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Brandenburg/Havel Zaira (10) totgefahren: Lkw-Fahrer zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt
Lokales Brandenburg/Havel Zaira (10) totgefahren: Lkw-Fahrer zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt
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14:02 23.11.2018
Ein weißes Fahrrad erinnert an der Kreuzung Upstallstraße/Rathenower Landstraße im Brandenburger Stadtteil Höhenstücken den tragischen Unfall am 24. Januar 2018, bei dem das zehnjährige Mädchen starb. Quelle: Rüdiger Böhme
Brandenburg/H

Das Amtsgericht Brandenburg/Havel hat an diesem Freitagvormittag den 62 Jahre Fritz D. wegen fahrlässiger Tötung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Berufskraftfahrer aus dem Havelland hatte mit seinem Lastwagen am 24. Januar im Stadtteil Hohenstücken eine zehn Jahre alte Radfahrerin überfahren und tödlich verletzt hat.

Wer den öffentlichen Prozess verfolgen will, wird am Eingang des Gerichts zunächst kontrolliert. Offenbar will die Brandenburger Justiz sicher gehen, dass der Angeklagte seinen Prozess körperlich unversehrt übersteht. Das anschließende Verfahren, in dem Zairas Mutter Nebenklägerin ist, läuft alles ruhig und besonnen ab.

Am Eingang des Amtsgerichtes Brandenburg/Havel wurden die Besucher am Freitagmorgen kontrolliert, ehe sie den Verhandlungssaal betreten durften. Quelle: Rüdiger Böhme

Das Opfer des tödlichen Verkehrsunfalls war ein Kind aus Tschetschenien. Zaira hatte am Nachmittag des 24. Januar mit ihrem Fahrrad an der Kreuzung Upstallstraße/ Rathenower Landstraße vor der roten Ampel gewartet. Der angeklagte Lastwagenfahrer hatte die Kleine übersehen und mit der hinteren linken Achse seines Wagens überrollt und getötet.

Sekundenbruchteile haben das Leben des Mädchens beendet, das sich, nach allen, was bekannt ist, korrekt verhalten hat an jenem Mittwochnachmittag gegen 16.15 Uhr.

Soweit sich der Unfall rekonstruieren lässt, zeigt die Fußgänger- und Radfahrerampel zur fraglichen Zeit grün, als sich das Kind der Kreuzung nähert, um gerade aus weiter in die Rosa-Luxemburg-Allee zu radeln.

Vor dem weißen Lieferwagen hält Zaira noch

Zaira bremst offenbar noch, weil ein weißer Lieferwagen, der vor dem Unglücksfahrer abbiegt, ihr die Vorfahrt nimmt. Dann fährt sie bei Grün weiter und im nächsten Moment erfasst sie mit etwa 16 Stundenkilometern der folgende rechts abbiegende Kipper, der auf dem Weg zu einer Baustelle ist.

Staatsanwalt Tom Köpping und in seinem Urteilsspruch auch Richter Hans von Bülow erkennen mangelnde Sorgfalt beim Fahrer, die sie als ein „Augenblicksversagen“ werten.

Zwar stellt der sachverständige Unfallgutachter Karsten Laudien fest, dass Fritz D. von seinem Fahrersitz aus mit mehreren toten Winkeln konfrontiert war und das Kind wahrscheinlich schwer zu sehen war.

Gefühlt wie im Film

Doch wäre der Lkw-Fahrer womöglich kurz aufgestanden oder hätte im richtigen Moment durch das Beifahrerfenster auf den Rad- und Fußweg geschaut, dann hätte er den tödlichen Unfall vermeiden können. Er hätte sich beim Abbiegen besonders vorsichtig in die Kreuzung vortasten müssen. Gerade auch, weil er Berufsfahrer ist und die Gefahren kennen müsste – auch aufgrund ähnlicher Verkehrsunfälle zum Beispiel in Berlin.

Erhöhte Sicherheitsstufe: Wer den Prozess gegen den Lkw-Fahrer verfolgen möchte, der am 24. Januar die Radfahrerin Zaira (10) überrollt und getötet hat, muss sich am Eingang des Amtsgerichts Brandenburg kontrollieren lassen. Alles bleibt ruhig. Zehn Monate haft auf Bewährung lautet am Ende das Urteil.

Fritz D. entschuldigt sich „aus vollem Herzen“ bei der im Gerichtssaal anwesenden Mutter des getöteten Kindes. Den Unfallablauf schildert er, so wie er sich daran erinnert, aber an entscheidenden Punkten falsch. Er räumt ein, dass er „abgelenkt gewesen“ sein muss. Gehört habe er nur ein ganz leises Buff. Er habe daraufhin angehalten und sei ausgestiegen.

„Ich habe mich gefühlt wie im Film“, berichtet Fritz D. Zeugen hätten sich gleich um das Mädchen gekümmert. „Ich stand da wie ein Deppel“, beschreibt er seine Hilflosigkeit in dem Moment.

Berufskraftfahrer seit 1974

Fritz D. ist seit dem Jahr 1974 Berufskraftfahrer und hat den betreffenden Kipper schon sehr lange gefahren. Nach dem Unfall ist er nie wieder hinters Steuer gegangen. Seinen Beruf hat der Mann, der sich in psychologischer Behandlung befindet, aufgegeben.

Der Unglücksfahrer lebt seit seiner Kündigung vom Arbeitslosengeld. „Es ist nicht einfach, schließlich habe ich selbst drei Enkelkinder“, sagt der Angeklagte.

Für das Gericht ist es nicht einfach, eine angemessene Strafe zu finden für den Mann, der sein Berufsleben lang keine Straftat begangen hat und nun relativ kurz vor dem Ruhestand wegen eines Tötungsdeliktes vor Gericht steht. Eine Geldstrafe kommt nicht in Betracht wegen der schlimmen Konsequenz dieser Unachtsamkeit.

Urteil ist schon rechtskräftig

Das Gericht folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängt die zehnmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung. Auflagen bürdet Richter von Bülow dem 62-Jährigen nicht auf, in dessen Situation sich wohl alle im Gerichtssaal hineinversetzen können. Weil alle Beteiligten das Urteil annehmen, wird es sogleich rechtskräftig.

Das Unfallopfer Zaira lebte bis zu dem schrecklichen Unfall mit ihrer aus Tschetschenien stammenden Familie in der Flüchtlings-Sammelunterkunft in der Upstallstraße, also nur wenige Meter von der Unfallstelle entfernt.

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