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Brandenburg/Havel Premiere: Stadtführung zeigt Orte der Friedlichen Revolution von 1989
Lokales Brandenburg/Havel Premiere: Stadtführung zeigt Orte der Friedlichen Revolution von 1989
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18:10 10.09.2019
Christian Heise (rechts) informiert Teilnehmer der Stadtführung „Wendewege“ über Orte der Friedlichen Revolution in Brandenburg an der Havel. Quelle: André Großmann
Brandenburg/H

Angst vor Gewalt und Unterdrückung, Mut zu Veränderungen und die Sehnsucht nach Freiheit sind Themen, die Teilnehmer der ersten „Wendewege“-Tour in Brandenburg an der Havel beschäftigen. Dort stellen der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Erhard Gottschalk und Stadtführer Christian Heise Brandenburger Orte der Friedlichen Revolution im Jahr 1989 vor.

Protest von 12.000 Menschen

„Es ging jeden Tag Schlag auf Schlag. Mit einer rasanten Geschwindigkeit bildeten sich von Oktober 1989 bis März 1990 in jeder größeren Stadt der DDR Demonstrationszüge“, sagt Heise und erinnert sich an den 12. November 1989 auf dem Neustädtischen Markt. Denn dort protestierten damals bis zu 12.000 Menschen in der Havelstadt für Freiheit und Demokratie.

Videos dokumentieren Schriftzüge auf den Plakaten, die von „Freie Wahlen“, über „Wir sind noch nicht am Ziel“ bis „Es lebe die Oktoberrevolution 1989“ reichen. „Diese Intensität war neu und die angemeldete Demonstration fand erstmals in dieser Größenordnung direkt im öffentlichen Raum statt“, sagt Heise der MAZ. Zurückblickend erscheint ihm die SED-Staatsführung „erstarrt und maßlos überfordert.“

Eskalation verhindert

Der 49-Jährige erinnert sich, dass die Stimmung auf dem Neustädtischen Markt zu kippten drohte, als der Sekretär der damaligen SED-Kreisleitung Winfried Mitzlaff zur Menge sprach. So hätten Demonstranten laut Heise schon darauf gewartet, den Parteifunktionär von der Bühne zu ziehen, doch der für die Technik verantwortliche Oppositionelle Wolfgang Rudolph verhinderte eine Eskalation, indem er Mitzlaff bei seiner Rede den Ton abdrehte.

Streben nach Freiheit

Die Brandenburgerin Martina Geiersberg nimmt als Zeitzeugin an der „Wendewege“-Stadtführung teil. „Es ist schon so lange her, aber ich merke, wie die Ereignisse von damals meine Werte und Ziele bis heute geprägt haben. Das Streben nach Freiheit, Demokratie und Mitbestimmung liegt mir am Herzen“, sagt die 59-Jährige.

Ein weiterer Ort der Friedlichen Revolution ist der Brandenburger Dom. Hier war die aufgeheizte politische Lage am 21. Oktober 1989 bei einer Informationsveranstaltung der Bürgerbewegung „Neues Forum“ im Brandenburger Dom spürbar. „Damals kamen vier bis fünftausend Menschen. Wenn die Demonstranten auf die Straße gegangen wären, hätte die Lage eskalieren können“, sagt Christian Heise heute.

Mehrere Brandenburger erleben bei der Stadtführung „Wendewege“ historische Orte der Friedlichen Revolution aus dem Jahr 1989. Stadtführer Christian Heise (rechts) liest hier aus Zeitzeugenberichten. Quelle: André Großmann

Frieden statt Gewalt

Der Brandenburger betont aber auch, dass die ehemalige Dompfarrerin Cornelia Radeke-Engst für eine Beruhigung der Situation sorgte. „Sie sagte, wie wichtig es ist, den Frieden und die Friedliche Revolution mit nach Hause zu nehmen“, kommentiert Heise. Er ist dennoch erstaunt, wie weit sich die Kirche „damals vorgewagt hat“ und erinnert daran, dass die ehemalige Dompfarrerin und der damalige Superintendent Rainer Koopmann vorab von Mitarbeitern der Abteilung Innere Sicherheit zum Rat der Stadt bestellt wurden.

„Ihnen wurde nahegelegt, die Veranstaltung abzusagen. Dabei wurde auch der Einsatz von Gewalt angedroht“, sagt Christian Heise der MAZ. Er ist sicher, dass die kirchliche Aufforderung zum Frieden und der Protestzug mit Kerzen dazu beitrug, der Staatsführung den „Wind aus den Segeln zu nehmen.“

Schriftzug sorgte für Ärger

Im Eingangsbereich des Doms betont Stadtführer Christian Heise auch, wie „zweizüngig“ Schüler und Jugendliche im DDR-Alltag aufwuchsen, um Ärger zu vermeiden. So erlebte der Brandenburger in der ehemaligen Erweiterten Oberschule (EOS) „Johann Wolfgang Goethe“, dass eine Aufschrift mit dem Spruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ für Ärger sorgte. Obwohl die Worte von der Kommunistin Rosa Luxemburg stammen, befragten Lehrer anschließend Schüler, wie diese Äußerungen an die Wand gelangten. Kurz darauf wurden sie entfernt.

Die Besucher der „Wendewege“ laufen anschließend in Richtung der Gotthardtkirche, für Erhard Gottschalk ist sie ein bedeutender Ort. „Sie steht für den Dialog und demokratische Traditionen“, sagt der 72-Jährige der MAZ.

Für den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Erhard Gottschalk ist die Gotthardtkirche ein besonderer Ort der Friedlichen Revolution im Jahr 1989. Quelle: André Großmann

Er schätzt, dass staatliche Äußerungen dort häufig hinterfragt wurden. Für Christian Heise tragen die Mitglieder des evangelischen Kirchenkreises zu einer „Vorreiterrolle für die Opposition“ bei, die wegweisend sei.

Vorreiter der Friedensbewegung

Schon im Eingangsbereich steht der einzige Meilenstein der Havelstadt zum Motto „Frieden schaffen ohne Waffen.“ Das Exemplar stammt aus dem Jahr 1982 und wurde von Mitgliedern des damaligen Friedensarbeitskreises gestaltet. Damals tauschten Kinder Kriegsspielzeug gegen Friedensspielzeug.

Für Erhard Gottschalk ist es eine Herzensangelegenheit, die „Wendewege“ abzulaufen. Er hofft, dass sich junge Brandenburger auf die Spuren der friedlichen Revolution begeben. „Es lohnt sich, den Mund aufzumachen und für die Freiheit einzustehen. Davon bin ich überzeugt und das werde ich mir als politischer Mensch auch nicht mehr abgewöhnen“, sagt der 72-Jährige.

Stadtführungen zum Thema „Wendewege“ finden am 3. und 24. Oktober, jeweils um 16 Uhr statt. Gäste treffen sich hierfür am Stadtrelief auf dem Neustädtischen Markt und können bis 18 Uhr die Orte der Friedlichen Revolution in Brandenburg an der Havel erkunden.

Von André Großmann

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