Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel Platzeck kritisiert und versteht Russland
Lokales Brandenburg/Havel Platzeck kritisiert und versteht Russland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:17 05.09.2017
Matthias Platzeck im Saal des Elisabethhauses. Links neben ihm der SPD-Unterbezirksvorsitzende Robert Dambon.
Matthias Platzeck im Saal des Elisabethhauses. Links neben ihm der SPD-Unterbezirksvorsitzende Robert Dambon. Quelle: Rüdiger Böhme
Anzeige
Lehnin

Stolpe, Woidke - und jetzt Platzeck. Ob außer Dienst oder in Regierungsverantwortung, Brandenburgs Politprominenz gibt sich auf dem Lehniner Klostergelände gern die Klinke in die Hand. „Kein Wunder bei unserer guten Verkehrsanbindung“, meinte Ortsvorsteher Frank Niewar, der sich einen Seitenhieb auf die katastrophale Verkehrslage rund um Lehnin nicht verkneifen konnte. Immerhin kam Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Montag auf Einladung des SPD-Unterbezirks Potsdam-Mittelmark pünktlich und gut gelaunt nach Lehnin, um etwa 100 Zuhörern seine Sicht auf die deutsch-russischen Beziehungen zu erläutern. Um die steht es bekanntlich nicht zum Besten. Für Kloster Lehnins Bürgermeister Uwe Brückner „ein spannendes Thema“ nicht ohne im Festsaal des Elisabethhauses Werbung für seine „schöne Gemeinde“ mit 14 Ortsteilen zu machen. Er lobte den Schulcampus und erinnerte an die Blütezeit des Klosters, das einmal 62 Dörfer besaß. Die Autobahn sei Fluch und Segen zugleich, sagte Brückner. Da konnte er nicht ahnen, welches schlimme Unheil nur Stunden später seine Kommune heimsuchen würde.

Aus dem Publikum gab es Fragen an Mathias Platzeck. Quelle: Rüdiger Böhme

Doch zurück zu Platzeck. Der ehemalige Regierungschef geht inzwischen locker mit dem ihm angedichteten Titel Russlandversteher um, den ihm seine naserümpfenden Kritiker verpasst haben. Es gebe schließlich auch Frauenversteher. Und die hätten keinen schlechten Ruf, so Platzeck. Dabei nimmt der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums die Großmacht nicht in Schutz. Sowohl zur Annexion der Krim, zur Unterstützung ostukrainischer Separatisten und zur Drangsalierung regierungskritischer Organisationen hat Platzeck eine klare Meinung: „Es gibt viel an der russischen Politik zu verurteilen.“

Dennoch bleibt Platzeck bei seiner Botschaft, die für eine andere Sicht auf die Dinge wirbt. Erstens sollte Deutschland die Kommunikation mit Russland nicht abreißen lassen. Zweitens glaubt er nicht an den Erfolg von Sanktionen. „Es wird alles nur schlimmer, wenn es uns nicht gelingt, Russland in die europäische Sicherheitspolitik einzubinden“, ist Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident überzeugt. Er befürchtet, dass sich Russland zusehends China zuwendet. Die Amerikaner haben angekündigt, sich verstärkt im pazifischen Raum engagieren zu wollen. „Wo will Deutschland dann in 20 oder 30 Jahren stehen?“, fragte Platzeck in die Runde. Um mit Russland im Gespräch zu bleiben, könne er sich vorstellen, das Krim-Thema temporär auszuklammern.

Nicht alle Fragesteller im Publikum teilten die Ansichten Platzecks uneingeschränkt. Ein Herr verteidigte die Nato-Präsenz im Baltikum, um Russland auf Augenhöhe begegnen zu können. Auf die Frage nach der Rolle der russischen Opposition hat Platzeck keine hoffnungsvolle Antwort. Die sei zerstritten und auf Moskau und Sankt Petersburg konzentriert. Bei ihren Anführern solle man aufpassen, wen man feiere, so Platzeck.

Von Frank Bürstenbinder