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Brandenburg/Havel Volles Rohr: Wärme aus Premnitz
Lokales Brandenburg/Havel Volles Rohr: Wärme aus Premnitz
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11:50 27.01.2019
Die Fernwärmeleitung soll von der Verbrennungsanlage in Premnitz bis nach Brandenburg geführt werden. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Brandenburg/H

Die Fledermäuse und Eidechsen sind bereits gezählt, die Biotop-Kartierung ist erfolgt. Ein Planer-Team ist jeden Meter auf der etwas mehr als 20 Kilometer langen Trasse zwischen Premnitz und Brandenburg an der Havel abgegangen und hat alles erfasst, was für den Bau einer Fernwärmeleitung zwischen der Abfallverbrennungsanlage und der Havelstadt wichtig ist.

„Ich rechne damit, dass wir bis zum Jahresende mit dem Planfeststellungsverfahren fertig sind, erst dann geht es an konkrete Baukostenermittlungen und an Ausschreibungen“, sagt Stadtwerkegeschäftsführer Gunter Haase.

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Bis zu 14 bar Druck im Rohr

Die Leitung ist 20 Kilometer lang, das Rohr hat einen Durchmesser von 300 bis 350 Millimetern.

Die Fernwärme wird mit 12 bis 14 bar Druck losgeschickt, unterwegs beträgt der Druckverlust etwa 9 bar, 3 bis 4 bar reichen aber zum Verteilen in der Stadt.

Die Rohrwandungen sind auf 16 bar Druck maximal ausgelegt.

Eine Druckerhöhungsstation unterwegs wird nicht benötigt, wenn die Trasse weitgehend gerade verläuft.

Im Rohr sind bei vollem Betrieb insgesamt 3500 Kubikmeter Wasserdampf.

Das Vorhaben gilt als ambitioniert: Das StWB-eigene Gaskraftwerk könnte abgeschaltet und die Fernwärme aus der Müllverbrennungsanlage Premnitz importiert werden – dazu bedarf es einer 20 Kilometer langen Rohrleitung und des guten Willens vieler Behörden. Erste Kostenschätzungen liegen bei 30 bis 35 Millionen Euro, die Stadtwerke müssten einen Finanzierungsanteil von 40 bis 45 Prozent leisten. Der Rest wird wahrscheinlich gefördert: Der Bund mit seinem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert über die Bundesstelle für Energieeffizienz (BfEE). Ein achtstelliger Betrag von etwa 15 Millionen Euro wird auch von der Landesregierung signalisiert. Sie sieht hier ein Leuchtturm-Projekt für das Vermeiden von Kohlendioxid und Einsparen von fossilen Brennstoffen.

Immerhin könnten mit dem Projekt auf einen Schlag 65.000 bis 70.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart werden.

500.000 Euro hatten die Stadtwerke seit der ersten Idee im Jahr 2017 in Vorbereitung und Planung gesteckt, für dieses Jahr haben die Stadtwerke noch einmal 400.000 Euro dafür eingeplant. Es gibt noch nicht ganz so viele Referenzprojekte in Deutschland – nur in Mannheim (Fernwärmeversorgung für Speyer) sowie Hamm und Aachen. Noch gibt es auch Unwägbarkeiten – etwa zum Verlauf der Trasse. „Es macht schon finanziell einen Riesenunterschied aus, ob und an welchen Stellen wir die Leitung oberirdisch führen können und wo wir sie unterirdisch verlegen müssen“, sagt Haase. 1000 bis 1200 Euro kostet der Meter Rohr über dem Boden, um die 3000 Euro in der Erde. Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Eingriffe in die Natur müssen zudem verhandelt werden.

Haase und sein Geschäftsführerkollege Uwe Müller wollen demnächst in alle Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung gehen, um das Projekt vorzustellen, erste Termine gibt es bereits. Auch sollen alle Mitglieder des Aufsichtsrates mit einer umfangreichen Dokumentation versorgt werden. Aus dem Gremium hatte es teilweise Kritik über unzureichende Informationen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen gegeben. „Die Kritik mag teilweise berechtigt gewesen sein, doch bislang brauchten wir noch keinen formalen Beschluss des Aufsichtsrates, haben diesen allerdings mündlich über unsere Schritte informiert“, sagt Haase. Vor Beschlüssen seien alle Aufsichtsratsmitglieder im Bilde, „notfalls hole ich den Wirtschaftsminister her, der im Gremium über das Vorhaben und seine Einordnung referiert“, verspricht der Geschäftsführer.

Gleichwohl sollen Wirtschaftlichkeit, Baukosten und Preise immer wieder beachtet werden. Man wollen eine grüne Fernwärme, Kunden sollten diese nicht über höhere Preise finanzieren.

Deshalb werden parallel auch andere Möglichkeiten über moderne Blockheizkraftwerke untersucht, die deutlich effizienter sind als das 1996 errichtete Heizkraftwerk in der Upstallstraße.

Von André Wirsing