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Brandenburg/Havel Foodsharing: Wie Brandenburger 1021 Kilo Lebensmittel retten
Lokales Brandenburg/Havel Foodsharing: Wie Brandenburger 1021 Kilo Lebensmittel retten
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19:46 03.07.2019
Jessica Schulz (vorn) und Susan Griesbach kochen aus geretteten Lebensmitteln eine Mangold-Zucchinipfanne.
Jessica Schulz (vorn) und Susan Griesbach kochen aus geretteten Lebensmitteln eine Mangold-Zucchinipfanne. Quelle: André Großmann
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Brandenburg/H

Lebensmittel retten Jessica Schulz, Susan Griesbach und Juliane Klare vor der Mülltonne. Die Frauen werfen kein Essen weg und servieren stattdessen ein „Beste Reste“-Menü. Dazu gehören Nudeln mit Tomatensauce aus einer Kita, Mangold und Zucchini aus eigenem Anbau und Joghurt, den Juliane Klare zwei Tage zuvor als Rest von einem Büffet mitnahm.

Brandenburger Foodsharer bewahren 1021 Kilogramm Lebensmittel vor der Mülltonne und geben Essensreste an Privatpersonen weiter.

273 Rettungseinsätze für Lebensmittel

Die Brandenburgerinnen sammeln übrig gebliebene Nahrungsmittel von Betrieben und verteilen die Konsumgüter anschließend an Privatleute. Sie engagieren sich ehrenamtlich bei der Initiative „Foodsharing“ und ziehen eine Bilanz.

Aktuell hat Foodsharing Brandenburg/Havel 35 Essensretter, die innerhalb eines Jahres 273 Rettungseinsätze meisterten und 1021 Kilogramm Lebensmittel vor der Mülltonne bewahrten. Das Engagement der Foodsharer startete im Mai 2018 mit einer Auftaktveranstaltung im Haus der Offiziere. Vier Betriebe kooperieren mit der Initiative und geben Erzeugnisse weiter.

Tipps für den Lebensmittelkauf

„Für mich ist dies die richtige Art zu handeln. Wenn man an die Verschwendung, Massenproduktion und den Müll in unserer Gesellschaft denkt, will ich dazu beitragen, das Bewusstsein für diese Probleme zu steigern“, sagt Susan Griesbach. Die 36-Jährige will ein Vorbild für Familienmitglieder, Freunde und Bekannte sein und kauft so ein, dass sie ihre Lebensmittel direkt verzehrt und auf Verpackungen verzichtet.

Sie empfiehlt Verbrauchern, nicht hungrig einzukaufen. „Es ist sinnvoll, sich vorab überlegen, was wirklich benötigt wird“, sagt die Brandenburgerin. Sie stellt verbleibende Speisereste in den Kühlschrank und wirft diese nicht weg. „Wenn mehr Menschen mithelfen, können weitere Lebensmittel gerettet und die Welt ein Stück besser gemacht werden“, sagt sie der MAZ.

Anmeldung per Online-Plattform

Doch wie funktioniert die Lebensmittelrettung? Unterstützer registrieren sich hierzu bei der Internetplattform foodsharing.de und können Nahrung, die nicht mehr benötigt wird, in so genannten Essenskörben anbieten. Dies geschieht ohne Bezahlung, Foodsharer sehen auch, wer Lebensmittel in der Nähe abgibt.

Um Nahrungsmittel von Unternehmen abzuholen und damit ein Foodsaver zu werden, unterschreiben Ehrenamtler einen Haftungsausschluss, absolvieren ein Quiz und nehmen an bis zu drei Abholungen mit einem erfahrenen Essensretter teil. Bei kooperierenden Betrieben erhalten die Foodsharer dann übrig gebliebene Lebensmittel.

Bislang ein „Fair-Teiler“ in der Havelstadt

Privatpersonen können Lebensmittel hingegen in öffentlichen „Fair-Teilern“- retten. An diesem Ort werden Kühlschränke und Regale befüllt und Lebensmittel kostenlos entnommen. Der erste „Fair-Teiler“ der Havelstadt steht seit September 2018 im Wichernhaus in der Hauptstraße 66.

Da vor Ort keine Kühlung möglich ist, empfiehlt Chemikerin Juliane Klare, Back-, Trockenwaren und Konserven zu verwenden. Die Lebensmittelretter wünschen sich einen weitere Anlaufstelle in der Havelstadt und denken über einen Kühlschrank für Lebensmittel an der Technischen Hochschule Brandenburg nach.

Hoffnung auf einen Wandel

82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger laut Statistiken jährlich in den Müll. Jessica Schulz hofft auf einen „Wertewandel“ und mehr Nachhaltigkeit der Havelstädter. „Früher habe ich oft Pilze von meinem Teller geschoben und keine Lebensmittel gegessen, die eine kleine Druckstelle hatten“, sagt die 30-Jährige. Sie hat ihr Verhalten überdacht und empfiehlt Verbrauchern, Obst und Gemüse bei kleineren Mängeln nicht sofort wegzuschmeißen.

Foodsharer nutzen ihre Sinne

„Es ist wichtig, zuerst seine Sinne einzusetzen“, sagt Mitstreiterin Susan Griesbach, die das Essen sieht, riecht und dann verkostet. „Nicht alle Lebensmittel, die ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum haben, sind gleich giftig. Es gibt Menschen, die etwas skeptisch sind und das Foodsharing ablehnen, aber das Bewusstsein, weniger Lebensmittel wegzuwerfen steigt“, sagt Juliane Klare der MAZ.

Nicht alle Zutaten des Drei-Gänge-Menüs landen im Magen der Foodsharer. „Doch hier kommt ja nichts weg“, sagt Jessica Schulz. Sie transportiert Fischragout mit Dillsauce im Eimer, Hefewürfel in einer Tupperwarendose und nimmt Fladenbrot mit. Einige Lebensmittel will sie an ihre Nachbarn weitergeben, mit anderen ihre Kollegen auf der Arbeit versorgen.

Info: Ein Foodsharing-Infoabend findet am 16. Juli statt. Ehrenamtler erklären Brandenburgern ab 18.30 Uhr am Packhofufer, wie sie Lebensmittel retten können. Wer die Initiative unterstützen möchte und Fragen hat, kann eine E-Mail an j.schulz@foodsharing.network senden.

Von André Großmann