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Brandenburg/Havel Kirchen: Immer mehr Schäflein wenden sich ab
Lokales Brandenburg/Havel Kirchen: Immer mehr Schäflein wenden sich ab
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00:16 07.02.2017
Leere Stuhlreihen im Brandenburger Dom.
Leere Stuhlreihen im Brandenburger Dom. Quelle: Jörg Leickner
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Brandenburg/H

Der große Tisch im Sitzungssaal im Gemeindehaus der Brandenburger Sankt- Katharinengemeinde ist beinahe leer. Noch immer ziert ihn Weihnachtsdekoration. Pfarrer Jens Meiburg zieht einen Stuhl vor und setzt sich. Er ist Brückenpfarrer in der evangelischen St. Gotthardt- und Christuskirchengemeinde und St. Katharinenkirchengemeinde sowie stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises Mittelmark-Brandenburg.

Seine Hände umschließen eine heiße Kaffeetasse. Nachdenklich blickt er aus den hohen Fenstern. „Das Thema leere Gottesdienste gibt es schon so lange wie es Gottesdienste gibt“, sagt Meiburg. „Schon in der Bibel wird zum Thema Gottesdienst und Gemeinde kontrovers diskutiert.“ Durchschnittlich kommen jeden Sonntag 50 bis 70 Menschen in seinen Gottesdienst. Von 27372 Kirchenmitgliedern des Kirchenkreises Mittelmark-Brandenburg.

In einer Zeit, in der soziale Netzwerke reale menschliche Interaktion zusehends ersetzen, in der der Alltag durch Hektik bestimmt wird, in der man immer und überall erreichbar ist, hat der christliche Glaube für viele Menschen keinen Platz mehr. Sie treten aus der Kirche aus, bleiben dem Gottesdienst für lange Zeit fern, engagieren sich nicht in der Gemeinde. Etwas über eine Million Mitglieder hat die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), zu der der Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg gehört. Allein 2015 sind 12 503 Menschen ausgetreten. Ihnen standen 905 Eintritte im selben Jahr gegenüber. Im Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg waren es 185 Austritte und 16 Wiedereintritte im Jahr 2016.

Pfarrer Jens Meiburg ist Pfarrer und Vize-Superintendent. Quelle: Annika Jensen

Wie geht seine Kirche damit um? Jens Meiburg lächelt. „Das Thema ist nicht neu. Gesellschaftliche Entwicklungen und demografischer Wandel haben der Kirche immer zugesetzt. Wir bemühen uns aber zum Beispiel, attraktive Gottesdienste zu gestalten.“ Es gibt Familiengottesdienste, Gottesdienste in leichter Sprache. Einmal im Monat versammelt sich ein Gesprächskreis. Die Menschen dort diskutieren die Frage: Was können wir tun, um wieder mehr Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern? Außerdem gibt es immer wieder einzelne Projekte. So etwa das Musicalprojekt. Kinder und Eltern singen gemeinsam.

In diesem Jahr treten sie mit ihrem Stück auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Mai auf. Um Menschen für den Glauben zu begeistern, ist für Meiburg zudem die persönliche Begegnung wichtig. Die St. Gotthardtkirche und die St. Katharinenkirche sind offene Kirchen. Jeder kann vorbeischauen und sich die Kirchen ansehen. „Das ist großartiges ehrenamtliches Engagement der Kirchenwächter, auch in Hinblick auf die Menschen, die vorbeikommen, die Kirchen besichtigen und etwas suchen, das Gebet etwa. So kommt es zu Begegnung und Austausch.“

In diesem Jahr jährt sich Martin Luthers Thesenanschlag. Meiburgs Kalender ist voll. Der Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg ist eine der gastbegebenden Kirchenkreise des Deutschen Evangelischen Kirchentages Ende Mai. Musik, Picknick, Unterbringung – überall mischen die Brandenburger mit. In der St. Gotthardt-Kirche, eine Kirche, deren Inneraum stark durch die Reformation geprägt ist, ist eine Ausstellung zur Reformation geplant.

Der Gottesdienst am 31. Oktober wird ein besonderer: Abschluss der Reformationsausstellung, Aufführung der Bachkantante, gemeinsamer Gottesdienst aller drei evangelischen Gemeinden in der Stadt, die Predigt hält Generalsuperintendent i.R. Rolf Wischnath.

Auch die katholische Kirche in Brandenburg kämpft mit dem Problem, dass immer weniger Menschen sich für den christlichen Glauben interessieren und engagieren. Allerdings erst auf den zweiten Blick. Seine Gemeinde sei schwach am Wachsen, sagt Pfarrer Matthias Patzelt. „Ich denke, dass der Grund dafür der demografische Wandel ist“, sagt er.

Derzeit zählt er in seiner Gemeinde, zu der auch Kloster Lehnin und Jeserig gehören, 2700 Schäflein. Jeden Sonntag kommen etwa 360 von ihnen in seinen Gottesdienst. Der zweite Blick offenbart: Auch er muss sich Gedanken darum machen, wie seine Kirche wieder mehr Menschen für den christlichen Glauben begeistern kann. Patzelt stellt sich vor den operativen Schritten allerdings zunächst eine andere Frage: „Für uns ist die Frage ’Was machen wir?’ nicht so brennend wie die Frage ’Wer sind wir?’.“

Letztlich spiele für ihn aber auch die persönliche Begegnung eine große Rolle, wenn es darum geht, Menschen außerhalb der Kirche von Christus zu überzeugen. „Jeder Gläubige gibt der Kirche ein Gesicht, welcher Richtung auch immer.“ Davon sind auch die Gemeindemitglieder Carina und Reik Donner überzeugt. Das Ehepaar engagiert sich seit vielen Jahren in der katholischen Gemeinde. Sie ist Dekanatsratsvorsitzende und leitet den Kindergarten. Er leitet die Familien-Schola. „Warum kommen Menschen zum Glauben?“, fragt Carina Donner. „Es muss einen Initiator geben.“ Ihr Partner ergänzt: „Es läuft viel über das persönliche Miteinander. Freunde und Bekannte legen Zeugnis ab, was sie umtreibt.“

Nicht anders lief es bei ihnen. Carina Donner war immer praktizierende Katholikin. Zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens konnte Reik Donner mit dem christlichen Glauben nichts anfangen. Das änderte sich. „Ich habe gemerkt, dass ihr das Thema wichtig war und dass ich das nur verstehe, wenn ich mir ihre Aktivitäten ansehe und sie begleite.“ Dieser Prozess dauerte zwei Jahre.

Die persönliche Begegnung mit Menschen außerhalb der Gemeine, mit Menschen, die mit dem christlichen Glauben wenig am Hut haben, sucht Pfarrer Patzelt in verschiedenen Veranstaltungen in seiner Kirche. „Wir haben eine Reihe, die heißt das Einmaleins des Christentums“, erzählt er. „An regelmäßigen Abenden setzen wir uns mit Glaubens- und Lebensfragen auseinander: was ist der Kirchenjahreskreis, welche Feste gibt es und warum? Demnächst haben wir einen Vortrag, bei dem es um Urknall und Schöpfung geht, sprechen wird ein Physiker.“

Von Annika Jensen