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Brandenburg/Havel Die Betriebsratschefs zum Streik der Metaller
Lokales Brandenburg/Havel Die Betriebsratschefs zum Streik der Metaller
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10:19 16.03.2018
Sven Hutengs und Carmen Bahlo erklären ihre Ziele im aktuellen Arbeitskampf der Metallindustrie. Quelle: Rüdiger Böhme
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Brandenburg/H

Seit Jahresbeginn treten Beschäftigte von ZF Getriebe und Heidelberger Druck in Brandenburg/Havel in den Warnstreik für 6 Prozent mehr Lohn, bessere Arbeitszeitmodelle und vor allem für die Ost-West-Angleichung bezogen auf die 35-Stunden-Woche. Die MAZ sprach mit den Betriebsratsvorsitzenden Carmen Bahlo (ZF) und Sven Hutengs (Heidelberger Druck).

Wie viel Macht und Einfluss haben Betriebsräte bei Heidelberger Druck und ZF?

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Sven Hutengs: Der Betriebsrat hat schon recht großen Einfluss in betrieblichen Belangen. Aber auch viel Verantwortung. Manchmal fühlen wir uns als eine Art Co-Geschäftsführung. Aber wir werden auch gehört. Dabei hilft, dass wir ein vernünftiges Auskommen mit der Geschäftsführung haben. In großen Betrieben geht das gar nicht anders.

Carmen Bahlo: Wir haben schon eine Menge Einfluss, zwar nicht bezogen auf unternehmerische Entscheidungen, aber darauf, wie Prozesse ablaufen. Aber wir brauchen dazu die Belegschaft im Rücken, auch wenn wir es nicht jedem einzelnen immer recht machen können.

Wann haben Sie zuletzt Einfluss ausgeübt?

Carmen Bahlo: Das Unternehmen wollte den gestiegenen Personalbedarf mit viel weniger Neueinstellungen decken und stattdessen auf Leiharbeiter setzen. Ich gebe zu, mir war auch nicht wohl bei dem Gedanken, ob wir 550 Neueinstellungen wohl hinbekommen. Aber es ging, die Qualität unserer Arbeit hat nicht gelitten, auch wenn die große Zahl neuer Mitarbeiter betriebsintern nicht störungsfrei lief. Man muss manchmal einfach Mut haben.

Sven Hutengs: Unser Fokus ist, unsere Azubis unbefristet zu übernehmen und unbefristete Neueinstellungen durchzusetzen. Gerade jetzt in der Tarifrunde sollen wir dem Arbeitgeber Mehrarbeit zuzugestehen und genehmigen, noch dazu samstags und sonntags. Das ist eine Riesenhürde für den Betriebsrat. Wir haben an der Stelle großen Erklärungsbedarf gegenüber der Belegschaft. Ohne Neueinstellungen und der Azubi-Übernahme sind die Zugeständnisse nicht denkbar.

Sie haben währen des Warnstreiks gefordert, Heidelberg dürfe seine Mitarbeiter nicht sauer fahren. Wie meinten Sie das?

Hutengs: Mit unserer Personaldecke sind wir eng aufgestellt. Die Aufträge liegen über der Planung, die gute Auslastung bleibt mindestens bis zum Sommer. Wir arbeiten daher gerade 40,5 Stunden in der Woche. Für kurze Zeit geht das auch einmal mit 43,0 Stunden in der Woche, aber angesichts des hohen Altersdurchschnitts kann der Betrieb das nicht länger ohne Neueinstellungen fahren. Sonst flattern Krankenscheine auf den Tisch. Aber wir spüren auch: So schnell wie wir die Leute benötigen, bekommen wir sie nicht.

Kann ZF nicht Arbeitskräfte, deren befristete Verträge auslaufen, zu Heidelberg vermitteln?

Bahlo: Im Einzelfall ja. Aber als ZF-Betriebsräte sind wir noch längst nicht an dem Punkt angelangt zu sagen, bei uns können Leute rausgehen. Im Oktober läuft ein neues Fahrzeug an, ein Sportwagen. Das ist Hightech, da geht es um das gespaltene µ (MÜ). Dafür können wir nicht irgendwen einstellen. Mitarbeiter gehen lassen und dann wieder einstellen und neu anlernen, das funktioniert nicht. Wir sind hier doch keine Lehrwerkstatt. Selbst wer das fünfte oder sechste Mal zu ZF zurückkommt, erhält keinen unbefristeten Vertrag, nicht einmal die Entwicklungsingenieure. Wenn uns Gewerkschaftern in den aktuellen Tarifverhandlungen vorgeworfen wird, wir verschärften den Facharbeitermangel, kann ich das vor dem Hintergrund nicht verstehen.

Liegt es am Management?

Bahlo: Nein, am Konzern. Einen unbefristeten Akustikingenieur, den wir sonst nicht bekommen hätten, mussten wir uns bis hoch zum Vorstand genehmigen lassen.

Die Konzerne können statt auf Befristungen auch auf Leiharbeit setzen oder nicht?

Bahlo: Das läuft nicht. Volkswagen Wolfsburg wollte uns eigene Leiharbeiter schicken. Erreicht haben uns zwei Lebensläufe. Beide waren keine Metallarbeiter.

Hutengs: Natürlich versucht unsere Geschäftsleitung, im prekären Bereich, also mit Leiharbeit, unterwegs zu sein. Bei Heidelberg haben wir eine Quotenregelung, über die wir immer wieder verhandeln. Das ist kein Selbstläufer. Aber die Zeiten haben sich erheblich geändert. Früher haben wir Spitzen mit Lagerbeständen abgefangen. Wenn heute in Ostasien mehrere Druckwerke geordert werden, wird der Auftrag sofort komplett durchgesteuert in die Fertigung. Mit Leiharbeit können Sie dieses Just-in-Time-Management nicht bewältigen.

Langjährige Erfahrung im Betriebsrat

Carmen Bahlo (55) ist Ingenieurin für Maschinenbau und technische Zeichnerin. Im Getriebewerk arbeitet die Brandenburgerin seit 1979. Dem Betriebsrat von ZF Brandenburg gehört das ehrenamtliches IG-Metall-Vorstandsmitglied seit März 1991 an, seit 1995 als Vorsitzende. Carmen Bahlo ist verheiratet und hat zwei Kinder (31 und 26).

Sven Hutengs (55) aus Rathenow ist von Beruf Industriemechaniker und arbeitet seit Juni 1992 bei Heidelberger Druck in Brandenburg/Havel. Seit 1998 gehört er dem Betriebsrat an, seit 2004 als freigestellter Vizechef und seit 2006 als Vorsitzender. Sven Hutengs ist verheiratet und hat zwei Kinder 35 und 29 Jahre).

Genießen Sie die Momente, in denen Ihre Belegschaften bei Warnstreiks aus dem Betrieb auf das Werktor zulaufen, dem Streikaufruf also folgen?

Hutengs: Das ist jedenfalls positiver Stress, Freude und ein Stück Anerkennung. Wir müssen uns ja manchmal die Frage gefallen lassen: Warum habt ihr immer den Fokus auf die Gewerkschaft? Ihr seid doch für alle da. In den großen tarifgebundenen Betrieben können Betriebsräte aber nicht ohne Gewerkschaft sein. Mich hat besonders gefreut, dass diesmal auch viele nicht organisierte Angestellte vor dem Tor standen.

Bahlo: Der Moment ist schon ein Höhepunkt. Man ist in unserer Lage nie ganz sicher: Wie viele kommen mit – bei Winter nur in Arbeitskleidung? Da bin ich schon angespannt.

Bisher war alles vergleichsweise harmlos mit den kurzen Warnstreik. Welches Risiko gehen Sie und die IG Metall mit der Ausweitung auf 24 Stunden Arbeitsniederlegung?

Bahlo: Es geht nicht anders. Viele dachten, dass die 35-Stunden-Woche trotz des Scheiterns der Forderung im Jahr 2003 automatisch kommen würde. Aber genau das ist nicht passiert. Dabei kann niemand verstehen, dass nach 28 Jahren Einheit die Arbeitszeit in Ost und West immer noch auseinanderklafft.

Aber Sie setzen den Standortvorteil aufs Spiel. Warum?

Hutengs: Wenn die 35-Stunden-Woche jetzt nicht gewuppt wird, wird der Arbeitgeber das nutzen, um das Rad zurückzudrehen und die Arbeitszeitverlängerung fordern. Bei Heidelberger ist doch in den vergangenen 28 Jahren trotz der längeren tariflichen Arbeitszeit nicht eine Halle dazu gekommen. 2500 Mitarbeiter sollten es einmal werden in Hohenstücken. Die Firma sollte wachsen im Osten. Die Geschäftsleitung bezweifelt, dass es der richtige Weg ist mit den 35 Stunden. Aber offensichtlich waren die 28 Jahre davor auch nicht der richtige Weg. Das angebliche Wachstumspotenzial ist nicht angekommen.

Bahlo: ZF beschäftigt etwa 2500 Leute im Osten. Das sind nicht viele bei konzernweit 44.000. In Saarbrücken, wo die 35-Stunden-Woche gilt, hat ZF den Standort von 3500 auf 10.000 hochgezogen. Wenn die drei Stunden, um die es geht, eine solche Rolle spielten, dann hätten die Arbeitsplätze bei uns entstehen müssen. Aber das ist nicht passiert.

Nach dem Desaster von 2003, was sagen Sie Ihren Belegschaften, wenn Sie mit den 35 Stunden abermals scheitern?

Bahlo: Das weiß ich auch noch nicht. Aber wir können nicht reingehen in den Arbeitskampf nach dem Motto, es kann auch wieder schief gehen. Denn wer nicht kämpft, der hat verloren. Wenn das jetzt nicht klappt, werden es meine Kinder und Enkelkinder wohl auch nicht mehr erleben. Denn wir können das Thema nicht alle Jahre hochziehen.

Hutengs: Wir reden doch gar nicht über die sofortige Umsetzung, sondern erst einmal nur um eine Verhandlungsverpflichtung zu dem Thema.

Wie weit können Sie und die Gewerkschaften im aktuellen Arbeitskampf gehen?

Bahlo: Über fünf, sechs Jahre haben wir im IG-Metall-Bezirk die Diskussion um die Forderung nach der 35-Stunden-Woche sehr intensiv und auch gegen heftige Widerstände geführt. Inzwischen haben alle Bezirke, auch die im Westen, diese Forderung zu einer Verhandlungsverpflichtung Ostangleichung mit drin. Die Erwartung in den Belegschaften ist hoch. Junge Kollegen haben heute einen anderen Fokus als 2003. Damals wollten die meisten Kohle verdienen, ein Häuschen bauen, ein schönes Auto haben. 2018 sagen die Kollegen: Wir wollen leben, mal eine Auszeit nehmen. Bei den Jungfacharbeitern haben unsere Meister Probleme, Mehrarbeit zu organisieren. Denn die jungen Leute haben an Wochenenden etwas anders vor.

In den sozialen Medien im Internet bekommen Sie nicht nur Beifall. Menschen stoßen sich daran, dass diejenigen, die schon gut verdienen, noch mehr verlangen.

Hutengs: Ich kann den Neid verstehen. Aber wenn wir weniger hätten, hätten andere trotzdem nicht mehr. Ich habe von Arbeitnehmern gehört, die in ihrem kleinen Betrieb plötzlich 700 Euro brutto mehr bekommen haben, wenn sie nicht zu ZF gehen.

Bahlo: Ja, plötzlich ging es. Die meisten kleineren Betriebe könnten mehr zahlen, tun es aber nicht. Wir als große Belegschaften müssen andere nach oben ziehen.

Was würden Sie persönlich tun, wenn Sie irgendwann drei Stunden mehr Freizeit hätten?

Bahlo: Ich würde versuchen, noch mehr Zeit in Skandinavien zu verbringen, vor allem in Finnland.

Hutengs: Mehr Kurzurlaube mit meiner Frau, Deutschland kennenlernen, vor allem die schönen Radwege.

Von Jürgen Lauterbach

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