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Brandenburg/Havel Faschingsburleske mit Südseeflair
Lokales Brandenburg/Havel Faschingsburleske mit Südseeflair
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19:10 05.08.2017
Probe am 2. August. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Brandenburg an der Havel

Der Mann mit dem Federschmuck hat‘s gut. Er muss weder Angst haben vor der nächsten Regenfront noch sich um die Mückenplage scheren. „Häuptling Abendwind“ hat seine Zelte in der Johanniskirche in Brandenburg/Havel aufgeschlagen, man gibt hier Sommertheater mit Dach. Und mit einer großen Glasfront, durch die dann doch das Abendlicht in den zur Buga sanierten historischen Bau dringt. Bei dem Titel denkt man natürlich sofort an Wildwest, aber er führt uns in die Südsee. Hier lebt der sanftmütige Stammesfürst Abendwind mit Tochter Atala und seinem kleinen Hofstaat, zu dem erstaunlicherweise auch ein Eisbär gehört, der als heiliges Tier und Orakel verehrt wird, ein eher beschauliches Leben. Bis eines Tages ein blonder Fremder an Land gespült wird, der mit Müh und Not ein Schiffsunglück überlebte. Und dann meldet sich auch noch Biberhahn zum Besuch an, der Chef der Nachbarinsel. Da ist die dringlichste Frage: Was serviert man, wenn das Wildbret ausgegangen ist und längst keine Fische mehr ins Netz gehen?

Es ist dies eine Welt der einfachen, sprich kannibalischen Lösungen. Da darf es schon mal ein Gefangener oder auch ein Fremder sein. Mit dem dazugehörigem Vorschlag für die Küche: „Ist einer zäh, muss er gebeizt werden. Wenn du einen Aufgeblasenen erwischst, die sind nur zu vertragen, wenn sie in die rechte Soß kommen. Und Spicken, ordentlich Spicken, das ist bei allen Naturen gut, weil es alle feiner und milder macht.“

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Ersonnen hat diesen makaberen Theaterspaß kein geringerer als Johann Nestroy, der Altmeister des Wiener Volkstheater und einer der ersten Satiriker deutscher Zunge. Als Prophet des Untergangs beackerte Nestroy die gesellschafts- und kulturpolitischen Umbrüche seiner Zeit. Und die ist geprägt von sich auswachsendem Nationalismus, von Konferenzen- und Zivilisationswahn sowie ausuferndem Populismus. Alles Themen, die noch heute aktuell sind.

Die Uraufführung fand im Februar 1862 satt, und der Autor nannte den Einakter „eine indianische Faschingsburleske“. Allerdings muss man der Wahrheit halber sagen: Das Stück ist nicht zuerst auf Nestroys Mist gewachsen. Es erblickte eigentlich als ein Frühwerk des Pariser Operettenstars Jacques Offenbach das Bühnenlicht. Mit Urheberrechten nahm man es damals nicht so genau, da war es gang und gäbe, dass einer vom anderen abkupferte.

Und Nestroy schrieb zudem nicht nur um der Kunst willen, er schrieb auch für die Kasse und für sich als Schauspieler. Als er 1861 bei einem Gastspiel das Offenbachensemble in Wien mit ebendieser Operette sieht, ist klar: dieser Häuptling ist auch etwas für mich. Er verfertigt eine Neufassung, in der es um einiges ausdrucksvoller, ironischer, dazu auch wienerischer zugeht als im Original, voller aktueller Anspielungen. Immerhin sind die europäischen Großmächte gerade dabei, die Welt unter sich neu aufzuteilen, und Österreich-Ungarn ist nur Zaungast. Im Gewand des Buffo-Spektakels offeriert Nestroy eine parodistische Polemik gegen diesen Kolonialimperialismus.

Wie in Wien ist es auch in Brandenburg der Prinzipal selbst, der die Hauptrolle spielt, Hank Teufer, Chef des havelstädtischen Event-Theaters. Nach vielerlei sommerlichen Überraschungen in den Vorjahren hat er diesmal ein Stück ausgegraben, über das die Theatergeschichte eigentlich längst hinweggegangen zu sein schien. In der Regie von Alexandra Wilke können die Akteure ihrer Spielfreude freien Lauf lassen. Klar, der Abendwind ist eine große Rolle für einen gestandenen Schauspieler. Da braucht es Machtlust und Herrscherpose, aber doch auch Wärme und Fürsorge, Witz und Verschlagenheit. Mit Verve spielt Teufer die Facetten dieses Mannes aus. Neben ihm als Biberhahn Folke Paulsen, ein Widerpart, dem nicht so leicht die Butter vom Brot zu nehmen ist. Der eine mit dem Federschmuck eines großen Häuptlings, der andere mit Biedermeierhut, Krachledernen und einem Dialekt, der nebenher noch einmal auf die Herkunft des Stückes verweist.

Wie sich im Verlauf des Abends herausstellt, ist der angespülte Fremde (Nico Will) von Berufs wegen ein Friseur, und natürlich bezirzt er mit seinen Haarkünsten rasch die Häuptlingstochter (Simone Neuhold). Allerdings ist dieser Artur kein Tourist, Missionar oder Entdeckungsreisender, sondern er will seinen Vater treffen. Und wie es das Theaterleben so will: Biberhahn ist gekommen, weil er einen Sohn aus der Fremde erwartet. Doch als das Festessen serviert wird, ist der junge Mann spurlos verschwunden. So wie dereinst auch erst die Ehefrau des einen, dann die des anderen Häuptlings. Es ist dies eine Welt, in der „zum Fressen gern“ noch seine ursprüngliche Bedeutung hat.

Teufers Truppe spielt die Klamotte voller Hintersinn mit Lust am schwarzen Humor, verstärkt mit Hulahula-Halligalli und etlichen anderen musikalischen Einlagen, die natürlich aus der Feder von Jacques Offenbach stammen. Das alles passiert auf einem einfachen Podest, einem Konstrukt aus Europaletten, wie das die jungen Leute heute mögen, darauf der Paletten-Thron, dazu ein Uralt-Campinganhänger, ein bisschen Biopflanzgut in Ökobehältnissen und als Garnierung Strandgut vom Plastmüll bis zu einem Marx-Engels-Band. Alles in allem ein so kurzweiliger wie unterhaltsamer Abend, der vom Premierenpublikum mit viel Beifall aufgenommen wurde.

Nächste Vorstellungen am 11./12. und 18./19. August, jeweils um 20 Uhr. Karten unter 03381/220690.

Von Frank Starke