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Brandenburg/Havel Eine Frau baute das Krankenhaus Lehnin mit auf: Chefärztin Ingeborg Freudel zum Gedenken
Lokales Brandenburg/Havel

Die tapfere Ärztin Ingeborg Freudel baute 1945 das Krankenhaus Lehnin mit auf

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15:00 18.11.2021
Ingeborg Freudel (1913-2010) war lange Jahre Chefärztin des Lehniner Krankenhauses, hier um 1960.
Ingeborg Freudel (1913-2010) war lange Jahre Chefärztin des Lehniner Krankenhauses, hier um 1960. Quelle: privat
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Lehnin

Zu den Medizinerinnen und Medizinern am Lehniner Krankenhaus, die unvergessen bleiben sollten, gehört zweifelsohne Anna Ingeborg Freudel. Die Ärztin hat viele Jahre die Arbeit in der Klinik maßgeblich geprägt.

Der Krieg hatte Freudel, die am 29. Juli 1913 in Berlin geboren worden war, nach Lehnin geführt. Beruflich orientierte sie sich in medizinischer Richtung und wurde Ärztin. Sie war in den letzten Kriegswochen im katholischen St.-Josefs-Krankenhaus in Potsdam tätig. Das Krankenhaus wurde am 14. April 1945 durch amerikanische Bomben dermaßen schwer beschädigt, dass eine medizinische Arbeit dort nicht mehr möglich war.

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Ingeborg Freudel wurde unter den Trümmern verschüttet. Dass sie überlebte, verdankte sie der guten Nase ihres Schäferhundes. Das brave Tier nahm den Geruch seines Frauchens auf und bellte die Retter herbei. Zum Glück waren ihre Verletzungen unerheblich.

Ingeborg Freudel (links) wusste immer viel zu berichten, hier bei einem Besuch 1992 in Lehnin. Quelle: privat

Wegen der Gefahr weiterer Bombenangriffe auf Potsdam, brachte man einige Verletzte in das Lehniner Krankenhaus. Mit ihnen und dem letzten Krankentransport vor Kriegsende kam Ingeborg Freudel am 17. April 1945 in Lehnin an.

Baracken aus der Nazi-Zeit auf dem Klostergelände

Zur Nazi-Zeit befanden sich auf dem Gelände Baracken, die vom Staat als Verwaltungsgebäude genutzt wurden. Für die Schwestern prägte sich der Begriff „Reichsamt“ ein. Nachdem die Räume zum Kriegsende fluchtartig verlassen worden waren, erklärten sich die Diakonissen des Luise-Henrietten-Stifts sofort bereit, die Patienten aus zwei zerstörten Krankenhäusern der unmittelbaren Umgebung dorthin aufzunehmen.

Dazu gab es viele verletzte Flüchtlinge, vor allem schwerkranke und durch Tieffliegerbeschuss verwundete Kinder. Das Krankenhaus hatte 180 Betten und beherbergte zur DDR-Zeit drei Abteilungen: eine Abteilung für Innere Medizin, eine für Chirurgie und eine für Kinderkrankheiten.

Das Lehniner Klostergelände mit dem Krankenhaus in den frühen 1970er Jahren, hier auf einer Ansichtskarte von 1974. Quelle: Sammlung Peter Werner Lehnin

Im Lehnin nahm sie als Internistin gemeinsam mit dem promovierten Chirurgen Gustav Schülke ihre Arbeit auf. Schülke war am 7. April aus Posen gekommen. Freudel erlangte Verdienste beim Aufbau der Kinderstation, übernahm Entbindungen und sowie notwendige Operationen, zum Beispiel an Galle und Blinddarm.

Ingeborg Freudel übernimmt die Leitung des Krankenhauses Lehnin

Ende der 1950er Jahre verließ Schülke das Krankenhaus. Ingeborg Freudel wurde Chefärztin der inneren Abteilung und Klinikleiterin. Bei der Ausstattung des Krankenhauses um 1970 mit modernen Röntgengeräten war sie federführend. Die Geräte kamen größtenteils als Spende aus Westdeutschland.

Auch das gab es in diesen Zeiten: Noch vor dem Mauerbau 1961 erhielt Ingeborg Freudel ein Wochenendgrundstück mit Bungalow in Ahrenshoop an der Ostsee. Dieses Feriendomizil war dazu gedacht, ihre Leistungen zu würdigen und sie vom Verlassen der DDR abzuhalten.

Um zu verhindern, dass Ingeborg Freudel in den Westen geht, übergab man ihr dieses Ferienhaus in Ahrenshoop. Quelle: privat

Ingeborg Freudel engagierte sich auch sehr in den Gremien der evangelischen Kirche. Sie war langjähriges Mitglied der evangelischen Kirchenleitung Berlin-Brandenburg, Region Ost. Diese Mitgliedschaft hat sich als sehr vorteilhaft bei der Beschaffung von Ausrüstung, Apparaten und Geräten für das Lehniner Krankenhaus erwiesen.

Umzug von Lehnin nach Bad Sachsa am Harz

Bis 1973 war sie als Klinikleiterin im Lehniner Krankenhaus im Einsatz und bis 1975 als Stationsärztin. Dann ging sie in den Ruhestand. Ihr Wohnhaus am Ende der Bergstraße (jetzt Straße „Zum Traumsee“) verkaufte sie und zog ins niedersächsische Bad Sachsa (Harz), ein Ort ihrer persönlichen Wahl.

Die weiße Frau hat sie nie gesehen

Ein Platz in der märkischen Literatur hat Ingeborg Freudel 1981 bekommen. Da erschien das Buch „Märkischer Bilderbogen“ der Kleinmachnower Journalistin Gisela Heller.

Ein Kapitel widmete Heller Lehnin, seinem Krankenhaus, dem Kloster und der Zeit nach dem Krieg. In den frühen 1970er Jahren war Heller in Lehnin.

Gern ging sie dabei auf die Sage von der Weßen Frau ein, die immer noch die Klostergemäuer spuke und um den Mönch weine, den sie einst liebte. Diesen Geist bekommen aber der Sage nach nur Eingeborene zu sehen.

Eine Zugezogene wie die Chefärztin Ingeborg Freudel allerdings nicht, liest man in Hellers Beitrag. „So werde ich wohl nimmermehr eine ,echte Lehninerin’ werden, sagte Frau Dr. Ingeborg Freudel, nachsichtig lächelnd, „denn ich lebe nun seit fast dreißig Jahren zwischen den alten Klostermauern und habe das Weiße Fräulein noch nicht zu Gesicht bekommen.“

Als Ursache sah Gisela Heller eher einen praktischen Grund: „Es liegt wahrscheinlich daran, daß sie nie Zeit hatte für Spökenkiekereien.“

Da sie aber von Lehnin nicht so schnell loslassen konnte, besuchte sie des öfteren noch gute Bekannte im Ort, wie die Familie Welle in der Beelitzer Straße.

Als sie Lehnin verließ, war ihre beste Freundin bereits seit einem Jahr tot. Diakonisse Berta Varchmin, die als Krankenschwester beim Aufbau des Krankenhauses dabei war, ruht seit 1974 auf dem Schwesternfriedhof in der Lehniner Reiherheide. Freudels Wunsch war es, im Grab ihrer Freundin beigesetzt wird. So geschah es auch, nachdem Ingeborg Freudel am am 17. Juni 2010 in Bad Sachsa gestorben war, mit knapp 97 Jahren.

Das gemeinsame Grab der beiden altren Freundinnen auf dem Schwesternfriedhof in der Reiherheide zwischen Lehnin und Nahmitz. Quelle: Jürgen Back

In dem Harzkurort fand eine Gedenkfeier für sie statt. Anschließend wurde ihre Urne nach Lehnin überführt, wo sie am 14. Juli 2010 im Grab ihrer Freundin auf dem Schwesternfriedhof beigesetzt wurde. Der prominenteste Teilnehmer an der Beerdigung war der der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber, was die besondere Bedeutung der engagierten Medizinerin unterstrich.

„Die Menschen in Lehnin und im Luise-Henrietten-Stift erinnern sich ihrer in großer Dankbarkeit“, schrieb die frühere Oberin Ruth Sommermeyer 2011 in „100 Jahre Diakonissenmutterhaus“.

Ingeborg Freudel (links) 1992 bei einem Besuch in Lehnin. Quelle: privat

Ingeborg Freudel war nie verheiratet. Ihr Verlobter kam im Krieg ums Leben. So blieb sie bis an ihr Lebensende ledig, hatte keine Kinder und keine weiteren Angehörigen.

„Ora et labora“ galt auch ihr als Losung

Was sie motivierte, kommt in einem Gedanken zum Ausdruck, den sie in den 1950er Jahren äußerte: „Denen und dabei denke ich vor allem an die jüngere Generation, die diese Zeit (gemeint sind der Krieg und die Nachkriegszeit; die Red.) noch nicht bewusst miterlebt haben, sollen diese Aufzeichnungen sagen, dass auch in der größten Notzeit eine fruchtbare Arbeit geleistet werden kann, wenn die Menschen nur den Glauben an die übernommene Arbeit nicht verlieren. Ora et labora – das soll weiter unsere Losung sein. Gott helfe uns dazu.“

Von Jürgen Back