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Brandenburg/Havel Brandenburgerin landet Facebook-Hit
Lokales Brandenburg/Havel Brandenburgerin landet Facebook-Hit
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08:30 28.08.2014
Quelle: Screenshot Facebook
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Brandenburg an der Havel

Die weltweite "Ice Bucket Challenge" ist mehr als ein Internet-Hype. Politiker machen mit und kippen sich eiskaltes Wasser über den Oberkörper. Auch der Politiker Siegmar Gabriel (SPD), Fußballer Mats Hummels, Schauspieler Matthias Schweighöfer und Sängerin Helene Fischer rufen mit dieser Aktion zum Spenden auf: für die Erforschung der Krankheit ALS.

Doch kein Prominenter hat bisher im Internetnetzwerk Facebook eine solche Resonanz hervorgerufen wie die Brandenburger Medizinstudentin Katharina Schüler (25). Sie hat offenbar den richtigen Nerv getroffen. Dabei hat sich Katharina Schüler nicht einen Tropfen des eiskalten Wassers über ihren Kopf geschüttet.

Mehr als 150.000 Mal geteilt

Ihr Schwarz-Weiß-Video auf Facebook haben bisher mehr als 150.000 Nutzer mit wieder anderen Nutzern geteilt. Das heißt, sie haben den Film an all ihre Freunde weitergeleitet und so eine Internetlawine ausgelöst. Katharina Schüler dürfte inzwischen gut und gerne eine Million Menschen mit ihrem kleinen Film erreicht haben. Und nicht nur das. Offenbar spenden nun hunderte, wenn nicht tausende Fremde für den guten Zweck, die unheilbare, schlimme Krankheit besser zu erforschen.

„Mich erreichen jede Stunde mehr Nachrichten und Glückwünsche, als ich überhaupt lesen kann“, sagt die Brandenburgerin, die in Greifswald im siebten Semester Medizin studiert und an ihrer Doktorarbeit schreibt.

Aufklärung ohne Worte

Am vergangenen Samstag hatte sich Katharina Schüler, von solchen Reaktionen nichts ahnend, mit ihrem Laptop an den Schreibtisch gesetzt. Sie hatte DIN-A-4-große Zettel vorbereitet. Den ganzen Drei-Minuten-Film lang spricht sie kein Wort. Sie winkt in die Kamera, zeigt einen Becher mit Wasser vor, schüttet dann aber pantomimisch doch nur ein leeres Glas über ihr Haupt.

Katharina Schüler geht es um den Ursprung der Icebucket-Aktion. Sie klärt im Folgenden mit Schrifttafeln, die sie in die Kamera ihres Laptops hält, über die Krankheit ALS auf, in verständlichen Worten. Die Zuschauer werden neugierig, wie es wohl weitergeht, zumal Katharina Schüler ihre Botschaften mit gekonntem Mienenspiel untermalt. Sie erklärt, wie es ALS-Kranken ergeht, die in einem bestimmten Stadium weder schlucken, sprechen noch gehen können und meist an einer Atemlähmung sterben.

Ihre letzte Videobotschaft

Die Studentin spendet 20 Euro für die ALS-Association, denn: „Eis kann schmelzen. Finanzielle Hilfe kann die Forschung vorantreiben.“ Anschließend stellte sie ihren Film in Facebook. Erst reagierten die engsten Freunde, am Montagnachmittag hatten gut 200 Facebook-Nutzer, größtenteils Freunde, das Video geteilt. Am gleichen Abend waren es 2000, am nächsten schon mehr als 100.000. „Das ist für mich völlig unfassbar, welche Kreise das zieht“, sagt die Frau, die als Katharina Hercules auf Facebook zu finden ist. „Es nimmt alles kein Ende, ich bin total perplex, wie mein kleiner Film zum Selbstläufer wird.“

Drei Fragen an

Wolfgang Reitsch ist der Vorsitzende des DRK-Regionalverbands Brandenburg an der Havel. Die MAZ sprach mit ihm über Sinn und Unsinn von Spendenaktionen wie der „Ice Bucket Challenge“.

1. Haben Sie sich schon einen Eiskürbel über den Kopf geschüttet?

Wolfgang Reitsch: Dafür bin ich nicht unbedingt der Typ, aber grundsätzlich begrüße ich jeden Anlass, um auf menschliche Not aufmerksam zu machen und um Spenden zu werben. Bei der „Ice Bucket Challenge“ frage ich mich allerdings, ob über den Spaß an der Aktion nicht der Inhalt vergessen wird.

2. Wenn es keinen Spaß machen würde, würden sich viel weniger Menschen beteiligen.

Reitsch: Natürlich ist das ein interessanter Weg, um Spenden einzuwerben. Aber wenn es die Leute nur aus Spaß machen, ist das nur die halbe Miete. Das Interesse an ALS wird wieder verfliegen, sobald der Hype vorbei ist. Abgesehen davon ist es eine sehr seltene Krankenheit. Ich frage mich, ob die ganze Aufmerksamkeit nicht etwas überzogen ist, zum Beispiel angesichts der Flüchtlingsströme in den arabischen Ländern oder der Ebola-Epidemie in Westafrika.

3. Keine Themen, die sich für spaßige Aktionen eignen.

Reitsch: Nein, und darum würde ich mir wünschen, dass der ernsthafte Umgang mit einem Thema einen ähnlichen Effekt hätte wie die „Ice Bucket Challenge“ für das Thema ALS. Aber Ernsthaftigkeit verfängt leider nicht so gut.

Interview: Martin Küper

Am Montag hatte die Brandenburgerin einen Anflug der Verzweiflung.

Sie fühlte sich wie der Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wurde. „Hätte ich das doch nicht angefangen“, klang sie verzagt. Doch am Tag danach ist sie gerührt und froh, dass ihre Botschaft angekommen ist. 100 oder 200 Leute haben mir geschrieben, dass sie jetzt auch spenden“, erzählt sie. Die eigenen Eltern und wildfremde Menschen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, Italien und Belgien.

„Ice Bucket Challenge“

  • Das Internet-Phänomen begann im Juli in den USA. Wer von Freunden für die „Ice Bucket Challenge“nominiert wird, hat die Wahl: sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf schütten oder Geld für ALS-Erkrankte spenden. Allein in den USA wurden bislang fast 80 Millionen Dollar gesammelt. In den Berliner Charité gehen zurzeit 20 Mal so viele Spenden ein wie üblich.
  • Bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) verfallen die Nervenzellen, die für Muskelbewegungen zuständig sind. Die Betroffenen können sich innerhalb weniger Jahre nicht mehr bewegen, sprechen oder atmen.

Menschen erzählen ihr von einem Arbeitskollegen, der ALS hat, und für den sie nun eine große Sammelaktion gestartet haben. Eine junge Frau schreibt an Katharina Schüler, wie ihre Großmutter an der Krankheit gestorben ist und wie froh sie ist, dass die Brandenburger Studentin mit ihrem Film wieder an den eigentlichen Sinn der Eiswasseraktion erinnert habe.

Katharina Schüler: Bei eiskaltem Wasser ist der Körper kurz lahmgelegt, die Atmung setzt ganz kurz aus. So ähnlich ist das auch für ALS-Kranke.
Nach ihrem Studium wird die Brandenburgerin als Ärztin zurück in ihre Heimatstadt kehren und im Städtischen Klinikum arbeiten, das sie mit einem Stipendium unterstützt.

Von Jürgen Lauterbach und Martin Küper

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