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Brandenburg/Havel Frau liegt monatelang tot und vergessen in ihrer Wohnung
Lokales Brandenburg/Havel Frau liegt monatelang tot und vergessen in ihrer Wohnung
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19:14 19.09.2018
Die Wohnungstür der einsam gestorbenen Frau ist auch Wochen später noch polizeilich versiegelt.
Die Wohnungstür der einsam gestorbenen Frau ist auch Wochen später noch polizeilich versiegelt. Quelle: MAZ
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Brandenburg/H

Es muss ein einsamer, trauriger Tod gewesen sein, den eine erst 55 Jahre alte Brandenburgerin in ihrer Wohnung ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs gestorben ist. Monatelang hat offenbar niemand Claudia D. (Name geändert) wirklich vermisst, obwohl sie doch einmal Familie hatte und im gesellschaftlichen Leben stand.

An welchem Tag Claudia D.’s Herz aufgehört hat zu schlagen weiß niemand. Wahrscheinlich ist die Frau um die Weihnachtszeit des vergangenen Jahres herum oder kurz danach gestorben. Ihr Leichnam lag in den folgenden Monaten bis Anfang August in der Wohnung.

Ihre erwachsenen Kinder, die vier Enkel oder auch mögliche Freunde und Arbeitskollegen haben sich offenbar keine großen Sorgen um die geschiedene Frau gemacht. Nachdrücklich den Kontakt gesucht hat keiner von ihnen.

Briefkasten quoll über

Gefunden wurde die Tote erst am 9. August, das ist der Tag, der nun auch als ihr Todesdatum angegeben wird. Ein Nachbar hatte die Initiative ergriffen, weil der Briefkasten der Frau monatelang nicht geleert worden war und daher überquoll. Verwesungsgeruch hatten weder er noch andere Hausbewohner die gesamte Zeit über wahrgenommen.

An dem Augusttag, als die Polizei, die Feuerwehr und der Leichenwagen kamen, ging alles ganz schnell. In einem Sack sei die tote Frau durch den Hausflur nach unten getragen worden. Erst in dem Moment habe man etwas gerochen, berichtet eine Nachbarin.

Polizisten erklärten den durch den Einsatz aufmerksam gewordenen Nachbarn, dass die Tote mumifiziert gewesen sei und sie daher nichts gerochen hätten.

Nette Nachbarin

Die erwähnte Nachbarin hatte sich durchaus schon Sorgen um Claudia D. gemacht, mit der sie gelegentlich ein paar Worte im Hausflur gewechselt habe. „Sie war eine Nette und hatte immer Wort für mich“, erzählt sie. In einem der kurzen Gespräche habe sie erfahren, dass ihr geschiedener Mann einmal Polizist gewesen sei und dass sie zwei Kinder und mehrere Enkel habe.

Der Nachbarin fiel auf, dass die stets freundliche Frau nie Besuch bekam. Ihr entging auch nicht, dass sie höchstwahrscheinlich ein Alkoholproblem hatte. Denn immer wieder hörte sie, wie in der Wohnung über ihr Flaschen auf den Boden kullerten.

Seit Weihnachten kein Lebenszeichen

Doch seit Weihnachten hörte die Nachbarin kein einziges Geräusch mehr aus dem dritten Stockwerk und sah die Frau auch nicht mehr. Seit Weihnachten war es dort totenstill. Erst dachte die Nachbarin, dass Claudia D. womöglich längere Zeit verreist sei.

Doch wie einem anderen Mieter, der schon länger im Haus wohnt, fiel ihr der übervolle Briefkasten auf. „Für uns war irgendwie klar, dass sie nicht mehr lebt“, berichtet die Nachbarin.

Hausverwaltung reagiert nicht

Die wenigen besorgten Bewohner verständigten die Hausverwaltung und baten diese, sich zu kümmern. Doch nichts geschah. „Wir hätten ja selbst etwas unternommen, aber wir haben befürchtet, dass wir am Ende den Feuerwehr- und Polizeieinsatz bezahlen müssten, weil womöglich kein anderer da ist, der dafür aufkommen kann“, erklärt die Nachbarin das Zögern.

Am Ende gelangte die Information, dass Frau D. womöglich tot in der Wohnung liegt, über private Kontakte eines Nachbarn doch bei den Behörden. Der Verdacht bestätigte sich. Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitete ein Todesermittlungsverfahren ein.

„Das Verfahren ist eingestellt, es gibt keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden“, berichtet Behördensprecherin Sarah Kress-Beuting. Der Leichnam durfte daher beigesetzt werden.

Sogar im Karneval aktiv

Was im Leben von Claudia D. schlecht gelaufen ist, wissen vermutlich allenfalls enge Angehörige. Die Frau, die zuvor in der Nähe von Brandenburg/Havel gelebt hat, war zumindest zeitweise keineswegs eine Außenseiterin. Sie galt als selbstbewusste Frau, war als Beamtin berufstätig und im gesellschaftlichen Leben ihres früheren Wohnortes präsent, etwa vor einigen Jahren im Karneval.

Der Name der Toten steht noch immer auf dem Klingelschild und auf dem Briefkasten. Die Tür zu ihrer Wohnung ist auch Wochen nach dem Auffinden noch polizeilich verplombt. Ein Aufkleber weist Claudia D. als Fan des BVB aus, es sei denn, sie hätte das Deutsche-Meister-Schild von einem Vormieter übernommen.

Abschied in der Todesanzeige

Die Frau, die so einsam und traurig gestorben ist, hinterlässt im weltweiten Netz noch einige digitale Spuren. Ihre Facebook-Seite existiert fort, die weist sie als Beamtin eines Brandenburger Gerichts aus.

Völlig egal ist Claudia D. ihren Kindern offenbar doch nicht gewesen. In einer Anzeige haben sie sich von ihrer Mutter verabschiedet.

Toter saß vier Jahre vorm Fernseher

Leider geschieht es nicht so selten, dass Menschen nicht vermisst werden und daher lange Zeit unbemerkt tot in ihrer Wohnung liegen. In solchen Fälle leitet die die Staatsanwaltschaft zunächst Todesermittlungsverfahren ein.

Im Juni 2014 etwa über ein Potsdamer in einem Mehrfamilienhaus aufgefunden, dessen Leiche bereits stark mumifiziert war.

Vor zwanzig Jahren gelangte ein trauriger Fall in Brandenburg/Havel zu trauriger Berühmtheit. Ein Toter hatte vier Jahre lang unbemerkt in seiner Wohnung in er Damaschkestraße vor dem Fernseher gesessen.

Als ein Immobilienmakler ihn 1998 endlich entdeckte, war die Leiche bereits stark mumifiziert. Der Mann wäre im Juni 1998 gerade 55 Jahre geworden.

Der Fernseher war noch angeschaltet, lief aber nicht mehr, weil der Stromversorger die Leitungen wegen nicht bezahlter Rechnungen abgeklemmt hatte. Die Vermieterin hatte ihre Miete aber all die Jahre weiter bekommen, weil der kinderlose Mann einen Dauerauftrag eingerichtet hatte.

Von Jürgen Lauterbach

Brandenburg/Havel Brandenburg an der Havel - Prügelei an Haltestelle
19.09.2018