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Brandenburg/Havel Denkmalschutz verklagt Architekt
Lokales Brandenburg/Havel Denkmalschutz verklagt Architekt
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18:54 20.03.2019
Das ZDF berichtete vor Jahren über die Heidrichsmühle. Detlev Delfs zeigte dabei auch die Königswelle (im Hintergrund rechts). Quelle: Screenshot
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Brandenburg/H

Der Architekt Detlev Delfs ist in Brandenburg an der Havel bekannt dafür, dass er sich auch an schwierige, denkmalgeschützte Gebäude herantraut. So hat er in vergangenen Jahren verfallene Bauwerke wie die Heidrichsmühle am Mühlendamm und die Kammgarnspinnerei in der Neuendorfer Straße hergerichtet und in schicke Wohnhäuser verwandelt.

Umso mehr erstaunt es, dass er sich erheblichen Ärger mit den städtischen Denkmalschützern eingehandelt hat. Die werfen ihm vor, dass von ihm geführte Unternehmen Loft-Bau GmbH habe die stolze Königswelle, den rund 120 Jahre alten Antrieb der Heidrichsmühle, fahrlässig in den Schrott befördert.

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Die denkmalgeschützte Königswelle der Heidrichsmühle ist im Riva-Schrott gelandet. Deshalb fordert die Stadt Brandenburg/Havel vor Gericht rund 40.000 Euro Bußgeld von der Firma Loft-Bau.

Das Unternehmen habe seine Erhaltungspflicht verletzt. Der Streit um die große Welle wird aktuell vor dem Brandenburger Amtsgericht Brandenburg ausgetragen.

Tatsächlich ist das 17 Meter lange, etwa sechs Tonnen schwere, nach Experteneinschätzung „einzigartige technische Denkmal“ über Umwege im Schrott der Elektrostahlwerkes Riva und zerkleinert in einer der dortigen Stranggussanlagen gelandet.

Nach derzeitigem Stand soll das Unternehmen des Brandenburger Architekten rund 32.500 Euro Bußgeld zahlen, dieser Betrag ist schon reduziert. Eigentlich fordert die Bußgeldstelle der Stadt mehr als 40.000 Euro.

Die Geschichte um die Königswelle begann im Jahr 2012, als Detlev Delfs seine Wohnung in der Heidrichsmühle verkaufte. Der neue Eigentümer bestand darauf, dass die Königswelle rauskommt.

Traditionsreicher Mühlenstandort

Brandenburg/Havel gilt als einer der traditionsreichsten Mühlenstandorte des Landes. Die Landesdenkmalpflege schätzt die Zerstörung der Königswelle als Verlust eines einzigartigen technischen Kulturgutes ein.

Die erstmals 1324 erwähnte „große Mühle“ ging im Jahr 1900 in den Besitz von Franz Alexander Heidrich über. Das Gebäude wurde immer wieder umgebaut. Die Anlage hieß seit 1972 „VEB Havelmühle“ und wurde 1988 stillgelegt.

Die Loft-Bau GmbH kaufte die an die Familie rückübertragene Heidrichsmühle im März 2002 und schuf dort hochwertige Lofts zu Wohnzwecken.

Delfs verständigte sich mit dem Denkmalschutz darauf, dass er die Antriebswelle demontiert, den Vorgang dokumentiert, die Einzelteile einlagert und später auf einer Grünfläche nahe der Mühle originalgetreu wiederaufbaut.

Diplom-Restaurator Olaf Ignaszewski schätzte, dass drei Restauratoren drei Wochen lang mit den Facharbeiten beschäftigt sein würden. Delfs beauftragte im November 2012 aber keine Restauratoren, sondern einen Geschäftspartner: einen Hufschmied, der zupacken kann.

In Gegenwart des Architekten nahmen der Hufschmied und seine Helfer die Welle mit viel Manneskraft auseinander. „Das war ähnlich schwierig wie für die Ägypter, eine Pyramide zu bauen“, beschreibt Detlev Delfs die Mühsal vor Gericht. Gleichwohl seien alle Einzelteile beschriftet worden.

Besagter Hufschmied ist mit einem Schrotthändler gut bekannt, den er seinerzeit bat, zwei große Container bereitzustellen für das viele Eisen. Aus dem bisherigen Verlauf des Ordnungswidrigkeitsverfahrens ergibt sich, dass Detlev Delfs nicht mehr sorgfältig verfolgte, was mit der Königswelle fortan geschah.

Er sei davon ausgegangen, dass der Hufschmied sie auf seinem Gelände lagere, berichtet Delfs dem Richter Hans von Bülow. Erst im Jahr 2014 oder 2015 wollte der Architekt bei seinem damaligen Helfer nachfragen. „Das ging aber nicht, weil er zu dem Zeitpunkt einsaß“, berichtet der Loft-Bau-Geschäftsführer.

In Wirklichkeit hatte der Schrotthändler die beiden Container auf seinen Schrottplatz in der Nähe von Brandenburg/Havel gefahren. Dort standen sie im Jahr 2013 eine unbestimmte Zeit lang herum, bis der Händler seine großen Container anderweitig brauchte.

Der Händler wandte sich daher an den Hufschmied und fragte: „Was ist denn jetzt damit? Was soll ich damit machen?“ Die Antwort lautete: „Hau weg, die Scheiße.“ So endete die stolze Welle im Brandenburger Elektrostahlwerk. Was den Erlös betrifft, schwanken die Angaben zwischen 1800 und 6000 Euro.

Den Weg der Welle fanden die beiden städtischen Denkmalschützerinnen Katrin Witt und Anja Castens im Nachhinein heraus, als auf ihrer Spurensuche im Jahr 2015 mit dem Schrotthändler sprachen und den Hufschmied sogar im Gefängnis aufsuchten.

Die Stadtverwalterinnen beriefen sich auf die Vereinbarung zur fachgerechten Demontage, Dokumentation, Aufbewahrung und Wiedererrichtung, die sie einst mit Delfs geschlossen hatten. So kam das Bußgeldverfahren in Gang. Weil der Geschäftsführer die geforderte Summe nicht bezahlen will, wird der Fall nun vor Gericht verhandelt.

Detlev Delfs weist den Richter dort auf seine Verdienste um den Denkmalschutz hin und auf die großen Denkmalsünden, die die Stadtverwaltung selbst mit der Zerstörung des bedeutenden Gerinnes des Heidrichsmühle angerichtet habe. Delfs: „Wenn einer in Sachen Denkmalschutz und Stadtentwicklung etwas getan hat, dann waren das wir. Ich fühle mich durch das Verfahren total beleidigt.“

Juristisch argumentiert seine Anwältin Bettina Holstein, dass der Bußgeldbescheid wegen Fehlerhaftigkeit unwirksam sei. Außerdem bezweifeln sie und ihr Mandant, dass die Königswelle überhaupt denkmalgeschützt gewesen ist.

Im Übrigen ist zu prüfen, ob die Vorwürfe gegen die Loft-Bau GmbH inzwischen nicht verjährt sind. Das gilt zumindest für den Abbau der Welle und die mutmaßlich nicht fachgerechte Dokumentation.

Beides liegt nach den Worten des Richters schon mehr als sechs Jahre zurück und kann daher nicht mehr geahndet werden. Somit sei die Summe des Bußgeldes auf jeden Fall zu reduzieren. Ob die Zerstörung ebenfalls schon verjährt und der ganze Fall damit erledigt ist, muss die weitere Beweisaufnahme zeigen.

Hufschmied und Schrotthändler wurden übrigens schon belangt – mit Bußgeldbescheiden über 500 beziehungsweise 1000 Euro. Soweit bekannt, haben sie akzeptiert.

Von Jürgen Lauterbach

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