Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel SPD-Krise nach Vaut auf dem Höhepunkt: Protokoll eines Niedergangs
Lokales Brandenburg/Havel SPD-Krise nach Vaut auf dem Höhepunkt: Protokoll eines Niedergangs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:19 30.03.2019
Simon Vaut (r.) mit Bill Clinton (M.) auf einem von Dutzenden Promifotos auf Vauts Facebookseite. Quelle: Facebook/Simon Vaut
Brandenburg/H

Hätte man ihn über eine Agentur gesucht, er würde so aussehen wie der Kandidat. Strahlend, sportlich und glatt. So wie Simon Vaut, 41, der fast zwei Meter große Herkules, der die Havelstadt-SPD von Brüssel aus der Krise ziehen sollte.

Ja, Vaut versprach der Brandenburger SPD „Glanz in der Hütte“, wie der SPD-Vorsitzende Werner Jumpertz jetzt treuherzig in die Kamera plaudert. Als Türöffner in Europa für die Stadt Brandenburg sahen ihn die Genossen, die ihn gar nicht kannten, ja fast nie zuvor gesehen hatten und ihn dennoch 2018 in Abwesenheit in den Unterbezirksvorstand wählten. Jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist und sich der Hoffnungsträger als Rohrkrepierer erwies, sitzen die 150 Genossen in der Havelstadt da mit ihrem Kater. Acht Wochen vor der Wahl.

Simon Vaut, der sich auch Freitag noch auf seiner Internetseite als „Dein Kandidat für Europa“ vorstellt und davon schwärmt, dass er in „Brandenburg an der Havel in den Unterbezirksvorstand gewählt und dort mit der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit betraut“ wurde, hat nie in der Havelstadt gewohnt, hat es aber geschafft, mit „Wortgewandtheit und Cleverness“ alle Genossen arglistig zu täuschen, sagt Jumpertz.

Simon Vaut hat sie alle getroffen: Ob (Ex-)Politiker oder TV-Stars – auf seiner Facebookseite hat der SPD-Mann in den vergangenen Monaten dokumentiert, wen er traf und sprach. Eine Auswahl.

Mit einer erfundenen Freundin, einem nie existenten Wohnsitz, Dutzenden Fotos, die ihn als Posterboy an der Seite von Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel oder Bill Clinton auf seiner Facebook-Seite zeigen und einer flammenden, mit Lügen gespickten Rede beim Parteitag ist er sogar der SPD-Europakandidat des Landes geworden.

Zu den Getäuschten gehört auch die Fraktionschefin der SPD, Britta Kornmesser. Die hatte Vaut – der log, seine Freundin habe ihn rausgeworfen – auf die Bitte von Jumpertz hin angeboten, in ihrem Haus gelegentlich Quartier zu nehmen. Fortan stand Vauts Name an ihrem Klingelschild, übernachtet habe er dort nie. Die Folge: Der im Besitz der Familie Tiemann befindliche Sender SKB erfand schon vor Wochen ein Verhältnis zwischen Vaut und Kornmesser und veröffentlichte sogar Fotos, die beide angeblich im Skiurlaub zeigten.

Dass auf dem im TV veröffentlichten Bild Kornmesser und ihr 18-jähriger Sohn zu sehen waren und Kornmesser und Vaut nie privat Zeit verbrachten – wen stört das schon…

Denn es passt ja wirklich zur SPD der Havelstadt, die das zyklische Scheitern – ob durch Unvermögen oder tragische Umstände - wie ein Gen in sich zu tragen scheint. Erinnern wir uns.

Ziemlich strahlend gewann die SPD nach der Wende in den 90er Jahren in der Havelstadt alles, was zu gewinnen war. 12 Jahre führte Helmut Schliesing als OB die Stadt.

Ihm folgte der nächste SPD-Mann - Helmut Schmidt. Der wurde nach einem Jahr krank. So begann der Niedergang. Denn dann gewann Dietlind Tiemann von der CDU und wenig später wurde bekannt, dass ihr SPD-Gegner Norbert Langerwisch (der ja auch ihr Vize im Rathaus war) im Wahlkampf einen Drogenhändler und Luden zu dicht an sich und die SPD herangelassen hatte. Langerwisch belog Tiemann, die ihn daraufhin aus der Verwaltung werfen ließ.

Trotz eines eher farblosen Vorsitzenden Ralf Holzschuher, der gleichwohl im Potsdamer Landtag eine Karrierestufe nach der anderen bis zum Innenminister nahm, rappelte sich die SPD vor Ort wieder auf. Mit Frank-Walter Steinmeier verirrte sich unerwartet auch ein politisches Schwergewicht in die Havelstadt, das die Genossen wieder von besseren Zeiten träumen ließ. Der Umbruch wurde organisiert: Als Hoffnungsträger und neuer Chef sollte der SPD-Mann Dirk Stieger die Partei führen. Dumm nur, dass kurz vor dessen Machtübernahme bekannt wurde, dass er seine Vergangenheit als Stasi-IM unter den Tisch gekehrt hatte.

Stiegers Pläne, „Tiemann aus dem Rathaus zu jagen“, wurden abgeblasen. Wieder lag die SPD am Boden. Statt Stieger übernahm die eher zurückhaltend-naive Kornmesser die Fraktion und schnitt bei der Kommunalwahl Mitte 2014 mit Stiegers Hilfe im Hintergrund letztlich passabler ab als erwartet und holte noch 12 der 47 SVV-Mandate.

Doch von Beginn der jetzt zurückliegenden Wahlperiode an gärte es wie in einem faulen Sumpf. Kornmesser wollte den Posten nicht wieder für Stieger räumen und so gründeten dieser und Langerwisch aus der SPD-Fraktion heraus den „Freundeskreis Brandenburger Sozialdemokraten – die neue SPD.“

Der „linke Freundeskreis“, der sich mit zehn Genossen in einem geheimen Whatsapp-Chat versammelte, verfolgte ein Ziel: Die Machtübernahme innerhalb der eigenen Partei. Dafür wurden seitenlange Pläne geschmiedet, wie man „Britta das Aas“, den „Tagträumer Ralf“ oder „Renate die Ratte“ kalt stellen und die Medien von MAZ bis SKB im eigenen Sinne manipulieren könne.

Als die MAZ den 700 Seiten langen Chat 2016 öffentlich machte, kamen eine Reihe Genossen ihrem Rauswurf durch Austritt zuvor. Aus einem Teil von ihnen speist sich um die ehemaligen SPD-Köpfe Dirk Stieger und Norbert Langerwisch die Fraktion der Freien Wähler. Auf SPD-Tickets in der SVV sitzend, machen sie heute Politik mit der CDU gegen die ehemaligen Genossen.

In dem ganzen Schlamassel internen Streits und Unvermögens kam den Genossen dann auch noch ihre Lichtgestalt abhanden. Steinmeier, schon als Bundestagskandidat nominiert, wurde plötzlich Bundespräsident und verschwand von einem Tag zum anderen von der Brandenburger Bühne.

Eilig wurde der Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg für die SPD als Nachfolgekandidat gekürt. Wieder schlug das Schicksal zu. Rautenberg erkrankte schwer an Krebs und konnte nicht am Wahlkampf teilnehmen. Ohne sichtbaren Kandidaten der SPD wurde wieder Dietlind Tiemann zum Trauma für die SPD, als sie für die CDU bei der Bundestagswahl die Nase vorn hatte.

Und in diesen gebeutelten Kreisverband purzelte nun wie ein Himmelsgeschenk Simon Vaut. Da spielte für die SPD-Führung vor Ort keine Rolle, dass man quasi nichts von dem Mann wusste. Und weil der so nett war und so tolle Leute kannte, war der Simon auch bald Medien- und Öffentlichkeitsverantwortlicher des SPD-Unterbezirks.

Dass ein Jahr später kein Medienmensch der Stadt Brandenburg Simon Vaut kannte, beschreibt sein Engagement treffend. Freitag, so teilte der SPD-Unterbezirk mit, sei Vaut aus dem Vorstand zurück getreten. Ein mit der MAZ verabredetes Interview sagte Vaut schon Donnerstagabend ab, „ich habe meine Sicht der Dinge ausführlich gegenüber dem SPIEGEL dargelegt. Von weiteren Interviews werde ich absehen.“

Denn: „ Natürlich lohnt sich der Aufwand nur, wenn die das dann auch exklusiv haben.“ Selbst im Moment des absoluten Scheiterns bemüht Vaut noch die ganz große Geste: Auf die Frage nach dem Warum, vergleicht er sich dem Magazin gegenüber mit Frank Underwood, dem US-Präsidenten aus der Serie „House of Cards“. Vaut: „Bei Frank Underwood ist es doch so, dass er sich von kleinen Sachen immer weiter reinreitet, und dann wird es immer schlimmer.“

Im Grunde ist es erstaunlich, wie gelassen Werner Jumpertz und seine von Vaut vorgeführte Truppe noch reagieren. Sicher, strafbar ist es nicht, was Vaut gemacht hat. Er ist halt ein Hochstapler, der wie alle Hochstapler die Naivität seiner Gegenüber durch Bauchpinseleien auszunutzen weiß. Doch die SPD muss sich schon fragen lassen, wie und warum sie in der Stadt Brandenburg nicht erst genommen werden will und werden kann.

Denn jetzt, acht Wochen vor der Wahl, bietet sie ein desaströses Bild des Scheiterns. Sowohl Jumpertz als auch Britta Kornmesser vermitteln nicht den Eindruck, als wären sie noch Herr des Verfahrens. Und diesen Eindruck hinterlässt die SPD seit mehr als 15 Jahren.

Von Benno Rougk

Dieses Geigenspiel lässt aufhorchen. Der Violinenvirtuose Dmytro Udovychenko ist Gast der Brandenburger Symphoniker und hat das Publikum sofort auf seiner Seite. Dabei hat es das Programm in sich.

29.03.2019

Ein 84 Jahre alter Mann wollte in einem Lebensmitteldiscounter eine Flasche Pfefferminzlikör klauen. Doch der Ladendetektiv hatte andere Pläne und ertappte ihn auf frischer Tat.

29.03.2019

In sechs Wochen können die Auto- und Lastwagenfahrer über die neue Bundesstraße 102 nach Brandenburg fahren. Ab dem 13. Mai wird auch die alte B 102 bei Paterdamm abgerissen.

29.03.2019