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Brandenburg/Havel „Schule der Neonazis“ in Kirchmöser
Lokales Brandenburg/Havel „Schule der Neonazis“ in Kirchmöser
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00:29 21.03.2015
Weil der Saal groß und festtauglich ist, feiern Bürger und Vereine aus Kirchmöser bei Ludendorffs.
Weil der Saal groß und festtauglich ist, feiern Bürger und Vereine aus Kirchmöser bei Ludendorffs. Quelle: MAZ
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Brandenburg an der Havel

Die anderen feiern dort Hochzeiten oder Geburtstage, weil der renovierte Bauernhof so einen schönen großen Saal hat.

Am Wochenende hatte die Märkische Heide einschlägigen Besuch. Gisa Pahl (57) referierte zum Thema „Wahn – überall Wahn“. Die Hamburger Rechtsanwältin hat schon Ex-NPD-Chef Udo Voigt und andere Größen der Neonazi-Szene vor Gericht verteidigt und verrät auf ihrer Internet-Seite in Frage-Antwort-Form, welche ausländerfeindlichen Sprüche straffrei bleiben, wie viele verfassungswidrige Kennzeichen oder volksverhetzende Medien der gemeine Neonazi besitzen darf und unter welchen Umständen eine volksverhetzende Äußerung erlaubt ist.

In ihrem Wahn-Vortrag am Wochenende beklagte Pahl nach MAZ-Informationen, welchen Anfeindungen sie ausgesetzt ist, nur weil sie Rechtsextremisten verteidige. Ideologisch passgerecht war am Wochenende auch Klaus-Wolfram Schiedewitz Gastreferent.

Er ist Vorsitzender des Vereins „Gedächtnisstätte“ im thüringischen Guthmannshausen und gilt dem Niedersächsischen Verfassungsschutz als Teil eines „Netzwerks von Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten, die das nationalsozialistische Deutschland von Schuld reinwaschen“. Die Tagungsteilnehmer in Kirchmöser huldigten am folgenden Sonntagmorgen zunächst der ostpreußischen Dichterin und bekennenden Nationalsozialistin Agnes Miegel (1879–1964), ehe das Thema Pegida auf dem Programm stand.

Angemeldete Gäste durften an der Tagung teilnehmen. Dafür hatte Wolfgang Peetz (61), Pächter der Ludendorffer, sogar geworben. Er legte Einladungskarten beim Fleischer in Kirchmöser und in der Sankt-Annen-Galerie aus.

Rassismus und Antisemitismus

Mathilde Ludendorff (1877–1966) war Lehrerin, Ärztin und Schriftstellerin. Die zweite Ehefrau Erich Ludendorffs gilt als überzeugte Antisemitin, die die völkische Bewegung der „Deutschen Gotterkenntnis“ begründete.
Der Verein Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) sieht es als seine Aufgabe an, „die Erkenntnisse der Philosophin Mathilde Ludendorff zu pflegen und weltanschaulich suchenden Menschen zu übermitteln“.
„Rassismus und Antisemitismus
durchziehen die Weltanschauung und werden regelmäßig auf Seminaren und Tagungen vermittelt“, schreibt das Innenministerium in seinem jüngsten Verfassungsschutzbericht im Kapitel „Rechtsextremismus“.
Der Hof Märkische Heide in Kirchmöser gehört dem Verein seit 1999. Er hat ihn zu einem Feriendomizil für Mitglieder umgebaut und an Wolfgang Peetz’ GmbH verpachtet, welche Räume dort auch privat vermietet.
Die städtisch finanzierte Tourismus-Gesellschaft STG wollte den Kontakt dorthin zwar von ihrer Internetseite nehmen. Wer gezielt sucht, findet den Hof Märkische Heide dort aber immer noch, inzwischen zusätzlich versehen mit der Buga-Infotelefonnummer.

Peetz bemüht sich um einen guten Kontakt zur Nachbarschaft. Kirchmöser kennt den Oberfranken als „den Barfußläufer“, weil er stets barfuß anzutreffen ist. Im Ort tritt er freundlich auf, zeigt Präsenz, plaudert – und vermietet interessierten Bürgern und Vereinen den großen Saal der Ludendorffer für Familienfeiern. Silvester stieg dort ebenfalls ein privates Fest.

Der Pächter berichtet, dass sogar der „Polizeipräsident von Magdeburg“ vor längerer Zeit im Saal der Ludendorffer gefeiert habe und angetan gewesen sei. Als die Freiwillige Feuerwehr Kirchmöser dort 2011 zum 75-Jährigen ihre Sause machte, blieb Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) dem Fest im Haus der Rechtsextremisten aber demonstrativ fern.

Ortsvorsteherin Indes Budick vom Bürgerverein Pro Kirchmöser bestätigt, dass sich mancher im Ort von der braunen Sekte nicht abschrecken lässt und in der „tollen Location“ feiert. Sie findet das nicht richtig. Budick: „Man sollte sich schon genau überlegen, wem man da eigentlich sein Geld gibt.“ Veranstaltungen wie am Wochenende sind ihr und dem Bürgerverein ein Graus. Daher hatten Pro Kirchmöser und die Evangelische Kirche darauf mit einer Infoveranstaltung und einem „bunten Flohmarkt“ an der Kirche reagiert.

Gleichwohl hört die Ortschefin immer wieder, was für ein toller, netter Mensch Peetz doch sei. Sein Werben um Kirchmöseraner hatte am Sonntag zumindest teilweise Erfolg. Einige ältere Frauen kamen tatsächlich zu Kaffee, Kuchen und Pegida und sorgten somit dafür, dass die mäßige Teilnehmerzahl auf knapp zwanzig stieg. Am Gespräch über die Protestbewegung Pegida beteiligten sich die Frauen aus dem Ortsteil aber nicht. Sie waren einfach nur da.

Von Jürgen Lauterbach

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