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Brandenburg/Havel Der Himmel blüht auf
Lokales Brandenburg/Havel Der Himmel blüht auf
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14:02 28.12.2018
Zwischen den Kreuzbögen an der Decke sind die Ranken und Blumen noch relativ gut erhalten. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Brandenburg/H

Es ist ein surreales Bild, das sich dem Betrachter im Oberen Kreuzgang des Nordflügels im Dom bietet: verwirrend, märchenhaft, geheimnisvoll. Die Freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie), die Praktischen Künste (Landwirtschaft, Bekleidung, Waffenschmiede, Bauhandwerk, Handel, Heilkunst und Schauspielkunst), die vier Allegorien (Theologie, Wissenschaft, Poesie und Herstellung) im Grünen, inmitten prächtiger Blüten.

Gefunden wurden die Secco-Malereien bereits im Jahr 2000, es ist das Verdienst der einstigen Diplomrestauratorin Birgit Malter, diese Malereien erstmals zu- und eingeordnet zu haben.

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Studium im Grünen: Die Freien und Praktischen Künste, die vier Allegorien – alles in einem großen Blütenmeer. Schöne Idee der Wissensvermittlung im späten Mittelalter.

Von den zehn Kreuzgewölbe-Jochen sind noch acht erhalten, die anderen beiden wurden beim Abriss des Westflügels zerstört. Aus den Schlusssteinen in der „Spitze” jedes Joches „wachsen” Ranken verschiedener Gewächse: Im ersten Joch Akanthus (Heilpflanze, volkstümlich Bärenklau), im zweiten Rosen, im dritten Lilien, im vierten Weinreben und Trauben. Das Prinzip der Darstellung ist immer gleich: Zwei Ranken bilden ein Oval, treffen sich in einer Krone und verästeln sich in den Zwickeln der Kappen. Deren Rippenbögen sind mit gewundenen Bändern bemalt.

 

Rankenmalereien, figürliche Darstellungen, lateinische Schriftblöcke und architektonischer Schmuck finden sich an den Wänden, in Nischen und Fensterlaibungen. Bordüren und Marmorinkrustationen (Malerei in Licht und Schatten) begrenzen ebenfalls großflächige Rankenarabesken. Darüber sind teilweise fünfzeilige Textblöcke zu sehen. Im zweiten Joch der Nordwand konnte das Bildnis einer Frau freigelegt werden, die mit einer vierreihigen Perlenkette geschmückt ist und eine Harfe in den Händen hält. Sie sitzt innerhalb einer zinnenbewehrten Mauer. Außerhalb sind drei Gestalten beim Arbeiten zu erkennen, es könnte eine Darstellung des Ackerbaus sein.

Der Nürnberger Humanist und Historiker Hartmann Schedel (1440-1517) transkribierte um 1460/70 einen Wandmalereizyklus in der Bibliothek einer Niederlassung der Prämonstratenser mit Bildern der sieben freien Künste, der Handwerkskünste, der Theologie und der Medizin. Sein Bruder Hermann Schedel beschreibt zudem die heilige Theologie, „das Bild einer sehr schönen Frau..., eine Krone auf dem Kopf, unter der sich die bischöfliche Inful (Stirnband) befindet..., in der rechten Hand ein Szepter, einen Reichsapfel in der linken Hand haltend, mit offenen Haaren”. Diese Beschreibung ist fragmentarisch auf der Südwand zu erkennen.

Mittlerweile sind ein Dutzend Jahre vergangen, die Domklausur, die einst als wohl als Bibliothek gedient hat, ist Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Untersuchung geworden, an der gleich zwei Universitäten beteiligt sind. Im Herbst 2017 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG ein auf drei Jahre angelegtes Projekt finanziert: „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur. Kunstproduktion und Wissensorganisation um 1450.“ Ulrike Heinrichs, Lehrstuhl-Inhaberin für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Paderborn leitet den kunstgeschichtlichen Teil des Projekts. Ihre Kollegin Ursula Schädler-Saub von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen HAWK verantwortet das Konservierungswissenschaftliche Projekt.

Veränderungen der Farben

Die Schwierigkeiten beim Erhalten der Malereien liegt teilweise in der Zusammensetzung der Farben.

Diese bestehen überwiegend aus mineralischen Pigmenten, beispielsweise Azurit (blau) und Malachit (grün). Für die Lasuren wurden teilweise organische Farbmittel verwendet.

Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass sich die Azurit-Mineralien vom Blauen ins Grüne verwandeln. Ähnliche Effekte wurden im Kloster Ziesar schon beobachtet.

Die im späten Mittelalter verwendeten Farben waren viel kräftiger als sie heute erscheinen, Kalk und Licht haben bleichende Wirkung.

Während in den Gewölben die ursprünglichen Malereien aus dem Mittelalter großflächig freigelegt werden konnten, haben die Restauratoren gerade an den Wänden mit mehreren Problemen zu kämpfen. Die polychromatischen (vielfarbigen) Seccomalereien auf trockenem Putz sind Teil der großzügigen Umbaumaßnahmen unter der Ägide von Bildungsbischof Stefan Bodecker (1384-1459), der von 1421 an 38 Jahre lang bis zu seinem Tod das Kloster führte. Diese Malereien sind mehrfach übermalt worden, sie waren nur bis zum frühen 19. Jahrhundert sichtbar. Seitdem wurden sie durch einfarbige Anstriche verdeckt. Von 1905 und 1930 sind solche Übermalungen überliefert. 1930 ließ der Berliner Professor Paul Thol auf heller Grundierung die Adelswappen märkischer Adelsfamilien gestalten. Die Leimfarben wurden 1950 wieder ausgewaschen. Putzausbrüche durch Risse, verlegte Stromleitungen und das Abwaschen setzten den mittelalterlichen Malereien zu. Die Risse waren das Schlimmste. 1828 wurden die Strebepfeiler an der nördlichen Außenwand entfernt, diese klappte in Richtung Norden, an den Scheidwänden entstanden bis zu 15 Zentimeter breite Risse.

Scheitelpunkte der Gurtbögen wurden geschwächt, Formsteine senkten sich ab. Der Bogen im achten Joch musste von einem Gerüst aufgefangen werden. Erst 1994 kam das Gebäude zur Ruhe, nachdem die Fundamente nachgegründet und Zuganker zwischen Erd- und Obergeschoss eingezogen worden waren.

Mit Hilfe von zerstörungsfreien und zerstörungsarmen analytischen und bildgebenden Verfahren erfolgten im Juli 2017 unter anderem ein Auswerten und Visualisieren der im natürlichen Licht nicht erkennbaren Komponenten der Wandmalerei als Grundlage für die weiterführende Forschung. Es erfolgte erst einmal eine umfangreiche Dokumentation der Bestände. Vermesser haben mit dem Tachymeter den ganzen Kreuzgang millimetergenau in allen seinen Verformungen erfasst, in jedem Joch 15 bis 20 Messungen vorgenommen, so dass ein sehr genauer Grundriss sowie Querschnitt entstand. Die Bauforscherin Stephanie Bassen und der Denkmalpfleger Arnold Kreisel haben mit einer hochauflösenden Kamera alle Darstellungen aus den verschiedensten Winkeln fotografiert. Die Einzelbilder werden alle übereinandergelegt, so dass ein dreidimensionales Bild entsteht, das aus allen Lagen betrachtet werden kann. Es ist faktisch eine Rundumsicht ohne eine Verzerrung. Dazu braucht es mindestens 80 Bilder pro Joch – das komplexe Foto hat dann jeweils eine Datenmenge von etwa 120 Megabyte. Die orthogonalen Bilder ohne Perspektiven brauchen die Wissenschaftler für ihre Arbeit.

Andere Forscher werden dann noch mit Infrarotaufnahmen den übereinanderliegenden Farbschichten auf den Grund gehen, nach Vorzeichnungen suchen oder – salopp gesagt – den Pinselschwung nachempfinden. Selbst wenn das bislang Sichtbare nur konserviert wird, gibt es mit der heutigen Technik bestimmte Darstellungsformen. Das Fraunhofer-Institut hat ein Verfahren entwickelt, um aus Hyperspektralmessung und Augmented Reality (erweiterte Realität) verblichene Malereien wieder sichtbar zu machen.

Genau diese Aufgabe haben nun Masterstudenten beider Universitäten unter Anleitung ihrer Professoren. Ursula Schädler-Saub untersucht praktisch jeden sichtbaren Pinselstrich, sie schaut nach Brüchen, nach Übermalungen, nach den Maltechniken und den Bedingungen des Zustandekommens. „Im 15. Jahrhundert wurde etwas schlampig gemalt, mal auf Putz, mal auf Schlämme.“ Begeistert zieht sie den Besucher durch den halben Gang, zeigt auf jede Stelle, an der auch der Laie nachvollziehen kann, was sie umtreibt. Der Kreuzgang ist für sie so etwas wie eine Schatzkiste, die Malereien und Darstellungen allenfalls vergleichbar mit dem Rathaussaal im italienischen Siena, wo es einen ähnlichen Zyklus zu den Wissenschaften und Künsten gibt. Aber nördlich der Alpen ist das hier schon etwas ganz Besonderes.

Und was hat der heutige und künftige Besucher davon? Viele Teile sind wie gesagt verloren, manche nur fürs ganz geübte Auge sichtbar, manches erschließt sich aus dem Zusammenhang des verbliebenen Puzzles. Fest steht: Historisierend nachgemalt wird nichts. Auch für die Professorin von der HAWK ist es denkbar, dass in einigen Jahren Besucher durch den Kreuzgang gehen, ein Tablet vor die Bildfragmente halten und faktisch das komplette Bild auf dem Bildschirm sehen. Sie hält es mit dem italienischen Kunsthistoriker und Restaurierungstheoretiker Cesare Brandi, der einst von der „potenziellen Einheit des Kunstwerks“ sprach.

Bis dahin ist noch einiges zu tun. Das wissenschaftliche Projekt dauert noch bis Herbst 2020, erst dann wird der Kreuzgang wieder frei begehbar sein. Bislang ist das nur in organisierten Führungen möglich.

Von André Wirsing