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Brandenburg/Havel Diskussion um Nazi-Verbrechen im Luise-Henrietten-Stift
Lokales Brandenburg/Havel Diskussion um Nazi-Verbrechen im Luise-Henrietten-Stift
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00:17 01.04.2017
Mit Dieter Paul begann für das Luise-Henrietten-Stift nach der Wende eine neue Ära. Die NS-Zeit in der kirchlichen Einrichtung bewertet der ehemalige Vorsteher nach eigenen Recherchen kritischer als die jüngsten Forschungsergebnisse.
Mit Dieter Paul begann für das Luise-Henrietten-Stift nach der Wende eine neue Ära. Die NS-Zeit in der kirchlichen Einrichtung bewertet der ehemalige Vorsteher nach eigenen Recherchen kritischer als die jüngsten Forschungsergebnisse. Quelle: Frank Bürstenbinder
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Lehnin

Sie gingen ungeheuerlichen Fragen nach. Studenten und Historiker der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin durchforschten Archive, arbeiteten sich durch Tagebücher und werteten zeitgenössische Briefe aus. War das Luise-Henrietten-Stift ein Hort des Nationalsozialismus? Wurden etwa planmäßig Schützlinge aus dem Säuglingsheim der Kinder-Euthanasie in der Landesanstalt Brandenburg-Görden überlassen?

Viele Arbeitsfelder

Das Luise-Henrietten-Stift wurde 1911 von der Evangelischen Landeskirche als Diakonissenmutterhaus gegründet. In den ersten Jahren ging es vor allem um die Gewinnung junger Frauen für den Diakonissendienst in verschiedenen Arbeitsfeldern wie Hauswirtschaft und Kinderpflege.

Nach und nach wurde die Infrastruktur vervollständigt. Es kamen neue Arbeitsfelder hinzu. In der NS-Zeit erfolgten im Zuge der Gleichschaltung der Kirche etliche Reglementierungen und Beschränkungen. Zum Ende des Krieges lag das Stift wirtschaftlich am Boden.

Seit 2004 ist das Stift eine diakonische Einrichtung des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin Teltow Lehnin. Betrieben werden die Lehniner Kliniken, das Altenhilfezentrum, Hospiz, Diakoniestation, Kindergarten, Museum, Klosterladen und die Begegnungsstätte Zentrum Kloster Lehnin.

Nein, sagen die Historiker Andreas Stegmann und Katharina Troppenz. Weder haben sie Belege für eine bewusste Teilnahme am Programm der Nazis für eine organisierte Tötung von geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen gefunden, noch war die 1911 gegründete kirchliche Einrichtung ein Pakt mit dem NS-Staat eingegangen.

Katharina Troppenz und Andreas Stegmann stellten im Elisabethhaus die Ergebnisse der monatelangen Forschungsarbeiten zum Thema „Das Luise-Henrietten-Stift im Nationalsozialismus“ vor. Quelle: Frank Bürstenbinder

Doch so einfach ist die Rolle des Luise-Henrietten-Stifts im Nationalsozialismus denn doch nicht zu sehen. Es gab nämlich eine Doppelstrategie. „Nach außen zeigte sich das Stift loyal. Aber nach innen zog man sich zurück. Es blieb es bei dem Ziel, die Gemeinschaft der Schwestern zu stärken. Alles andere wurde als Störung des Dienstes gesehen“, fasste Stegmann das Fazit der Forschungen am Dienstag im voll besetzten Festsaal des Elisabethauses zusammen. Auftraggeber für die Arbeit war das Diakonissenhaus selbst.

Adolf Hitler besucht 1933 das Luise-Henrietten-Stift in Lehnin. Quelle: Sammlung Peter Werner

Die Kirchenhistoriker mussten konstatieren, dass es nach der Machtergreifung Hitlers hinter und außerhalb der Klostermauern nicht an nationaler Euphorie fehlte. Dabei wird auf den Besuch des Reichskanzlers schon 1933 bei den Lehniner Diakonissen verwiesen. Ein stolzes Foto wurde in der Stiftszeitung „Lehniner Grüße“ veröffentlicht. Goebbels, der in Hitlers Begleitung war, notierte in seinem Tagebuch: „Die Leute sind voll vor Begeisterung.“ Unter den Ansichten der Schwestern mag es unterschiedliche Strömungen gegeben haben. Die Mehrheit dachte deutschnational. Andere sympathisierten außerdem mit den Deutschen Christen, eine am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus. Doch gibt es keine relevanten Quellen, die die wirklichen politischen Überzeugungen der Diakonissen widerspiegeln.

Das Luise-Henrietten-Stift und der Nationalsozialismus war Thema der jüngsten Veranstaltung im Rahmen der Lehniner Gespräche. Auch 72 Jahre nach Kriegsende hat dieser Stoff das Zeug für Streitgespräche. So kam es zum Eklat, als Dieter Paul die Vorträge als „Weichspülerei“ bezeichnete. Der erste Stiftsvorsteher in Lehnin nach der Wende äußerte sich enttäuscht, weil einige Fakten nicht zur Sprache kamen. Dazu gehörte der 1943 erfolgte Einzug des sogenannten Generalbevollmächtigen Chemie (Gebechem) in mehrere Gebäude. Die Behörde koordinierte nach ihrer Ausbombung in Berlin von Lehnin aus die Interessen der rohstoffhungrigen Kriegswirtschaft. Außerdem wurden sieben Baracken errichtet, von denen Paul in seiner Zeit als Stiftsvorsteher ein Rumpfstück vor dem Abriss bewahrte.

Das heutige Hospiz auf dem Lehniner Stiftsgelände wurde 1925 als Heim für Säuglinge und Kleinkinder errichtet. Es gibt einen belegten Fall, wonach von hier aus 1944 ein Mädchen der Landesanstalt Brandenburg-Görden überlassen wurde. Wenige Tage später verstarb es an einer Lungenentzündung, wie es offiziell in den Akten heißt. Quelle: Frank Bürstenbinder

Paul griff auch den Fall eines Mädchens auf, das 1944 nachweisbar vom Säuglings-und Kinderheim an die Landesanstalt Brandenburg-Görden übergeben wurde. Das Kind starb wenige Tage später an Lungenentzündung. Nach Lesart Pauls sei es von der Oberin bewusst in die Euthanasie gegeben worden. Schon vor Jahren hatte der ehemalige Stiftsvorsteher vorgeschlagen, mit einem Stolperstein an das Schicksal des Kindes zu erinnern.

Historiker Stegmann warnte dagegen vor voreiligen Schlüssen. In den Akten zu dem Kind gebe es keinen Hinweis auf eine gezielte Tötung, wie es bei Euthanasieopfern die Regel gewesen sei. Ob es sich um ein Euthanasiefall gehandelt habe, müsse nach jetziger Quellenlage offen bleiben, so Stegmann. Er zog auch Pauls Behauptung in Zweifel, wonach ein Stiftspastor ein „glühender Nazi“ gewesen sei. Ebenso sei die Ansiedlung der Gebechem-Behörde keine Besonderheit gewesen. In den letzten Kriegsjahren seien viele Dienststellen und Behörden aus Berlin ausgelagert worden.

Dieter Paul vor der letzten erhalten gebliebenen Baracke, die 1943 für Gebechem-Mitarbeiter errichtet wurde. Quelle: Heiko Hesse

Der Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin Teltow Lehnin, Matthias Blume, wies Pauls Vorwurf der „Weichspülerei“ vehement zurück: „Es war uns daran gelegen mehr über die eigene Geschichte zu erfahren. Dabei haben uns die Ersteller der Forschungsergebnisse sehr geholfen.“ Wie weiter mit den Erkenntnissen umgegangen wird, ließ Blume offen. Lehnins Ortsvorsteher Frank Niewar sprach von einem „interessanten Abend“ und dankte dem theologischen Vorstand, dass sich das Diakonissenhaus dem Thema Nationalsozialismus gestellt hat.

Von Frank Bürstenbinder

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