, sagen die beiden Schulsozialarbeiterinnen. Das sei ein Vertrauensbruch.

Sexting, Slapping und Cyberrooming

Sexting bedeutet, das man freizügige Bilder von sich oder sexuelle Handlungen wie Masturbation verschickt.

Slapping (Englisch für Ohrfeige): „lustiges Drauflosschlagen“ sind Videos: gespielte Gewaltszenen, ein Opfer, ein Schläger und der Film wird verbreitet. Oftmals erhoffen sich die, die das Opfer spielen, besser in einer Gruppe anzukommen, tatsächlich aber wirkt es demütigend.

Cyberrooming: „Erwachsene sind auf Kinderfang in sozialen Medien“, sagt Antje Kuhr. „Ich hatte einen Fall, bei dem ein Jugendlicher dachte, der Mitspieler in dem Spiel sei 17 und dann ist rausgekommen, der ist Mitte 30 und hat Nacktbilder von sich geschickt.“ Erwachsene schleichen sich gezielt in Netzwerke oder Onlinespiele von Minderjährigen, geben sich als gleichaltrig aus und verabreden sich mit ihnen in der realen Welt.

Zeigen von Gewaltvideos ist strafbar, ebenso das Weiterleiten freizügiger Fotos. Weitere Infos: www.klicksafe.de; www.schau-hin.info; www.polizei-beratung.de.

Silvia Schulz ist seit 25 Jahren Schulsozialarbeiterin an der Oberschule Brück: „Eltern wissen viel zu wenig“, warnt sie und berichtet von Fällen, in denen sich Schülerinnen mit wildfremden Männern getroffen haben, die sie über das Internet kennenlernten.

„Es gab auch Video mit Gewalt und Sex, die jemand in den Klassenchat gestellt und behauptet hat, der Film zeige einen Mitschüler.“

Projekte über Mobbing

Projekte, auch mit der Polizei, über Mobbing und Gefahren sozialer Netzwerke würden die Kinder über solche Gefahren aufklären. „Man muss auch klar sagen: Whatsapp ist erst ab 16, aber die Eltern laden das den Kindern einfach auf deren Handy.“

Silvia Schulz würde sich mehr Engagement der Eltern wünschen: „Wenn wir sie zu solchen Veranstaltungen einladen, kommen vielleicht zwei, drei Eltern. Dabei sind die meisten erschrocken, was abgeht auf den Handys ihrer Kinder.“

Das Vicco-von-Bülow-Gymnasium in Stahnsdorf hat ein Handyverbot für das gesamte Schulgelände erlassen, um das Aufnehmen von Fotos und Filmen zu verhindern. Das berichtet der stellvertretende Rektor Lars Jentzen.

Gymnasium zieht Handys notfalls ein

„Wenn ein Schüler sein Handy auf dem Schulhof zückt, wird er angesprochen: ,Steck das Handy ein, sonst ziehen wir es ein.’ Wir sind nicht hinterm Mond, aber das Verbot zeigt Wirkung.“

Im Fach Lebensgestaltung, Ethik und Religion (LER) und im Religionsunterricht bietet die Schule Infos dazu an. Zudem gibt es das Theaterprojekt „Klick and kill“. Und im Erstfall? „Wir haben eine Eingreiftruppe mit Schülern und Lehrern bei Mobbingfällen“, sagt Lars Jentzen.

Dirk Lenius leitet die Gesamtschule Lehnin. Quelle: JACQUELINE STEINER

Dirk Lenius, Leiter der Gesamtschule Lehnin mit gymnasialer Oberstufe, berichtet, dass es Eltern waren, die sich vehement gegen ein Handyverbot auf dem Schulcampus aussprachen. „Wir haben das intensiv diskutiert, aber die Eltern wollen, dass ihre Kinder erreichbar sind.“

Jedes Kind besitzt Smartphone

Die Smartphoneverbreitung an der Schule nennt Lenius „100 Prozent, schon im Primarbereich“, also bei den Grundschülern. Kürzlich musste ein „Interventionsteam mit Eltern und Klassenleitung eingreifen, weil über das Internet ein Neuntklässler beleidigt wurde“.

In der Grundschule Lehnin gibt es einen „Surfschein über sichere Internetnutzung“. In Gruppenchats vermutet Lenius oft eine „eigene Dynamik, schon der Ausschluss eines Schülers daraus ist ein Zeichen“.

Das Fotografieren und Filmen mit dem Handy „ist strikt verboten auf dem Schulgelände. Das gilt seit zwei Jahren“, so Lenius.

Von Marion von Imhoff

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