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Brandenburg/Havel Peitsche der Norm trieb die Arbeiterschaft auf die Straße
Lokales Brandenburg/Havel Peitsche der Norm trieb die Arbeiterschaft auf die Straße
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12:29 17.06.2013
Arbeiter kletterten auf das Gerichtsgebäude in der Steinstraße. Quelle: FRIEDRICH KARL GRASOW / STADTARCHIV
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Am 17. Juni 1953 ging es Wilhelm Leben an den Kragen: Der langjährige Kommunist war mit dem Fahrrad auf dem Weg durch Michelsdorf gewesen, als sich ihm am Ortsausgang eine Gruppe Jugendlicher in den Weg stellte. „Die Meute umringte mich und schlug mich zu Boden“, notiert er später in seinen Memoiren. „Ich kam noch einmal in die Höhe, da stand eine Frau bei den Burschen und hetzte sie erneut auf mit den Worten ,Seinen eigenen Bruder hat der Mensch an den Russen verraten, dem gebt es tüchtig’“. Dann prügelten sie erneut auf ihn ein. Der Aufstand ging nicht spurlos an der Provinz vorüber: Als vor 60 Jahren hunderttausende Menschen in den ostdeutschen Großstädten auf die Straße gingen, um erst für bessere Lebensbedingungen und schließlich das Ende des SED-Regimes zu demonstrieren, wurde auf dem Lande bereits der Untergang der DDR gefeiert.

Gerade erst gegründete LPG wurden wieder aufgelöst, enteignete Großbauern eroberten sich ihre früheren Positionen in der dörflichen Gesellschaft zurück. Parteisymbole wurden zerstört, in den Gaststätten rauschende Feste veranstaltet – und Funktionäre wie Wilhelm Leben angegriffen. Der damals 69-Jährige, dessen Erinnerungen im Landeshauptarchiv in Potsdam verwahrt werden, arbeitete als staatlicher Erfasser für die Kreise Belzig und Brandenburg-Land. In dieser Funktion klopfte er an die Hoftore der Bauern, um Viehbestände und Ackerflächen zu protokollieren und die Pflichtablieferungen festzulegen – also jene Mengen an Getreide, Gemüse, Fleisch und Eiern, die zu Tiefstpreisen an den Staat abgetreten werden mussten. Ein Job, der ihn im Dorf unbeliebt machte.

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In den Tagen um den 17. Juni 1953 beteiligten sich viele Brandenburger an Streiks und Demonstrationen.Anlässlich des 60. Jahrestagesdes Volksaufstandes hatte die MAZ Zeit- und Augenzeugen gesucht. 

Wie ihm ging es während des Aufstandes zig Funktionären auf dem Lande. Im Hohen Fläming etwa wurden acht „Genossen“ angegriffen, wie die SED-Kreisleitung noch am selben Tag zur Bezirkszentrale nach Potsdam telegrafierte, einer davon erlitt einen Schädelbruch. Zu den Attackierten gehörte auch der Bürgermeister von Kuhlowitz, der mit zwei Mitarbeitern der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe „durch das Dorf bis nach Belzig geohrfeigt und geprügelt“ wurde. Auch in Reetz kam es zu Tumulten – und das noch eine Woche später.

Als Exponenten der kommunistischen Diktatur waren die Funktionäre auf die Dörfer gekommen, um hier die gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen umzukrempeln. Walter Ulbricht hatte im Vorjahr den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ verkündet, zu dem der Kampf gegen das so genannte Großbauerntum gehörte. Christlich-konservative Landwirte mit mehr als 20 Hektar Grundbesitz wurden zum Freiwild für die politisch durchsetzte Strafjustiz. Wer sein Ablieferungssoll – zum Teil mehr als die Hälfte der Ernte – nicht erfüllte, wurde verhaftet, verurteilt und enteignet.

In Schmergow hatte sich am Abend des 15. Juni eine große Menschentraube vor der Bürgermeisterei gebildet. Die Demonstranten forderten die Freilassung von vier ihrer Nachbarn. Ein Mitglied des Gemeinderates wollte laut eines internen Berichtes die Menge beschwichtigen – „worauf ihm der Bauer Schulz erklärte, er solle seine Fresse halten, die Gemeindevertretung solle ihren Dreck einpacken“, wie es in dem Papier heißt. Ermutigt von den Nachrichten aus Berlin und anderen ostdeutschen Großstädten, die zwei Tage später über den Rias bis in die kleinsten Dörfer drangen, machte die Landbevölkerung dann ihrer Wut auf die Partei endgültig Luft. In vielen kleineren Orten im damaligen Bezirk Potsdam lassen sich Demonstrationen, Trinkgelage oder Übergriffe nachweisen.

Als „Tag der bitteren Hiebe“ hatte dann auch der Journalist Stefan Brant den 17. Juni 1953 beschrieben. „Die Peitsche der Norm trieb die Arbeiterschaft auf die Straße. Die Peitsche des Solls trieb die Bauern vor die Rathäuser“, so seine pointierte Einschätzung in seinem ein Jahr später erschienenen Buch. In den Landstädten demonstrierten beide Gruppen oft auch Hand in Hand – zusammen mit Jugendlichen, Pfarrern und Unternehmern. So in Belzig, wo sich eine Demonstration von rund 1000 Menschen gebildet hatte, wie die Volkspolizei später schätzte. Seinen Ursprung hatte der Protest in Niemegk gehabt, wo am Morgen 120 Gleisbauarbeiter einen Zug gekapert hatten, um in die Kreisstadt zu fahren. Auch in Brandenburg (Havel), wo 15 000 Menschen auf den Straßen waren, wo die U-Haft-Anstalt gestürmt und der Oberstaatsanwalt Benkendorf fast gelyncht wurde, waren Menschen aus den umliegenden Dörfern hinzugekommen.

Während der Volksaufstand in den Städten zum Teil noch am selben Tag von der Roten Armee niedergeschlagen wurde und man die Arbeiter mit Waffengewalt zurück an ihre Arbeitsplätze zwang, wirkten die Ereignisse auf dem Lande noch lange nach. Die vier bis dahin gegründeten LPGs im Kreis Belzig lösten sich wieder auf, viele enteignete Landwirte erhielten ihre Flächen zurück – vor allem um die Versorgungslage in der DDR zu stabilisieren. Durch die von Moskau verordnete Rücknahme des radikalen sozialistischen Umbaus erhielten die freien Bauern noch einmal eine Schonfrist – bis sie im so genannten sozialistischen Frühling 1960 endgültig niedergeworfen wurden. (Thomas Lähns)

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