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16:51 16.07.2018
Die Gruppe um Christian Radecke will Radio Pax wiederbeleben.
Die Gruppe um Christian Radecke will Radio Pax wiederbeleben. Quelle: Rüdiger Böhme
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Brandenburg/H

Das Internet ist nicht gut genug: Ein freies Radio für freigeistige Köpfe soll her: Das Gründen eines freien Radiosenders im Land Brandenburg unterstützt auch ein – noch – loser Zusammenschluss von Künstlern, Kreativen, Kulturinteressierten und Sympathisanten.

Der Begriff „Radio Pax“ ist eine Melange aus dem einst im Gotischen Haus ansässigen Elektronikgeschäft und dem Lateinischen Wort für „Frieden“. Erste Versuch gab es bereits 2001 als das Künstlerpaar „Nora Schlecht“ (Sabine Hermann und Christian Radeke) eine Bürgerradio-Idee aus dem thüringischen Jena importierten. „Wir hatten Kontakt zu vielen freien Radios in halb Deutschland. Aber die Landesmedienanstalt und die Staatskanzlei haben sich gesperrt und uns immer wieder abblitzen lassen“, erzählt Radeke. Also installierten sie in ihrer damaligen Wohnung in der Packhofstraße 28 Lautsprecher in Blumenkästen und bedudelten die Passanten. Die Wobra hat’s schließlich verboten und das Tiefbauamt hat die Lautsprecher abmontieren lassen. „Dann haben wir aus unserem ersten telepathischen Sendestudio begonnen, telepathisch zu senden, am Nachmittag Klassik und leichte Musik, dann ein Wortbeitrag, danach steife Mugge“, erzählt Sabine Hermann in vollem Ernst, sie selbst sei das Medium gewesen. Schade nur, dass es wohl lediglich eine kleine Schar Auserwählter hören konnte. Aber ganz verloren sind die Gaga-Stücke von damals nicht, doch dazu später. Per Schaufensterradio im Fontaneklub hat sich „Nora Schlecht“ sogar ins Jazzfest eingemischt, 2002 wurde der damalige Verein aufgelöst.

Vor knapp drei Monaten startete der Versuch einer Wiederbelebung. Das Paar suchte öffentlich nach Gleichgesinnten, ein Versammlungsort war mit dem Haus der Offiziere gefunden. Es kamen Vertreter des Vereins Lauschkultur, von der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft, von der Brandenburger Linux-Gruppe Bralux, von diversen Musiklabels sowie einfach Interessierte. Die Situation heute sei ganz anders als damals, die Landesmedienanstalt MABB hat eine Frequenz zu vergeben, nur die Modalitäten sind noch nicht ganz geklärt (siehe Infobox).

Die MABB vergibt die Lizenzen

Die Mabb ist die gemeinsame Medienanstalt der Länder Berlin und Brandenburg. Sie vergibt Sendelizenzen an private TV- und Radiosender und beaufsichtigt diese.

Die Frequenz 88,8 MHz wird im Herbst neu vergeben. Die Mabb will sie an Berliner und Brandenburger freie Sender gemeinsam geben, die wollen lieber landesintern unter sich bleiben. Es gibt ganz unterschiedliche Strukturen und Hierarchien, da wird ein gemeinsames Projekt schwierig.

Im Land Brandenburg gibt es bereits die Sender Frapo (Potsdam), Slubfurt (Frankfurt/O.) und vielleicht bald Radio Pax.

Auch wenn es in Brandenburg an der Havel noch keinen verein gibt, so sind doch schon eine ganze Menge Ideen bei den Aktivisten vorhanden. „Wir können unsere Poetry Slam-Wettbewerbe sowie DJ- und Bandkonzerte mitschneiden und senden“, sagt beispielsweise HdO-Chef Andreas Waltz. Es gibt auch richtig abgefahrene Ideen, beispielsweise zu einem Museumsbesuch per Radio. In Anspielung auf das unter chronischem Besuchermangel leidende Heimatmuseum witzelt einer: „Nennen wir doch die Sendereihe für die Zuhörer so „Wir gehen für sie hin“.“ Das sei gar nicht so weit hergeholt, bestärkt Sabine Hermann: „Wir sitzen manchmal zusammen auf einer Bank mitten in der Stadt und spielen Radio. Einer muss die Augen schließen, der andere beschreibt, was er gerade sieht und erfährt. Wenn er es richtig gut macht, bekommt der andere das unbändige Verlangen sofort die Augen zu öffnen. Diesen Moment kann man hinauszögern. Wir beide haben dann schon die Erfahrung gemacht, dass derjenige, der die Augen geschlossen hatte, nach dem Öffnen plötzlich enttäuscht ist von der Realität.“ Man könne das Erlebnis aber auch für viele zugänglich machen, beispielsweise durch öffentliches Radiohören im HdO. Und wer es verpasst hat, kann sich aus dem Internet einen Podcast (in diesem Fall eine Audio-Datei herunterladen.

Eine solche gibt es (allerdings noch nicht frei zugänglich) von dem sagenhaften Interview, welches Radeke vor mehr als zwei Dutzend Jahren mit seiner Partnerin (und telepathischem Medium) über diese geheime Sendetechnik geführt hat. Das wurde auch bereits einmalig im Internet beim Freien Radio Potsdam ausgestrahlt, im „Brandenburger Fenster“ des Senders, der allerdings auch noch auf das Internet als Medium angewiesen ist. Jetzt müssen alle guten Ideen noch auf einer Frequenz vereinigt sein.

Von André Wirsing

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