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Brandenburg/Havel Weil das Opfer überlebte, muss Marco F. nicht lebenslang hinter Gitter
Lokales Brandenburg/Havel Weil das Opfer überlebte, muss Marco F. nicht lebenslang hinter Gitter
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15:37 13.02.2020
Vor der Urteilsverkündung im Landgericht Potsdam. Marco F. (mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg) wird zu 14 Jahren Haft verurteilt. Quelle: Jürgen Lauterbach
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Brandenburg/H

Die schwierigste Aufgabe war für das Schwurgericht Potsdam, am Ende von zehn Prozesstagen das Strafmaß festzulegen für Marco F. (37) aus Brandenburg an der Havel für den versuchten Mord an seiner damaligen Partnerin am 10. April 2019 auf der Eigenen Scholle.

Lebenslage Haft oder eine lange Freiheitsstrafe von maximal 15 Jahren? Die 1. Strafkammer des Landgerichts Potsdam spricht den langjährigen Partner der Frau und Vater ihrer beiden Kinder schuldig.

Wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung verurteilen die fünf Richter den Angeklagten zu 14 Jahren Gefängnis. Er reagiert auf das Urteil ohne sichtbare Regung, senkt während der Urteilsbegründung aber immer wieder den Kopf.

Erweiterter Selbstmord

Die Mutter von zwei Kindern sollte sterben am 10. April 2019 im Schlafzimmer ihres Eigenheims. Die seinerzeit 31 Jahre alte Frau überlebte die über 20 bis 30 Minuten andauernde Tortur nach hohem Blutverlust nur äußerst knapp und mit sehr viel Glück und Können von Helfern. Mithilfe drei verschiedener Messer hatte der Angeklagte versucht, das Leben zu nehmen.

Etwa zwei Stunden lang begründet der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter das Urteil.

Das Schwurgericht vor der Urteilsverkündung im Landgericht Potsdam. Quelle: Jürgen Lauterbach

Wegen der bevorstehenden Trennung habe er Wut und Hass in sich aufgestaut. Er habe nicht sich selbst, sondern einzig der Frau die Schuld an dem Ende der Beziehung gegeben und diese als tiefe narzisstische Kränkung empfunden. Er wollte die Frau nach Auffassung der Richter bestrafen.

Die Strafkammer erkennt in der Tat Züge eines erweiterten Selbstmordes. In seinem „emotionalen Ausnahmezustand“, habe Marco F. erst seine Partnerin und dann sich selbst umbringen wollen. Ihrem Tod sei er sehr nahe gekommen, weitere fünf bis zehn Minuten hätte das Opfer nicht mehr überlebt.

Gründe gegen lebenslange Haftstrafe

Der Vorsitzende Richter erklärt, warum Marco F. keine lebenslange Strafe erhält. Der wichtigste Grund: Seine Ex-Partnerin hat die Tat überlebt, wenn auch nur sehr knapp.

Um den Mordversuch im Strafmaß mit einem Mord gleichzusetzen und gleich zu bestrafen, hätte sie noch schlimmere Verletzungen erleiden müssen als ihre schweren und dauerhaften Handverletzungen.

Als gravierende gesundheitliche Folgen schätzt die höchstrichterliche Rechtsprechung ein, wenn ein Opfer nicht mehr hören kann oder nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen oder denken. Oder wenn es niemanden mehr in den Arm nehmen kann.

Keine „niedere Gesinnung“

Theodor Horstkötter erläutert, welche Gründe Marco F. außerdem vor einer lebenslangen Strafe bewahren. Er wollte seine Ex-Partnerin zwar heimtückisch töten, doch sei das nicht „aus niederer Gesinnung“ geschehen.

Der Richter: „Der Angeklagte befand sich in einer besonderen psychischen Situation, seine Steuerung war beeinträchtigt, herabgesetzt. Es gibt eine Hand voll Gründe zu seinen Gunsten, die wir als Richter nicht ausblenden dürfen.“

Dazu gehört, dass Marco F. nicht geplant vorgegangen ist, sondern spontan. Ein Messer in der Küche, das viel eher zum Töten geeignet gewesen wäre, habe er liegen gelassen. Das spreche gegen eine überlegte Tatvorbereitung.

Täter ich-bezogen und narzisstisch kränkbar

Für ihn spricht seine Persönlichkeit, trotz seiner „Ich-Bezogenheit und narzisstischen Kränkbarkeit“. Marco F. hat nach den Worten des Richters bis zur Tat sozial angepasst und integriert gelebt.

Hoher Respekt vor dem Opfer

Der Staatsanwalt und die Nebenklage-Anwältin hatten vor einer Woche eine lebenslange Gefängnisstrafe für Marco F. beantragt. Sein Verteidiger plädierte für eine Zeitstrafe, die spätestens nach 15 Jahren endet.

Verteidiger Matthias Schöneburg äußert sich zufrieden mit dem Urteil und spricht dabei auch im Namen seines Mandanten. „Mein Ziel war es, eine lebenslange Freiheitsstrafe zu verhindern.“

Matthias Schöneburg hatte im Verlauf des Prozesses darauf verzichtet, das Opfer in eine Art Kreuzverhör zu nehmen. Stattdessen zollte er der Frau seinen Respekt, auch für ihr Auftreten vor Gericht. So wie in seinem Urteilsspruch der vorsitzende Richter.

Freunde und Arbeitskollegen haben ihn als friedlichen, fairen und aufrichtigen Mann beschrieben, der überdies sehr erfolgreich Wasserball gespielt hat. Gelegentlich habe er seine Emotionen allerdings nicht im Griff gehabt.

Das Gericht hält dem Angeklagten zugute, dass ihm Gewalt „persönlichkeitsfremd“ sei. Zudem sei er nicht vorbestraft und er habe, soweit möglich, ein Geständnis abgelegt. Er zeige Reue.  

Brutal und rücksichtslos in blinder Wut

Aus all diesen Gründen hat das Schwurgericht von einer lebenslangen Strafe abgesehen. Doch es verhängt eine Gefängnisstrafe am oberen Ende der möglichen Skala: 14 Jahre.

Horstkötter begründet das: „Der Angeklagte ist brutal und rücksichtslos vorgegangen. Er hat drei Mal ein neues Tatwerkzeug geholt und über einen langen Zeitraum in seiner blinden Wut versucht, die Frau zu töten.“

Marco F. sei zudem ganz nah an der Tatvollendung gewesen. Nur glückliche Umstände und die Erste Hilfe der Polizei hätten den Tod des Opfers verhindert.

Ein Monster?

Der Vorsitzende des Schwurgerichts hat am Beginn seines Vortrags die Frage aufgeworfen, ob es „ein Monster gewesen ist, das die Tat verübt hat.“ Am Ende gibt er die Antwort.

Horstkötter: „Es ist kein Monster gewesen. Hier hat ein Mensch gehandelt, der große Schuld auf sich geladen und über alle Beteiligten großes Unheil gebracht hat.“

Richter würdigt den Mut der Frau

Der Richter zollt am Ende der Frau Respekt, die alles erduldet hat und den überaus anstrengenden Prozess gleichwohl so mutig mit ihren „wahrhaftigen Aussagen“ begleitet habe. Er äußert sich überzeugt, dass sie mit ihrer Kraft ihren Beruf der Lehrerin eines Tages wieder ausüben wird.

Theodor Horstkötter erwähnt auch den neuen Lebenspartner der Frau, der im Unterschied zu dem Angeklagten emotional auf sie eingehen könne.

Von Jürgen Lauterbach

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