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Brandenburg/Havel Ruhestörung in der Brandenburger City: Dann sollen sie halt einfach nicht da wohnen
Lokales Brandenburg/Havel

Kommentar zur Ruhestörung in der Brandenburger City: Dann sollen sie halt einfach nicht da wohnen

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12:49 27.08.2021
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Brandenburg/H

Man stelle sich das mal vor: Da bezieht man seine schöne, mit Stuck verkleidete und durchsanierte Altbau-Wohnung mitten in der Innenstadt von Brandenburg an der Havel, weil man hier nah dran ist am Leben (tagsüber!) – vielleicht auch am Arbeitsplatz – und es auch nicht weit zum gemütlichen Sonntags-Schlendergang an der Havel hat. Der Rewe-Markt und alle denkbaren Dienstleistungen sind nur einen Steinwurf entfernt. Und wenn dann beim abendlichen Pastakochen auffällt, dass irgendwer schon wieder die Tomaten-Passata der Marke Mutti weggelöffelt hat, dann ist der Gang zum nahen Kiosk auch zu Zeiten gar kein Problem, wenn die Supermarkt-Mitarbeiter schon im wohlverdienten Feierabend weilen. Könnte alles so schön sein. Und dann das!

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Kneipenkultur? Fehlanzeige!

Lungern doch tatsächlich junge Leute noch nach dem Tatort-Abspann in der Hauptstraße rum, gönnen sich ein kühles Hopfengetränk, das sie sich im Späti gegenüber (dem mit der Tomatensauce) geholt haben – und machen das, was junge Leute in einer lauen Sommernacht eben so tun. Skandal!

Es ist ja nun nicht so, dass sich die Brandenburger City nach Einbruch der Dunkelheit in den letzten Jahren überregional als Epizentrum der Kneipenkultur einen Namen gemacht hat. Nee, ganz im Gegenteil: Totentanz herrscht hier, und das hat mit Corona wenig bis gar nichts zu tun. Es gibt in der Straße genau zwei (!) Lokalitäten, die mit etwas ausgedehnteren Öffnungszeiten glänzen – das sind erwähnter Kiosk und die Ambrosius-Pinte nebenan. Die halten also quasi die Versorgungsfahne für alle Durstigen hoch, die nach Feierabend nicht die höchste aller Erfüllungen darin sehen, eins mit dem Wohnzimmer-Sofa zu werden.

Lesen Sie auch den Gastbeitrag eines Anwohners aus der Hauptstraße: „Das Gewohnheitsrecht auf Randale scheint sich durchzusetzen“

Hochgeklappte Bürgersteige ab 19 Uhr

Nicht falsch verstehen: Sollten die Kiosk- und Kneipenbesucher tatsächlich an Hauswände uriniert haben, ist das unschön und auch ein bisschen eklig, ja. Aber bitteschön, welche Art Innenstadt wollen wir denn haben? Eine, in der immer mehr Geschäfte dicht machen und in naher Zukunft schon mit Geschäftsschluss bei Rossmann um 19 Uhr die Bürgersteige final hochgeklappt werden? Weiterhin pure Tristesse, leere Straßen in den Abendstunden? Oder vielleicht doch irgendwann mal wieder ein bisschen mehr Trubel, Heiterkeit, gute Laune? Ein Angebot eben, das Nachtschwärmer und Kneipengänger aller Couleur anlockt, für Vielfalt und Austausch, einfach für ein Miteinander sorgt – ausdrücklich auch nach 22 Uhr, zumindest am Wochenende? Es muss ja nicht gleich zugehen wie auf der Schanze in Hamburg oder an der Warschauer in Berlin – wobei die Leute da lustigerweise ja sogar astronomische Mieten zahlen, gerade um diese Art von pulsierendem Gewusel hautnah miterleben zu können.

Die Online-Leser der MAZ bringen es als Reaktion auf die Berichterstattung ja irgendwie auf den Punkt: „Ist den gestörten Anwohnern bewusst, dass sie in der Innenstadt leben?“, „Hab gehört, in Hohenstücken sind Wohnungen frei und ruhig soll es da auch sein“ oder „Dann sollen sie da einfach nicht wohnen. Punkt.“ ist da unter anderem in der Kommentarspalte zu lesen. Was soll ich sagen: ist was dran.

Von Philip Rißling