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Brandenburg/Havel Die Hölle vom Görden: So überlebte Honecker den Nazi-Knast
Lokales Brandenburg/Havel Die Hölle vom Görden: So überlebte Honecker den Nazi-Knast
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14:45 16.01.2020
Erich Honecker, der ehemalige sowjetische Botschafter Pjotr Abrassimow und der damalige Gefängnisleiter Fritz Ackermann (von links) besuchen am 26. April 1975 die Gedenkstätte in der Strafvollzugsanstalt Brandenburg. Quelle: Gedenkstätte Zuchthaus
Brandenburg/H

Mord, Angst und Verzweiflung gehören in der Zeit des Nationalsozialismus zum Alltag im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Der ehemalige DDR-Staatschef Erich Honecker ist ab dem 6. Juli 1937 ein Häftling und erst am 27. April 1945 wieder ein freier Mann.

Der frühere DDR-Staatschef Erich Honecker war vom 6. Juli 1937 bis zum 27. April 1945 Häftling der Haftanstalt Brandenburg-Görden. Historiker Martin Sabrow spricht vor mehr als 45 Zuhörern über Honeckers Zeit im Zuchthaus.

Zehn Jahre Haft

2500 Gefangene sitzen während Erich Honeckers Haftantritt in einer der damals modernsten Haftanstalten Europas. Für den Sohn eines Bergarbeiters beginnt in der Havelstadt eine Zeit der Einsamkeit.

Der Berliner Volksgerichtshof verurteilt den Jungkommunisten im Juni 1937 zu zehn Jahren Haft. Damit gehört Erich Honecker zur Gruppe der Straftäter, für die Einzelhaft angeordnet war, um sie von anderen politischen Mitläufern zu isolieren.

Häftling mit der Nummer 523/37

Bewegung ist ihm in seiner dreieinhalb Meter langen und 1,70 Meter breiten Einzelzelle fast unmöglich. Als sich die Eisentür dieses sogenannten „Kammkastens“ schließt, ist aus dem eben noch in Paris, Prag und Berlin engagierten Widerstandskämpfer der Brandenburger Zuchthaushäftling mit der Nummer 523/37 geworden.

„Kalt, trostlos ist der Anblick“, soll der Kommunist gesagt haben, als er erstmals das Brandenburger Gefängnis erblickt. Mit diesen Worten zitiert ihn Historiker Martin Sabrow. Der Professor für Zeitgeschichte spricht vor 45 Zuhörern in der Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg-Görden über die Haftzeit des ehemaligen Staatschefs der DDR.

Bekannt als Einzelgänger

Er betont, dass Erich Honecker als Einzelgänger galt. „Das war entweder charakterlich oder bedingt durch die Situation“, sagt Martin Sabrow. Für ihn ist klar, dass die Gefängniszeit den ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden den Rest seines Lebens beeinflusste.

Die Brandenburgerin Kathrin Große interessiert sich für diese Episode der Stadtgeschichte. „Ich habe ja die sozialistische Erziehung miterlebt. Und es wurde gemunkelt, dass vieles nicht so war, wie es dargestellt wurde. Ich interessiere mich für die Wahrheit“, sagt die 47-Jährige.

Helfer des Justizpersonals

Sie erfährt, dass Erich Honecker Ende 1937 in eine Dreimannzelle wechselt und damit in der Häftlingshierarchie aufsteigt. Als sogenannter Kalfaktor ist er eine Hilfskraft und unterstützt das Justizpersonal bei der Durchführung seiner Aufgaben und handelt damit quasi als Bindeglied zwischen Bewachern und Bewachten.

Häftlinge des Zuchthauses Brandenburg-Görden erlebten 1937 im Flügel A des Zellenhauses II einen tristen Ausblick. Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv

Durch seine Beförderung gewinnt er Bewegungsspielraum, der ihm eine bessere Orientierung im Zuchthausbetrieb ermöglicht. Andererseits entfremdet er sich von Mitgefangenen und tritt ihnen jetzt als Gehilfe des Zuchthauspersonals gegenüber, um Arbeitsaufträge zu übermitteln und ihr geleistetes Pensum zu kontrollieren.

Kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verliert er seine Position. Die Gründe hierfür sind laut Martin Sabrow nicht eindeutig aufzuklären. Möglicherweise hängt der Verlust damit zusammen, dass eine der mächtigsten Figuren des Zuchthausbetriebes auf ihn aufmerksam wird, Strippenmeister Johannes Schilling.

Gegen keinen anderen Brandenburger Gefängnisbeamten liefen bei der entstehenden ostdeutschen Justizverwaltung in den Monaten nach der Befreiung 1945 mehr Anzeigen ein.

Mord im Gefängnisalltag

Vom 1. August 1940 bis zum Tag der Befreiung am 27. April 1945 gehört das staatliche Morden im Zuchthaus Brandenburg-Görden zum Alltag der Gefangenen.

Für die Todeskandidaten wurde in den einzelnen Verwahrhäusern ein eigener Flügel eingerichtet, in dem sie gefesselt in einer Zelle, die zu Kontrollzwecken unablässig hell erleuchtet und im Winter meist ungeheizt war, auf ihre Hinrichtung zu warten hatten. Sie warteten Tage, Wochen und manchmal sogar Monate.

Da aus dem wiederholten Glockenläuten die Zahl der Hinrichtungen auch außerhalb des Zuchthauses zu erkennen war, fiel es seit 1942 weg.Insgesamt wurden rund zweitausend Verurteilte in Brandenburg-Görden ermordet, das hilflose Miterleben der Hinrichtungen erlebten viele Häftlinge als traumatische Erfahrung.

„In Brandenburg waren alle Stunden nicht leicht gewesen. Und man musste auch den schwersten Stunden die besten Seiten abgewinnen. Aber am erschütterndsten war der Beginn der Hinrichtungen in Brandenburg“, schreibt Erich Honecker später in seiner Autobiografie.

Flucht aus Berlin

Von Rätseln umrankt war bisher auch, wie es Honecker gelang, wenige Wochen vor Kriegsende aus Berlin zu fliehen und unbehelligt ins Brandenburger Gefängnis zurückzukehren. Denn ab 1943 ist der Häftling in verschiedenen Berliner Stationen untergebracht, unter anderem im Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße.

Im März 1945 räumt der gelernte Dachdecker nach einem schweren Luftangriff mit 30 anderen Häftlingen auf einem beschädigten Dachboden eines anderen Gefängnisses in Berlin-Lichtenberg Schuttreste weg.

Plötzlich entscheidet sich Haftkamerad Erich Hanke aber dazu, die Flucht zu wagen. Für Historiker Martin Sabrow ist die Entscheidung ein „Ausbruch in die Aussichtslosigkeit“, denn das Duo irrt durch Berlin. „Honecker setzte damit alle Privilegien und möglichen Hafterleichterungen aufs Spiel“, sagt Sabrow.

Die Stadt ist zu großen Teilen durch Bombenangriffe zerstört, Kontrolleure greifen vermehrt Fahnenflüchtige auf, die ohne gültige Papiere schnell wieder im Gefängnis oder Konzentrationslager landen.

Letzte Hoffnung trotz Lebensgefahr

Während Hanke bei einem Onkel unterkommt, ist Honecker jetzt auf sich allein gestellt. Seine letzte Hoffnung ist Charlotte Schanuel, die Aufseherin eines Frauengefängnisses. Sie nimmt Honecker trotz der daraus resultierenden Lebensgefahr auf.

Staatsanwalt Erich Kolb, der den Arbeitseinsatz von Strafgefangenen beaufsichtigt, verzichtet auf eine weitere Meldung, Honecker kann sich dadurch unbehelligt im Frauengefängnis der Berliner Barnimstraße zurück melden. Von dort aus bringen ihn Sicherheitskräfte zurück in das Zuchthaus Brandenburg-Görden.

Befreiung des Zuchthauses

Am 27. April befreien Soldaten der roten Armee schließlich die Strafanstalt. Bis heute kursieren mehrere Theorien, wann Erich Honecker nach dem Einmarsch der sowjetischen Soldaten die Havelstadt verließ.Historiker Martin Sabrow hinterfragt deshalb in seinem Buch „Erich Honecker: Das leben davor“ Aussagen von Zeitzeugen.

Der Professor für Zeitgeschichte betont, dass in der Stunde der Befreiung für den damals 32-Jährigen Erich Honecker nichts stärker wog, als das Verlangen, den Ort seiner jahrelangen Drangsal „so rasch wie möglich“ zu verlassen. Auch die die Sorge, das zwischen den Fronten liegende Zuchthaus könne wieder in deutsche Hand fallen und die eben Befreiten nochmals in Gefangene verwandeln, bewegte ihn.

Sicht auf die Havelstadt unklar

Wie der ehemalige Staats- und Parteichef der DDR die Havelstadt später sah, ist laut Martin Sabrow nicht überliefert. „Dazu schweigen die Quellen. Er ging als Persönlichkeit nach außen ganz in der Partei auf. Und eine persönliche Individualität ist da nicht vorgesehen“, sagt der Professor für Zeitgeschichte. Für ihn ist der langjährige Staats- und Parteichef der DDR aber kein Inbegriff der Gesichtslosigkeit und Langeweile.

Mehrere Infotafeln dokumentieren, dass Erich Honecker die Havelstadt später häufiger besuchte, unter anderem 1975 bei einer Einweihung der Gedenkstätte im Zuchthaus Brandenburg. Am 26. April 1980 gedachte er mit dem damaligen sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow der Opfer des Nationalsozialismus im Zuchthaus Brandenburg-Görden.

Der 29-Jährige Benjamin Jähn ist überrascht, was Erich Honecker in der Havelstadt erlebte. Der Brandenburger leiht sich deshalb das Buch zur Haftzeit des ehemaligen DDR-Staatschefs in der Bibliothek der Uni Potsdam aus.

Von André Großmann

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